Dienstag, 11. Juli 2017

Carolin Hagebölling - Der Brief



Verlag: dtv
Seiten: 220
Erschienen: 09. Juni 2017
Preis: 14.90 Euro (Ebook: 12.99 Euro)






Wenn ein Brief dein Leben auf den Kopf stellt...

Als Marie einen Brief von ihrer alten Freundin aus Kindertagen erhält, denkt sie sich zunächst nichts weiter dabei. Beim Lesen wird ihr allerdings schnell deutlich, dass sich ihr Leben mit diesen Zeilen verändern würde. Denn in dem Brief ist von Maries Leben in Paris die Rede, von ihrem Mann Victor und der erfolgreichen Galerie, die die beiden gemeinsam führen. Marie allerdings wohnt in Hamburg, lebt glücklich mit ihrer Freundin Johanna zusammen und arbeitet als freie Journalistin. Zunächst versucht Marie den Brief zu ignorieren, schnell wird ihr aber klar, dass das nicht möglich ist. Sie entschließt sich nach Paris zu reisen, um dem Geheimnis des Briefes auf den Grund zu gehen, und findet sich in einem Leben wieder, das ihr gleichzeitig furchtbar vertraut und furchtbar fremd vorkommt...

Stellt euch vor, ihr bekommt einen Brief, der von einem Leben erzählt, das ihr nie gelebt habt. Der Klappentext von Carolin Hageböllings Debütroman "Der Brief" versprach eine ungewöhnliche und spannende Geschichte und ich wurde nicht enttäuscht. 
Wir begleiten die Protagonistin Marie bei ihrem Versuch ihr aus den Fugen geratenes Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Ein Leben, das wegen ein paar Zeilen in einem Brief völlig auf den Kopf gestellt wurde. Zugegeben, ich wusste nicht wirklich, was mich in der Handlung des Buches erwarten würde. Würde der Verlauf rational gehalten werden oder gab es einfach Dinge, die man sich nicht erklären kann, und dementsprechend mystische und geheimnisvolle Elemente würde es in "Der Brief" zu entdecken geben? Nach der Lektüre ist es wohl eine Mischung aus beidem. Carolin Hagebölling ist eine gewiefte Geschichte gelungen, die mit verschiedenen Realitäten spielt und die eine Faszination ausübt, die gleichsam anziehend und verstörend wirkt. Als Leser fliegt man nur so durch die Seiten, unsicher, ob man es mit einem unerklärlichen und mystischen Phänom zu tun hat oder ob man mit einer Protagonistin konfrontiert wird, die langsam aber sicher an die Grenzen ihrer geistigen Gesundheit gelangt. Die Autorin spielt wahrlich nicht nur mit den Realitäten, sondern auch mit den Wahrnehmungen ihrer Leser, in dem sie ihnen eine Richtung weist, die zunächst als absolut richtige erachtet wird, um dann nur kurze Zeit später in Scheinheiligkeit zu versinken. Die Botschaft in der Geschichte ist so deutlich, dass sie einem von jeder Seite entgegen scheint: Nichts ist so, wie es scheint. 
Du kannst glauben den richtigen Weg gewählt zu haben und das für dich richtige Leben zu leben, nur um dann herauszufinden, dass es bloß einer winzigen anderen Entscheidung bedarf, um dein ganzes Leben komplett zu ändern. Es ist schon erstaunlich, wie es der Autorin auf gerade einmal 220 Seiten gelingt existentielle Fragen des Lebens aufzuwerfen, die einen auch über das eigene Leben grübeln lassen und wie es möglicherweise aussehen würde, wenn man eine andere Abzweigung genommen hätte.
"Der Brief" ist eine atemlos spannende Geschichte geworden, dessen Ende nicht nur besonders klug, sondern auch aussagekräftig konstruiert wurde. Nichts ist so, wie es scheint. Eine Geschichte, die zu diesen Büchern gehört, die man an einem Tag liest, die aber noch lange danach durch den Kopf geistert. 

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