Mittwoch, 21. Juni 2017

Jonas Winner - Murder Park




Verlag: Heyne
Erschienen: 13. Juni 2017
Seiten: 414
Preis: 12.99 Euro 
(Ebook: 9.99 Euro)







Herzlich Willkommen im Murder Park, treten Sie ein, wenn Sie sich trauen!

Ein Insel vor der Ostküste der USA, die vor vielen Jahren den Freizeitpark 'Zodiac Island' beheimatete. Einen Ort der Freude und des kindlichen Vergnügens, bis ein Killer drei Frauen auf bestialische Art und Weise in dem Park tötete und dieser daraufhin geschlossen wurde. 
Zwanzig Jahre später ist vom ursprünglichen 'Zodiac Island' nur noch ein paar Ruinen übrig geblieben. Doch die Insel soll durch ein neues Projekt wieder belebt werden. Der sogenannte 'Murder Park' steht ganz im Zeichen von berühmten Serienkillern und soll mit den Ängsten seiner zukünftigen Besuchern spielen. 
Paul Greenblatt schließt sich mit elf weiteren Personen einer Pressevorführung, vor der offiziellen Eröffnung des Parks, an und will das Wochenende auf dem ehemaligen Gelände von 'Zodiac Island' verbringen. Doch plötzlich geschieht ein Mord und schnell wird deutlich: ein Killer geht auf der Insel um. Jegliche Verbindungen zur Außenwelt werden gekappt und die nächste Fähre kommt erst in drei Tagen...

Obwohl das Szenario, das Jonas Winner in seinem Thriller "Murder Park" inszeniert schon unzählige Male in anderen Büchern und Filmen genutzt wurde, hat es für mich persönlich immer wieder einen ganz individuellen Reiz. Eine Gruppe von Personen, ausgesetzt und abgeschnitten von der Außenwelt, konfrontiert mit dem Unvollstellbarem und niemand, der weiß, ob sich ein unbekannter Mörder auf der Insel aufhält, oder ob der Killer möglicherweise sogar unter ihnen weilt. Jonas Winner bedient sich hier an einem Stoff, der sicherlich nicht neu ist, und trotzdem hat es mich überrascht, wie anders und wie neu "Murder Park" schlussendlich doch geworden ist.
Das lag vor allem an dem Protagonisten Paul, über den man zunächst im Unklaren gelassen wird. Lange ist man sich, als Leser, auch überhaupt nicht sicher, ob Paul wirklich die Hauptfigur in der Geschichte ist, bis dann, im Laufe der Handlung, immer mehr Details aus seiner Vergangenheit bekannt werden, die den Leser in wilde Spekulationen ausbrechen lassen und Paul einen mehr als deutlichen Status einer Hauptfigur verleihen. Der nächste Punkt dreht sich um die Schuldfrage. Natürlich wird mit dieser, angesichts des beschriebenen Szenarios, auf allen möglichen Arten und Weisen gespielt. 
Wer könnte der Killer sein?
Doch Jonas Winner hebt das Spielen mit der Schuldfrage noch einmal auf ein ganz neues Level, in dem er seine Figuren, die allesamt zunächst völlig undurchsichtig erscheinen, nach und nach immer sichtbarer macht. Das geschieht vor allem durch Unterbrechungen in der Erzählstruktur von "Murder Park", die sich in diesem Fall durch Interviews der einzelnen Protagonisten, durch einen Psychiater, der die Tauglichkeit der Personen für die Pressevorführung testen soll, äußern und immer wieder zwischen den einzelnen Kapiteln eingeschnitten wurden. So wird der Leser, genau wie bei der Hauptfigur Paul, schrittweise mit einzelnen Fragmenten der jeweiligen Vergangenheiten der Protagonisten konfrontiert und weiß dann irgendwann überhaupt nicht mehr, wer auf der Insel das mörderische Spiel treibt. 
Auch die Doppelmoral, die der Leser empfindet, wenn er erfährt, um was es eigentlich bei "Murder Park", als Attraktion, geht, möchte ich noch einmal hervorheben. Man reagiert empört auf die Idee einen Themenpark zu kreieren, bei denen reale Serienkiller im Vordergrund stehen und auch die Details zu dieser Idee, die erst im Laufe der Handlung ausführlich erörtert werden und auf die ich, aufgrund der Erhaltung der Spannung, an dieser Stelle nicht weiter ausführen, feuern diese Empörung noch einmal an.
Was ist mit den Angehörigen der Opfer?,denkt man sich als Leser moralisierend. 
Wie voyeuristisch muss man veranlagt sein, um so einen Park besuchen zu wollen?
Gleichzeitig entdeckt man sich selbst, als Leser, in dieser Rolle des Voyeurs, da man ganz klar Zuschauer der mörderischen Ereignisse im 'Murder Park' ist. Natürlich findet man diese Doppelmoral in vielen Thrillern, bei Jonas Winner's "Murder Park" ist sie mir allerdings auf jeder Seite ins Gesicht gesprungen. 
Der Schauplatz, der auf den Ruinen eines ehemaligen Freizeitparks angesiedelt ist, in dem gemordet wurde, steuert dann sicherlich sein Übriges zur absolut gruseligen Atmosphäre in "Murder Park" bei. Ein unglaublich spannender und gelungener Thriller, der bereits etwaig gezogenen Hitchcock Vergleichen absolut gerecht wird. Und um noch einmal auf die Schuldfrage zurückzukommen, mit dem Ende hätte ich nicht gerechnet. 

Donnerstag, 15. Juni 2017

Lesemonat Mai

Hallo und Herzlich Willkommen zu meinem etwas verspäteten Lesemonat Mai. Im vergangenen Monat habe ich mal wieder meine obligatorischen neun Bücher gelesen. Dieses Mal war kein Ebook dabei. Insgesamt waren es 3676 Seiten. Das waren die Fakten, dann können wir ja loslegen. 
Beginnen wir mit dem Auftakt der Trilogie von der Autorin V.E. Schwab. Bei "Vier Farben der Magie" war ich sehr gespannt, was mich erwarten würde. Und was mich erwartete war eine Menge. "Vier Farben der Magie" ist ein Schatz für alle Fantasy-Liebhaber, weil man hier alles findet, was wir lieben. Vier verschiedene Welten, immer geht es um die Stadt London in verschiedenen Versionen. Im roten London lebt die Magie, im grauen London ist sie längst vergessen, im weißen London stirbt die Magie und das schwarze London zeigt das beste Beispiel, was geschieht, wenn Magie und Macht missbraucht wird. Mittendrin der Held Kell, der als einer der wenigen zwischen den Welten wandeln kann. Immer begleitet von einer unglaublich sympathischen weiblichen Heldin, namens Lila, die während der Handlung eine ganze Menge Potenzial entwickelt. Ich freue mich wahnsinnig auf die Fortsetzung, die im November diesen Jahres erscheinen wird. 
Weiter ging es im Mai mit meinem ersten Buch von der Autorin Banana Yoshimoto. "Moshi Moshi" ist ein sehr ruhige aber gleichsam eindringliche Geschichte über das Erwachsenwerden, in der es um zwei Frauen geht, die eine persönliche Tragödie auf ihre ganz eigene individuelle Weise zu verarbeiten versuchen. Der Vater der Protagonistin Yotchan, ein bekannter Rockstar, begeht mit einer unbekannten Frau aus heiterem Himmel Selbstmord. Zurück lässt er seine Ehefrau und sein einziges Kind. In dem Künstlerviertel Shimokitazawa versuchen die beiden Frauen einen Neuanfang, um zwar nicht ihre Vergangenheit zu vergessen aber um ihre Zukunft neu zu gestalten. Besonders gefallen hat mir die leise Erzählweise in der Geschichte und die Umgebung, in der Yoshimotos Roman spielt. Es wird auf jeden Fall nicht das letzte Buch sein, das ich von der Autorin lesen werde. Wer es noch etwas genauen haben möchte, ich habe zu "Moshi Moshi" eine Rezension geschrieben. 
Eine weitere Autorenpremiere gab es im vergangenen Monat bei Ian McEwan. "Abbitte" war mein erster Roman des Autors und ich war gleichfalls gespannt, was mich erwarten würde. Obwohl ich ein paar Anfangsschwierigkeiten hatte, weil die Handlung gerade am Anfang sehr langsam erzählt wurde, habe ich mich sehr schnell an McEwans besonderen Schreibstil gewöhnt und langsam aber sicher immer mehr Gefallen an der Geschichte gefunden. "Abbitte" erzählt die Geschichte verschiedener Personen, deren Leben durch ein elementares Ereignis im Verhalten eines jungen Mädchen verändert wurde. Sehr oft war ich wie elektrisiert in der Handlung gefangen und habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Das Ende der Geschichte hat mich dann noch einmal komplett verblüfft, und hat "Abbitte" zu einem großartigen Roman gemacht, der mich dazu gebracht hat meinen McEwan Büchervorrat noch einmal aufzustocken. 
Das nächste Buch aus dem Lesemonat Mai kommt von den wundervollen Königskindern. "Der Koffer" von Robin Roe gehört zu diesen Büchern, die ich überall gesehen habe und somit immer neugieriger wurde. Als ich es dann schlussendlich gelesen habe, wusste ich nicht wohin mit meinen ganzen Emotionen. Noch nie zuvor wollte ich in eine Geschichte hineinkriechen, um einen Protagonisten die Kraft zu spenden, durch die Handlung zu kommen. Noch nie zuvor wollte ich bestimmten Figuren in der Handlung den Kopf waschen, damit sie endlich aufwachen. "Der Koffer" ist so wahnsinnig gut geschrieben und so emotional, dass es weh tut und man mit jeder weiteren gelesenen Seite auf ein Happy End hofft, nein, man betet beinahe dafür, weil man es nicht ertragen könnte, wenn es anders wäre. Wenn man "Der Koffer" liest, nur mit Taschentüchern und der Gewissheit, dass man diese Geschichte lange nicht mehr vergessen wird. 
Weiter ging es im Mai mit der Fortsetzung von einer Trilogie, deren erster Teil mich komplett überrascht hat. "The Cage- Entführt" war der Auftakt einer brisanten Science-Fiction Geschichte mit einer frischen Idee und jeder Menge unerwarteten Wendungen. Die Fortsetzung "Gejagt" reihte sich zunächst in die typischen Fortsetzungsbände ein, die die Aufgabe haben einen gewissen Grad an Schnelligkeit aus der Handlung zu nehmen. Doch der zweite Teil blieb trotzdem wahnsinnig interessant zu lesen, weil hier, neben der Ausweitung des Interaktionsraumes der Protagonisten, vor allem moralische Begebenheiten in den Vordergrund gekehrt werden und welche Verantwortung die Figuren in der Geschichte gegenüber ihren Mitmenschen haben. Wer es noch etwas genauer haben möchte, ich habe zu "The Cage-Gejagt" eine Rezension geschrieben. 
Das nächste Buch kommt von Leigh Bardugo, die man vor allem von ihrer Grischa-Trilogie kennt. "Six of crows" ist der erste Band eines Zweiteilers, der im Oktober, unter dem Titel "Das Lied der Krähen" auch in Deutschland erscheinen wird. Da ich aber eher der ungeduldigere Typ bin, musste ich es schon auf Englisch lesen, was man allerdings nicht unbedingt als leichte Aufgabe betrachten kann, da es tatsächlich das schwierigste englische Buch war, das ich jemals gelesen habe. Es hat sich allerdings mehr als gelohnt. "Six of crows" ist eine fantasyreiche Geschichte, die sogar das Grischa-Thema inne hat und von der Handlung her ein bisschen an die Ocean Filme mit Brad Pitt und George Clooney erinnert. Obwohl es für mich persönlich sehr schwierig zu lesen war, habe ich es keine Sekunde bereut, auch wenn ich mir wohl trotzdem noch einmal die deutsche Version holen werde. Man kann sich auf jeden Fall drauf freuen. 
Das nächste Buch, aus dem Monat Mai, habe ich sehr lange aufgeschoben. Das hatte wieder einmal den Grund, dass ich sehr ungeduldig bin und der fünfte, und bekanntlich letzte Teil, der Lockwood & Co. Reihe noch ein bisschen auf sich warten lässt. Irgendwann ging es dann aber nicht mehr, und ich musste "Das flammende Phantom" endlich lesen und wie das nun einmal so ist bei Buchreihen, in die man sich verliebt hat, man hat schnell das Gefühl wieder nach Hause zu kommen oder gute Freunde nach langer Zeit wieder zu sehen. Obwohl ein verspuktes London, in dem pünktlich zur Dunkelheit verschiedene Geister die Straßen bevölkern, natürlich nicht immer der beste Ort ist, um zurückzukehren. Aber was soll schon passieren, wenn man so viele coole Leute um sich hat, wie es in dieser Geschichte der Fall ist. Auch "Das flammende Phantom" macht dieser großartigen Reihe mal wieder alle Ehre und ich freue mich schon riesig auf das Finale, auch wenn es dann wieder heißt Abschied nehmen. 
Weiter ging es im Mai mit dem Buch "Sieben Minuten nach Mitternacht" von Patrick Ness, dessen Verfilmung letzten Monat in die Kinos kam. Das war auch der eigentliche Grund, warum ich schlussendlich das Buch vom Stapel ungelesener Bücher befreit habe. Lustigerweise habe ich den Film bis jetzt immer noch nicht gesehen, das Buch hat mir aber sehr gut gefallen und die Verfilmung werde ich so schnell wie möglich nachholen. 
Zum Schluss wie üblich mein ganz persönliches Monatshighlight und eine weitere Autorenpremiere. "Hexensaat" war - Schande über mein Haupt - mein erstes Buch von der Autorin Margaret Atwood, die diese Woche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen bekommen hat. Und eine so herrliche Adaptionsart habe ich zuvor noch nie gelesen. "Hexensaat" ist eine mehr als ungewöhnliche Neuauflage von Shakespeares "Der Sturm" und ich habe mich verliebt auf allen Seiten in die Protagonisten und vor allem in den Schreibstil dieser wundervollen Autorin. Ich habe übrigens meinen Fehler z.T. schon behoben und mir jede Menge Bücher von Margaret Atwood nachbestellt, momentan lese ich "Der Report der Magd", das mich ebenfalls von Anfang an begeistert hat. Wer es zu "Hexensaat" noch etwas genauer haben möchte, auch hier habe ich eine Rezension geschrieben. 

Und das war er auch schon wieder. Mein Lesemonat Mai. Wieder waren durchweg gute Bücher und dann auch wieder großartige Bücher dabei. Ich bin gespannt, was mich im Juni erwarten wird.

Eure Lisa. 

Montag, 12. Juni 2017

Ann A. McDonald - Die Schule der Nacht




Verlag: penhaligon
Seiten: 445
Erschienen: 22. Mai 2017
Preis: 19.99 Euro (Ebook: 15.99 Euro)





Die Amerikanerin Cassandra Blackwell reist nach England, um die geheimnisvolle Vergangenheit ihrer verstorbenen Mutter zu ergründen. Mit im Gepäck hat sie ein mysteriöses Päckchen mit einer anonymen Nachricht, die folgendermaßen lautet:
"Du kannst dich nicht immer vor der Wahrheit verstecken. Bitte komm zurück, und bring alles zu einem guten Ende."
In dem Päckchen befindet sich zudem ein Foto ihrer Mutter in der schwarzen Robe der Oxford University. Cassandra, eine echte Überlebenskünstlerin, findet eine Möglichkeit sich in das alte College ihrer Mutter einzuschleusen und entdeckt schon bald eine Welt voller Traditionen, historischen Begebenheiten und exklusiven Privilegien. Zudem kommt die ehrgeizige Cassandra auf die Spur der geheimnisvollen Schule der Nacht, einer Geheimgesellschaft, um die sich zahlreiche Legenden ranken. Doch von dieser Geheimgesellschaft strahlt nicht nur eine unglaubliche Anziehungskraft auf Cassandra aus, die sie sich nicht erklären kann, sondern auch eine dunkle Macht. Zu spät erkennt Cassandra, dass sie sich in großer Gefahr befindet...

Neugierig gemacht bei dem Roman "Die Schule der Nacht" von Ann A. McDonald hat mich der unglaublich viel versprechende Klappentext. Trotzdem ging ich dann eher mit niedrigen Erwartungen an die Lektüre heran und war dann dementsprechend überrascht, dass ich sehr schnell einen Zugang in die Geschichte gefunden habe. Generell habe ich eine Schwäche für Bücher, in denen Geheimgesellschaften und etwaige Legenden, die sich um diese ranken, eine große Rolle spielen. Und "Die Schule der Nacht" hat sich diese Schwäche zu eigen gemacht, um eine Geschichte zu erzählen, die mich schlussendlich richtig begeistern konnte. 
Wir begleiten die Protagonistin Cassandra, wie sie, durch zahlreiche Unterlagen, historische Fakten und anonymen Hinweisen, langsam aber sicher das Puzzle um die Schule der Nacht zusammensetzt. Mir hat bei Cassandras Recherchen besonders ihre Hartnäckigkeit gefallen, was auch daran liegen mag, dass das Geheimnis um die Schule der Nacht und das Ergründen um die mysteriöse Vergangenheit ihrer verstorbenen Mutter irgendwann, innerhalb der Handlung, ineinander fließen. Von Bedrohungen oder Einschüchterungsversuchen, die bei dieser Art von Handlungsstrang irgendwann auftreten müssen, weil sich manche Geheimnisse nun einmal nicht gerne aufdecken lassen, hat sich die Protagonistin nicht beeindrucken lassen und konsequent ihren Weg fortgesetzt. Das hat dazu geführt, dass ich relativ schnell eine Verbindung zu Cassandra aufbauen konnte, und fast atemlos ihren Weg durch die dunkle Vergangenheit des Oxford Colleges mit verfolgt habe. Was mich zum zweiten Punkt führt, der mich dazu gebracht hat mich komplett in der Geschichte zu verlieren. 
Mit der Oxford University und dem Ort Oxford allgemein, lässt die Autorin ihr Buch in einer Umgebung spielen, an der es scheint, als würde an jeder Ecke Geheimnisse warten, die es zu erforschen gilt. Mit historischer Tiefe und einer unglaublichen Liebe zum Detail, vereint Ann A. McDonald hierbei historische Fakten, Fiktion und das Bild des alten und neuen Oxford miteinander, so wie es wohl nur jemand kann, der selbst dort studiert hat, wie es in der Autorenvorstellung deutlich wurde. 
"Die Schule der Nacht", das sind Geheimnisse, Rätsel, Mystik und Verschwörungen in einer Kulisse, die allein schon ihrer Geschichte all diesen Dingen ein perfektes Zuhause bietet. Aber vor allem ist "Die Schule der Nacht" eine Geschichte über eine junge Frau, die wissen möchte, wer sie ist und wohin sie gehört. Diese fast schon zart erzählte Heimatlosigkeit und die Suche nach seinem wahren Ich, verbunden mit einer unglaublich spannenden Handlung mit jeder Menge unerwarteten Wendungen und Nebencharakteren, die man nie ganz durchschauen kann, machen "Die Schule der Nacht" zu einem Buch, das nicht nur eine unglaubliche Faszination auf mich ausgeübt hat, sondern sich nahtlos in meinen Highlights einsortiert. 
Manch einer dieser besonderen Geschichte trifft man wahrscheinlich, wenn man am wenigsten damit rechnet. 

Donnerstag, 8. Juni 2017

(Teil 2) Leseliebeleien

Liebe Freunde,
in meiner neuen Rubrik 'Leseliebeleien' möchte ich meine kleinen, meist sehr emotionalen, Texte teilen, die ich über Bücher schreibe, die mich sehr begeistern und beeindrucken konnten. Ich habe mich dazu entschieden, dies, mit jeweils zwei Texten, in Teilen zu machen. Heute startet also Teil eins. 
Die Texte habe ich auf meiner Facebook Seite veröffentlicht und möchte somit eine kleine Sammlung anlegen.

Joey Goebel - Vincent 

Ich lege das Buch weg, schalte den Fernseher an und zappe mich ein bisschen durch das Programm. 
Eine von Kopf bis Fuß operierte Frau, die sich schöner machen wollte, schmettert verzehrte Töne einen in die Jahre gekommenen, sonnenbankgebräunten älteren Mann entgegen, der sich "Pop-Titan" nennt und damit brüstet alles in Gold zu verwandeln, was er anfasst, obwohl man eigentlich genau weiß, dass er schon lange nichts mehr berührt hat, was sich daraufhin in Gold verwandelt hat, außer seiner eigenen Haut. 
Auf einem anderen Sender tauschen Mütter Wohnorte, während woanders Sitcoms in Endlosschleife wiederholt werden und man sich fragt, ob die eigenen Darsteller sich selbst noch reden hören können.
Also schnell den Fernseher aus, das Radio angemacht, wo dann doch wieder Sender ihre Playlisten spielen, die bloß aus fünf Songs zu bestehen scheinen, die sich auch noch untereinander so ähnlich sind, dass man schwer unterscheiden kann, wo der eine Song aufhört und der andere anfängt, wenn man nicht schon vorher entnervt aufgegeben und das Radio ausgestellt hat.

Stille.
Keine neue Ideen.
Alles voller Wiederholungen.
Nur noch Remakes im Kino.
Und im Fernsehen werden Menschen bloß gestellt, weil diese sogar ihre Seele verkaufen würden, um nur einen Moment sich im Ruhm zu sonnen. Zu welchem Preis auch immer.
Es ist schon erschreckend, wie sehr man unsere momentane medientechnische Welt in Joey Goebel's "Vincent" wiederfindet. Eine Geschichte, die erzählt, wie ein begnadeter und unglaublich talentierter Künstler unsere Kultur retten soll, und dabei selbst bis zum Äußersten ausgemerzt wird. 
Ein großartiges Buch, in dem Rollen vertauscht werden, in dem auch das Thema 'Skrupel' einen bedeutenden Stellenwert bekommt. 
"Vincent" ist wichtig. Gerade in unserer heutigen Zeit. 

Ich nehme das Buch wieder in die Hand. Lächle, weil neben dem tieftraurigen Daseinsaspekt, den diese Geschichte inne hat, doch noch Hoffnung herumliegt.
Die Hoffnung und sogar die Gewissheit bald wieder hier zu sitzen, um ein gutes Buch zu lesen.


John Irving - Das Hotel New Hampshire

John Irving hat mir in den letzten Wochen etwas Wichtiges beigebracht. Dass man manchmal einfach dran bleiben muss, auch wenn man keine Motivation findet weiter zu machen. Dass man vielleicht etwas verliert, wenn man zu früh aufgibt. Und er hat so Recht, denn ich hätte eine einzigartige und bezaubernde Geschichte verloren.
Als ich "Das Hotel New Hampshire" aufgeschlagen habe, und die ersten Seiten anfing zu lesen, hat mich Irvings Schreibstil komplett überfordert. Ich kam einfach nicht zu dem Punkt, in dem ich mich in die Geschichte fallen lassen konnte und mehr als einmal habe ich überlegt das Buch beiseite zu legen und es möglicherweise ein anderes Mal weiter zu lesen  (Was man ja meistens sowieso nicht macht!)
Aber irgendetwas hielt mich zurück und ich las weiter. Es ist ein unglaublich eigentümlicher Zauber, der diesem Buch inne wohnt und der mich zwar ganz langsam aber doch stetig gefangen nahm und plötzlich habe ich eingecheckt im Hotel New Hampshire. 
Gott, was hat Irving für ein Talent seinen durchweg schrägen aber unglaublich originellen und besonderen Charakteren Leben einzuhauchen. Das ist ja so intensiv, dass es schon fast beängstigend ist. 
Ich habe selten etwas so Tragisches, Liebevolles, Bezauberndes, Trauriges, Melancholisches und absolut Besonderes gelesen. 
Und es war mein erster Irving, was hab ich da noch alles nachzuholen? 
Es gab Anlaufschwierigkeiten, doch dann war es Liebe auf den zweiten Blick.

Sonntag, 4. Juni 2017

Megan Shepherd - The Cage - Gejagt






Verlag: Heyne fliegt
Seiten: 432
Erschienen: 09. Mai 2017
Preis: 12.99 Euro (Ebook: 9.99 Euro)











Achtung! Die folgende Rezension könnte Spoiler zum ersten Band der Trilogie enthalten. 


Nach der missglückten Flucht aus ihrem künstlich angelegten Gehege der außerirdischen Raumstation der Kindreds, findet sich Cora auf der Hauptstation einer grausamen Safari wieder, in der die Kindreds unschuldige Tiere jagen, um weiter an der Menschheit zu forschen. Als eine Art Wildhüter werden Cora, Lucky und ein paar andere Jugendliche von der Erde, selbst wie Tiere gehalten und nur mit dem Mindesten ausgestattet. 
Nach Cassians Verrat an den Freunden, fällt es Cora sehr schwer dem Kindred erneut ihr Vertrauen zu schenken. Ihre widersprüchlichen Gefühle ihm gegenüber machen die ganze Situation nicht besser. Doch plötzlich erhält Cora brisante Informationen über ihren alten Heimatplaneten und es bietet sich ihnen erneut die Gelegenheit zur Flucht. Doch dieses Vorhaben gelingt nicht ohne Cassians Hilfe. Kann Cora ihm erneut vertrauen?

"The Cage-Gejagt" ist der zweite Band aus Megan Shepherds Trilogie und wie das bei Folgebänden häufiger der Fall ist, verliert der Handlungsstrang, während der Lektüre, etwas an Spannung. Trotzdem würde ich "Gejagt" als eine gelungene Fortsetzung bezeichnen, weil der Fokus auf andere Dinge gelegt wurde. 
Nachdem im ersten Band die Auflösung um Coras Entführung noch eine unglaubliche Frische und Aktualität in die Handlung brachte, gewöhnt man sich als Leser langsam an die ungewöhnliche Situation von Cora und ihren Freunden, auch wenn die Empörung über die Verhaltensweisen einzelner Kindreds gegenüber der menschlichen Spezies und gegenüber den Tieren bleibt. Der Eindruck, Zeuge eines permanenten Forschungsexperiments zu sein, bleibt auch im zweiten Band erhalten. 
Nachdem die Jugendlichen im ersten Teil größtenteils ihre gemeinsame Flucht im Kopf hatten, wirft der zweite Band plötzlich moralische Fragen in den Raum. Die Jugendlichen lernen in "Gejagt" mehr von der geheimnisvollen Raumstation kennen, der Aktionsradius weitet sich aus und sie erkennen, dass es noch viel mehr Entführungsopfer von der Erde gibt. Die moralische Instanz wird hierbei vor allem durch den Charakter 'Lucky' vertreten, der sich fragt, wie viel Verantwortung sie gegenüber den anderen Menschen auf der Raumstation haben. Und das macht den vorliegenden Band tatsächlich sehr interessant, weil auch der Leser in diesen moralischen Zwiespalt gerät, in dem er zwar den Protagonisten die Flucht aus ihrem Gefängnis aus vollem Herze gönnt, aber auch Luckys Bedenken nachvollziehen kann. Auch die Figur des 'Leon' erfährt im zweiten Band der Trilogie einen interessanten Charakterwandel, der ihn sogar teilweise als eine Art Heldenfigur erscheinen lässt. 
Das Setting, in dem die Geschichte spielt, ist sicherlich nach wie vor unglaublich bemerkenswert und gut konstruiert, vor allem, weil man im zweiten Band noch einen tieferen Einblick in den Handlungsort bekommt.
So bleibt die "The Cage" Trilogie eine Buchreihe, die mich sehr überraschen konnte, weil ich ihr im Vorfeld so viel Potenzial nicht zugetraut hätte. Ich freue mich schon auf den Abschluss der Trilogie. 

Sonntag, 21. Mai 2017

Banana Yoshimoto - Moshi Moshi




Verlag: Diogenes
Seiten: 304
Erschienen: 26. April 2017
Preis: 12 Euro (Ebook: 9.99 Euro)








Die junge Yotchan zieht von zu Hause aus. Ihr Weg führt sie in das angesagte japanische Viertel Shimokitazawa. Wenig später zieht auch Yotchans Mutter bei ihr in die Wohnung ein. Der Grund für das Zusammenleben der beiden Frauen ist ein sehr trauriger: Yotchans Vater, ein bekannter Rockmusiker, hat sich mit einer unbekannten Frau das Leben genommen. Völlig geschockt vom Ehemann und Vater auf so eine Art und Weise verlassen worden zu sein, versuchen die Frauen behutsam einen Neuanfang zu wagen. Eine große Hilfe ist ihnen dabei ihr neues Zuhause, das sowohl in kultureller, als auch in kulinarischer Hinsicht einiges zu bieten hat. 
Doch während ihres Weges aus der Trauer, müssen Yotchan und ihre Mutter immer wieder Rückschläge einstecken und begreifen, dass die Geister der Vergangenheit sicher nicht so leicht abschütteln lassen...

"Moshi Moshi" war mein erstes Buch von der Autorin Banana Yoshimoto und ich war sehr gespannt, was mich in der Geschichte erwarten würde. Leise aber unglaublich eindringlich erzählt die Autorin die Geschichte von Mutter und Tochter, die vom Selbstmord ihres Ehemannes und Vaters zunächst völlig aus der Bahn geworfen, langsam wieder ins Leben finden. Dabei wirkt die Geschichte an keiner Stelle zu schwer, wie man das von anderen Büchern kennt, die ein trauriges Hauptthema haben. 
Diese gewisse Leichtigkeit, die der Handlung anhaftet, hat vor allem mit der unmittelbaren Umgebung zu tun. Das Szeneviertel Shimokitazawa wird von Yoshimoto auf wunderbare Art und Weise beschrieben. Während des Lesens bekommt man fast selbst das Gefühl durch die bunten Gassen des Viertels zu flanieren, kulinarische Köstlichkeiten zu probieren und sich Geschichten von alteingesessenen Bewohnern anzuhören. Ich finde es persönlich immer sehr beeindruckend, wenn Autoren auf so eine intensive Art und Weise erzählen können, dass man am liebsten ins nächste Flugzeug steigen möchte, um sich selbst ins Getümmel zu stürzen. 
Innerhalb der Handlung hat mir besonders die gut dargestellte innere Zerrissenheit der Protagonistin Yotchan gefallen. Als sie von zu Hause auszieht, möchte sie unbedingt unabhängig werden. Als dann allerdings ihre Mutter vor ihrer Tür steht, bricht diese mühsam aufgebaute Unabhängigkeit in sich zusammen. Yotchan steht zwischen ihrer zweigeteilten Vergangenheit, die mit schönen Erinnerungen an ihre Kindheit durchflutet ist, die aber auch immer wieder von dem Selbstmord ihres Vaters überschattet wird und zwischen ihrer Gegenwart, in der sie die Beziehung zu ihrer Mutter neu definieren muss. Zudem sieht sie ihre Zukunft, in der sie erwachsen und unabhängig ein eigenständiges Leben führen will. Ganz besonders der mysteriöse Selbstmord von Yotchans Vater wirft sie immer wieder in die Vergangenheit zurück. 
"Moshi Moshi" ist eine kurzweilige, leichte und interessante Geschichte über das Erwachsenwerden geworden. Das Lebensgefühl Japans durchdringt jede Seite dieses Buches und es wird sicher nicht mein letztes Buch von Banana Yoshimoto gewesen sein. 

Montag, 15. Mai 2017

Margaret Atwood - Hexensaat





Verlag: Albrecht Knaus Verlag
Seiten: 314
Erschienen: 17. April 2017
Preis: 19.99 Euro (Ebook: 16.99 Euro)








Den Theatermacher Felix kann man schon fast als einen Exzentriker bezeichnen. Aber der Erfolg gibt ihm Recht. Mit zahlreichen mutigen und innovativen Inszenierungen hat er sich einen Namen in der Szene erarbeitet. Nun will er sein Meisterstück auf die Bühne bringen. William Shakespeare's "Der Sturm" soll Felix endgültig auf den Thron der Theaterregisseure bringen. Doch kurz vor der Premiere legt sein eigentlich treuer Assistent Tony seinen perfiden Plan offen und nimmt Felix seinen Posten weg. 
Tief getroffen zieht er sich zurück und verliert sich in Erinnerungen an seine Vergangenheit und an seine Leidenschaft: Shakespeare's Sturm, dieses wundersame Werk voller Magie, Täuschung und Illusion, sollte ihn nicht nur dazu verhelfen noch berühmter zu werden, sondern auch eine private Tragödie zu vergessen. Felix, in seiner selbst auferlegten Isolation, sinnt immer mehr auf Rache an seinen einst treusten Mitarbeiter und zwölf Jahre später bekommt er die Gelegenheit, als ein unverhoffter Zufall seinen Feind in seine Nähe bringt...

Bei den vielen Büchern, die ich bereits gelesen habe, war ich immer der Meinung, dass ich die meisten Erzählformen kennen würde. Margaret Atwood's "Hexensaat" hat mich in der letzten Woche eines Besseren belehrt. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es tatsächlich der erste Roman war, den ich von der Autorin gelesen habe. Da sich "Hexensaat" aber nahtlos zu meinen bisherigen Highlights des laufenden Jahres gesellt, wird es ganz sicher nicht der letzte Roman von Margaret Atwood gewesen sein. 
Dabei muss ich gestehen, dass sich der Sturm am Anfang des Romans eher wie ein laues Lüftchen angefühlt hat. Ein etwas in die Jahre gekommener Theatermacher, der den Höhepunkt seiner Karriere mit seinem Karriereende verwechselt hat, und nun, aufgrund einer gemeinen Intrige, sich aus der Welt zurückzieht und seine selbst auferlegte Einsamkeit mit einer extra Portion Selbstmitleid würzt. Das klang erst einmal nicht nach einer Ausgangssituation, die noch viel für den Rest der Geschichte verspricht. Doch weit gefehlt. Das laue Lüftchen des ersten Leseeindrucks wurde schnell zu einem rauen Wind und dann zu einem tosenden Sturm, bei dem ich den Protagonisten Felix und seiner Schöpferin Margaret Atwood schon während des Lesens mehrmals applaudieren wollte. Verzeiht mir die Sturm Metaphern, aber so lässt es sich einfach am besten beschreiben.
"Hexensaat" ist eine Hommage, eine Verneigung vor dem großen William Shakespeare. Die Handlung und die Figuren des Stücks "Der Sturm" werden in "Hexensaat" nicht nur auf moderne Art und Weise neu interpretiert, sondern in liebevoller Kleinarbeit in die Handlung des Romans eingeflochten. Es ist schon erstaunlich, wenn eine Autorin es schafft ein Theaterstück in einem Roman so lebendig werden zu lassen, dass man das Rauschen des Meeres und den tosenden Sturm beinahe hören kann. Shakespeare's Werk ist in "Hexensaat" an jeder Ecke so präsent. "Der Sturm" steht hier wieder auf, versprüht seinen Zauber auf die Handlung, auf die Figuren und vor allem auf die Leser, um sich dann mit tosendem Applaus verabschieden zu lassen. 
Man muss das Stück zudem nicht kennen, um "Hexensaat" zu lesen. Ich kannte es auch nicht. Ich würde sogar so weit gehen, um zu behaupten, dass es sogar besser ist es nicht zu kennen, weil man Margaret Atwood's Buch am Ende der Geschichte, bei einer kurzen Zusammenfassung von "Der Sturm", noch einmal einen Extraapplaus spendiert. 
Auch wenn ich meine Anfangsschwierigkeiten hatte, konnte mich "Hexensaat" schlussendlich mehr als begeistern. Wer besondere Geschichten liebt, die sich, gerade in der Erzählweise, vom Rest unterscheiden, der ist mit diesem Buch gut bedient. Und für Shakespeare Fans ist Felix Geschichte sowieso ein Muss. 

Also hinsetzen, der Vorhang geht gleich auf und lasst euch begeistern!