Dienstag, 17. Oktober 2017

Andrea De Carlo - Ein fast perfektes Wunder




Verlag: Diogenes
Erschienen: 27. September 2017
Seiten: 400
Preis: 24 Euro (Ebook: 20.99 Euro)








Milena betreibt mit einer leidenschaftlichen Obsession ein Eiscafé in der Provence. Ihre verschiedenen und außergewöhnlich kreativen Eissorten sind mittlerweile so bekannt, dass sie ihren Laden auch außerhalb der Saison betreiben kann. Außerdem zieht ihre süße Schlemmerei mittlerweile auch Publikum von außerhalb an.
Als Milena eines Tages dem berühmten Rockstar Nick über den Weg läuft, stellt sich ihre gesamte kleine und heile Welt plötzlich auf den Kopf. Nick ist Leadsänger einer Band und gibt demnächst ein Konzert in dem kleinen Städtchen. Doch vorher kommt er in den Genuss von Milenas Eis und kann seitdem nicht mehr aufhören an sie zu denken...

"Ein perfektes Wunder" von Andrea de Carlo hörte sich im Vorfeld wie die fast perfekte Lektüre für den Spätsommer an und ich darf behaupten, dass sie alles gehalten hat, was sie versprach. De Carlos Geschichte über eine leidenschaftliche Zauberin an der Eismaschine und einem leicht in die Jahre gekommenen Musiker, der auf der scheinbar endlosen Suche nach ein bisschen Ruhe zu sein scheint, ist eine hauchzarte Liebesromanze geworden. 
Aber nicht nur das.
"Ein perfektes Wunder" erzählt vom Leben zweier Menschen, die geglaubt haben, ihren Platz im Leben gefunden zu haben, durch die gemeinsame Begegnung aber erkennen, dass ihrer beider Leben in Wahrheit nur eine Verkettung und Aneinanderreihung von endlosen Kompromissen zu sein scheint. Dabei enttarnen sich beide Protagonisten als unheimlich friedliebende Menschen, die während des gesamten Handlungsstrangs versuchen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Dass das nicht gut gehen kann, wird dem Leser sehr schnell deutlich. Der Sympathie und der Faszination gegenüber beiden Hauptfiguren tut dies aber keinen Abbruch. Nicht oft liest man über zwei Personen mit so vielen unterschiedlichen und interessanten Facetten, deren Leben aber nicht verschiedener sein kann und die sich trotzdem zueinander hingezogen fühlen und scheinbar zufällig immer wieder aufeinander treffen. Milena verkörpert dabei die Figur einer leidenschaftlichen Frau, die freiheitsliebend gerne tagtäglich ihrer Bestimmung nachgehen will, von ihrem privaten Umfeld aber immer wieder daran gehindert und nicht ernst genommen wird. Nick hingegen hat schon lange seine Begeisterung und Leidenschaft für das, was er macht, verloren. Gefangen in einer endlosen Spirale der immer gleichen Songs, Bandmitgliedern, die er mittlerweile verabscheut und Fans, die jede kleinste musikalischen Abweichung mit Ablehnung begegnen, sucht Nick eigentlich nur einen Platz, an dem er alleine und er selbst sein kann. Unglücklicherweise wird in seinem Haus momentan seine eigene Hochzeit ausgerichtet, was einen Rückzugsort fast unmöglich macht. 
"Ein fast perfektes Wunder" ist eine Hommage an die kleinen Dinge im Leben geworden, die wir viel zu selten wahrnehmen und die unser Leben aber so viel besser machen könnten. Es ist eine Geschichte für all diejenigen, die keinem festen Plan im Leben folgen, sondern das tun, wofür sie Begeisterung hegen. Wir begegnen zwei Menschen, die so viel Abstriche in ihrem Leben machen mussten, dass es zwangsläufig zum großen Knall kommen musste. Andrea de Carlo schafft es allerdings diesen Knall schon fast slapstickmäßig unglaublich unterhaltsam zu gestalten, so dass "Ein fast perfektes Wunder" zu einer liebenswürdigen, teilweise witzigen und melancholischen Lektüre geworden ist. Eine Liebesgeschichte für all diejenigen, die auch einmal abseits von typischen Liebesgeschichten lesen. Einfach herrlich untypisch. 

Sonntag, 8. Oktober 2017

Hannah Coler - Cambridge 5 - Zeit der Verräter



Verlag: Limes 
Seiten: 417
Erschienen: 6. September 2017
Preis: 19.99 Euro (Ebook: 15.99 Euro)






Die junge Wera wird von einem der renommiertesten Professoren der Cambridge Universität ausgewählt, um bei ihm ihre Doktorarbeit zu schreiben. Ihr Thema behandelt die berühmte Spionagegruppe der Universität, die Cambridge 5, insbesondere den wohl berühmtesten Spion der Gruppierung, Kim Philby Die Thematik enthält eine gewisse Art von Brisanz, zudem ist Wera mit den narzisstischen und exzentrischen Professor Hunt nicht an den leichtesten Betreuer geraten.
Während Weras Recherchen an der Universität, erschüttert plötzlich ein grausamer Mordfall die Gelehrtengemeinde. Das Opfer ist ein berüchtigter Programmierer und der Hauptverdächtige ziemlich schnell Professor Hunt, der mit dem Opfer eine jahrzehntelange Rivalität pflegte.
Doch ist Hunt wirklich ein Mörder, oder haben die Spionagefälle in Cambridge nie wirklich aufgehört und Hunt nur Teil einer großen Verschwörung?

Für mich persönlich ist "Cambridge 5 - Zeit der Verräter" ein hervorragendes Beispiel dafür, warum man sich im Vorfeld von schlechten Bewertungen niemals abschrecken lassen sollte. Ich gebe zu, ich lasse mich schon das ein oder andere Mal von negativen Rezensionen und Meinungen eines Buches beeinflussen und manchmal kommt es vor, dass ich dann die Finger von der Lektüre lasse oder das Buch für unbestimmte Zeit auf die Wunschliste wandert. 
Von Spionagegeschichten konnte ich aber schon immer schlecht die Finger lassen und stürzte mich neugierig in die Geschichte der Cambridge 5. 
Und wurde sehr überrascht.
Hannah Colers Roman ist eine Mischung aus Fiktion und Geschichte, die mich sehr gut unterhalten hat. Noch überraschter war ich von der Tatsache, dass ich Weras Ausführungen zum nicht fiktiven Kim Philby, die immer wieder zwischen den einzelnen Kapiteln eingeschoben wurden, noch mehr interessiert haben, als der eigentliche fiktive Haupthandlungsstrang in der Gegenwart. Kim Philby, selbst Student in Cambridge, war ein Spion der Sowjetunion, der innerhalb seiner Studienzeit für den britischen Geheimdienst rekrutiert wurde, und jahrelang seine Kollegen, als Doppelagent, ausspioniert, verraten und viele damit in den Tod geschickt hat. Er agierte an der Universität in einer Art Agentengruppe, der Cambridge 5, die aber später zu seinem Verhängnis werden sollte. An diesen Stellen, die besonders Philbys Leben in den Vordergrund stellen, erkennt man auch, wie hervorragend recherchiert Hannah Colers Geschichte ist. Den Grund für diese gute Recherchearbeit findet man in der Autorenvorstellung, in der man erfährt, dass Hannah Coler das Pseudonym einer Historikerin ist, die mit "Cambridge 5 - Zeit der Verräter" ihren ersten Roman vorgelegt hat. 
Sicherlich sucht man, während der Lektüre, nach Gründen, warum die Geschichte bei anderen nicht so gut angekommen ist. Durch die Doktorarbeit der Protagonistin Wera wirkt das gesamte Buch natürlich sehr wissenschaftlich. Recherchen nach historischen Quellen und die bereits erwähnte ausführliche Darlegung dieser, schrecken möglicherweise all diejenigen Leser ab, die in "Cambridge 5" einen Spionageroman  a la James Bond erwartet haben. Für mich, die sich selbst gerade frisch vorsichtig als 'Historikerin' bezeichnen darf, machte aber gerade das den Reiz der Geschichte aus. Und das ging sogar so weit, dass ich schon fast den fiktiven Handlungsstrang, der den Mord an den Programmierer Stef beinhaltet, überhaupt nicht gebraucht habe. Gleichsam bietet dieser natürlich trotzdem einen abwechslungsreichen Unterhaltungswert zu den historischen Aspekten. Was ich zudem ziemlich interessant in "Cambridge 5 - Zeit der Verräter" fand, war, dass man niemanden der Protagonisten als wirkliche Hauptfigur bezeichnen konnte, wobei der exzentrische Professor Hunt, der in vielen Abschnitten an die Figur des Dr.House erinnerte, noch am signifikantesten heraus stach.
"Cambridge 5 - Zeit der Verräter" ist zweifelsohne eine besondere Geschichte geworden, die ich sehr gerne gelesen und die mich genauso gut unterhalten hat. Wie diese Rezension allerdings auch gezeigt hat, ist sie nicht für jeden geeigneter Lesestoff. Wer aber eine Schwäche für Spionagegeschichten hat und obendrein noch an historischen Gegebenheiten interessiert ist, der wird mit dieser Lektüre viel Freude haben. 

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Lesemonat August

Herzlich Willkommen zu meinem Lesemonat August. Wie, wo, was? August? Es ist doch schon Oktober. Ich gebe zu, dieses Mal habe ich arg übertrieben mit der Unpünktlichkeit. Aber was solls? Jetzt gibt es meine gelesenen Bücher vom überletzten Monat. Acht Stück sind es insgesamt geworden mit einem Ebook und insgesamt 3356 Seiten. Das sind die Fakten, dann können wir ja loslegen: 
Das erste Buch kommt von dem Journalisten Omar El Akkad und heißt "American War". Es handelt sich dabei um eine dystopische Sicht in die Zukunft in ein Amerika, das von Klimakatastrophen und einem schweren Bürgerkrieg gezeichnet ist. Es ist allerdings auch eine Familiengeschichte der Chestnuts. Ziemlich schnell wird der Fokus auf eine der Töchter Sarat gelegt, die sich entschließt mit allem Mitteln ums Überleben zu kämpfen. Die Washington Post hat zu "American War" geschrieben, dass es ein Buch für all diejenigen wäre, die die Ära Trump umtreibt. Und das stimmt. Es beschreibt ein erschreckenden Szenario, das fast schon unheimlich genau mögliche Folgen beschreibt, wenn Trump seine Art des Regierens weiter fortsetzt. "American War" ist erschreckend aktuell und hoch brisant. Ich bin fast atemlos durch die Seiten geflogen. Meine Rezension zu dem Buch gibt es hier . 
Weiter ging es im August mit einem Buch, auf das ich schon sehr gespannt war. Einfach, weil es sich so geheimnisvoll angehört hat. Ich wusste nicht wirklich, was mich in dem Roman "Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle" von Timothee de Fombelle erwartet. Es wurde schließlich eine Mischung aus einem fantastischen Märchen und einer Art Zeitgeschichte, die uns durch die Jahre führt. Obwohl es mir an vielen Stellen ein bisschen schwer fiel dem Handlungsstrang des Buches zu folgen, habe ich mich doch sehr gerne in de Fombelles erschaffene Welt aufgehalten. Die Geschichte ist zweifellos ungewöhnlich und somit automatisch etwas Besonderes für mich gewesen. Ich werde mich definitiv noch nach weiteren Büchern von Timothee de Fombelle umsehen. 
Das nächste Buch gehörte ebenfalls zu den heiß erwarteten Geschichten im August. "Aquila" ist der neue Jugendthriller von Ursula Poznanski. Die Protagonistin wacht in ihrer Wohnung in der italienischen Stadt Siena auf und weiß nicht, was sie die letzten zwei Tage gemacht hat. Aller Erinnerungen sind ausgelöscht. Auch ihre Mitbewohnerin ist auf mysteriöse Art und Weise verschwunden. Zurück bleiben nur jede Menge rätselhafte Hinweise, die wohl Eselsbrücken zu den verloren gegangenen Erinnerungen sein sollen. Sie macht sich auf den Weg die letzten zwei Tage aufzuklären. Es beginnt eine atemlose Jagd durch die großartige Kulisse der historischen Stadt Siena. Jeder aufgedeckte Hinweis scheint die ganze Geschichte noch ein bisschen verworrener zu machen. Da ich diese Art der Geschichten liebe, war ich bei "Aquila" genau richtig. Mir hat das Buch unglaublich gut gefallen und deswegen gibt es eine uneingeschränkte Weiterempfehlung von mir. 
Das nächste Buch aus dem Lesemonat August war der vierte Teil der 'Throne of Glass' Reihe "Königin der Finsternis" von Sarah J. Maas. Die ersten drei Teile waren großartig und haben mich von vorne bis hinten begeistert und der vierte Teil hat dann schließlich TOG auf die Liste meiner absoluten Lieblingsreihen gesetzt. Ich liebe einfach alles an dieser Geschichte aber vor allem hat mich die Protagonistin unheimlich beeindruckt. Allein ihre Entwicklung während der vier Bände war unheimlich intensiv. TOG ist großartig erzählte High-Fantasy, die alle Fans des Genres eigentlich ebenfalls nur begeistern kann. Ich habe mir den vierten Teil extra aufgehoben, damit ich nicht eine so lange Wartezeit bis zum nächsten Band habe. Es nutzte aber alles nichts. Die knapp 800 Seiten vergingen wie im Flug und jetzt heißt es 'Warten'. Darin bin ich ja gut. Nicht. 
Es geht weiter mit dem neuen Roman von Stefan Bachmann "Palast der Finsternis", erschienen im Diogenes Verlag. Es handelt sich wieder um einen Titel, der schon vor Erscheinen sehr lange auf meiner Wunschliste stand und dementsprechend gespannt war ich natürlich darauf, was mich erwarten würde. Nach der Lektüre kann ich schließlich sagen, dass ich "Palast der Finsternis" mit jeder Seite noch ein bisschen mehr gemocht habe. Die Handlung ist eine Mischung aus Fantasy und historischem Abenteuerroman. Es gibt zwei Erzählstränge, die jeweils in der Vergangenheit und in der Gegenwart spielen. Eine Handvoll Jugendliche werden nach Paris eingeladen, um den Palast eines französischen Marquis zu erforschen. Ziemlich schnell stellen sie allerdings fest, dass der Palast eine Menge Gefahren aufweist, die sie nur zusammen bewältigen können. Zu "Palast der Finsternis" habe ich eine Rezension geschrieben. 
Weiter ging es im August mit einem weiteren sehr lang erwarteten Titel. Der Monat war anscheinend voll davon. "Underground Railroad" von Colson Whitehead, erschienen im Hanser Verlag, ist Preisträger des diesjährigen Pulitzer Preises und das völlig zu Recht. Das Buch spielt zur Zeiten der Sklaverei im amerikanischen Süden und erzählt die Geschichte des schwarzen Mädchens Cora und ihrer Odyssee durch das Land der vermeintlichen Freiheit. Da das Untergrundsystem der Underground Railroad tatsächlich existiert hat, ist die Handlung eine Mischung aus Fiktivem und Realen und wirft Licht auf eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte. Für mich persönlich gehört dieses Buch schon fast zu einer Pflichtlektüre und ist auf jeden Fall ein literarisches Highlight des Buchjahres 2017. 
Das vorletzte Buch aus dem Lesemonat August habe ich letztes Jahr auf der Buchmesse in Frankfurt erworben. "Echt" von Christoph Scheuring kommt aus dem magellan Verlag. Ich habe mir im Vorfeld ziemlich viel von der Geschichte versprochen, bin dann aber leider enttäuscht worden. Irgendwie habe ich nicht wirklich einen Draht zu den Protagonisten gefunden und mich irgendwann nur noch lustlos durch die Handlung gekämpft. Schade, aber jeder hat eben einen anderen Geschmack. 
Zum Schluss kommt dann noch das Ebook, das ich diesen Monat gelesen habe. "In Gesellschaft kleiner Bomben" von Karan Mahajan beschäftigt sich mit den Hinterbliebenden eines Terroranschlags. Nachdem auf einem Markt in Delhi eine Bombe explodiert und die beiden enge Freunden eines der Protagonisten sterben, muss dieser mit der Rolle des beinahe Opfers zurecht kommen. Auch die Eltern der verstorbenen Brüder kommen zu Wort. Im großen Zusammenhang betrachtet, zeigt "In Gesellschaft kleiner Bomben" wie normal denkende Menschen radikalisiert werden. Es ist eine unheimlich wichtige Geschichte, die mich an vielen Stellen allerdings durch die große Anzahl an Erzählperspektiven etwas verwirrt hat. Auch zu diesem Buch habe ich eine Rezension geschrieben. 

Das war er. Mein Lesemonat August. Vielleicht kennt ihr ja das ein oder andere Buch. Ich wurde auf jeden Fall gut unterhalten.

Eure Lisa. 

Samstag, 23. September 2017

Markus Orths - Max





Verlag: Hanser
Seiten: 576
Erschienen: 21. August 2017
Preis: 24.00 Euro (Ebook: 17.99 Euro)







Das ist das bewegte Leben eines begabten Künstlers namens Max Ernst. 
Max begegnet schon in jungen Jahren der Begeisterung für das Malen und die Kunst durch seinen Vater. Doch trotzdem trennen die beiden himmelweite Unterschiede. Während sich sein Vater mit Naturporträts begnügt, will Max mehr. Er will Neues schaffen, er will jemand sein und in der Kunst etwas bewirken. 
Über zwei Weltkriege und sechs bedeutenden Frauen, verfolgen wir Max' Leben durch die Jahre und stellen fest, dass man Leidenschaft für die Kunst und für die Ästhetik auch in den dunkelsten geschichtlichen Stunden finden kann. 

Bei Markus Orths Buch "Max" habe ich sehr schnell gemerkt, dass ich es mit einer besonderen, mit einer einzigartigen Geschichte zu tun habe. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal das Glück hatte ein Buch zu lesen, dass mit so einer Leidenschaft geschrieben wurde. Markus Orths Begeisterung für seine Geschichte springt dem Leser auf jeder Seite ins Gesicht und man kann nicht anders, als sich von dieser Begeisterung mitreißen zu lassen. Das ist allerdings auch nicht sonderlich schwer, weil "Max" einfach großartig geschrieben ist. Und das liegt nicht nur an dieser besonderen und alles umfassenden Leidenschaft.
"Max" wird aus sechs verschiedenen weiblichen Perspektiven erzählt. Dabei handelt es sich um die Sichtweisen der bedeutenden Frauen in seinem Leben, allerdings nicht aus der Ich-Perspektive, was hilfreich ist, da man sich dadurch eine gesunde Distanz zu den Figuren bewahrt. Denn jede wichtige Frau in Max' Leben entwickelt auf verschiedene Arten und Weisen eine Obsession für den Künstler, die sie zweifellos irgendwann in einen Abgrund stürzen wird. Während die eine glaubt nicht genügen zu können, verliert sich die andere in romantische Vorstellungen einer Liebe, die zu dem Zeitpunkt schon längst erloschen ist. Zwischendurch wird dann aber auch immer wieder Max Erzählperspektive eingeführt und lässt schnell den Eindruck erwecken, dass alle diese Frauen von vorneherein keine Chance hatten, da Max einzig wahre Liebe der Kunst gilt. 
In Markus Orths Geschichte werden allerdings nicht nur die Kunst und die Frauen thematisiert, sie ist zugleich Zeitgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, in der der Protagonist an der Front im ersten Weltkrieg steht und im zweiten Weltkrieg, wohnhaft in Frankreich, von den Deutschen und Franzosen gleichermaßen verfolgt wird. "Max" zeigt aber zudem, dass die bedingungslose Liebe zur Kunst nicht nur ein ganzes Leben anhalten, sondern auch in den dunkelsten Zeiten der Gefahr ein Hoffnungsschimmer sein kann. Was ich ebenfalls sehr beeindruckend fand, waren die vielen Begegnungen in Max Leben mit einer Vielzahl von berühmten Namen. Gerade eine zufällige Begegnung am Ende des Buches hat mich so amüsiert, dass das Lächeln noch tagelang nach dem Lesen nicht mehr weichen wollte. Wahrhaftig, im Auftrag Ihrer Majestät. 
Auch beim Schreiben dieser Rezension, stahl sich das ein oder andere Mal bei der Erinnerung an diese wundervolle Lektüre ein Lächeln auf meine Lippen. "Max" von Markus Orths gehört zu diesen besonderen Büchern, die man nicht mehr vergisst, weil es alles ist, außer monoton. Es sticht heraus, es betrübt, es fasziniert und vor allem macht das Buch unheimlich viel Freude. Und es gehört definitiv zu meinen absoluten Jahreshighlights.
Unbedingt lesen! 

Mittwoch, 20. September 2017

Walter Moers - Prinzessin Insomnia und der albtraumfarbene Nachtmahr



Verlag: Knaus
Seiten: 345
Erschienen: 28. August 2017
Preis: 24.99 Euro (Ebook: 19.99 Euro)




Prinzessin Dylia Insomnia leidet an einer mysteriösen Krankheit, bei der ihr bisher keiner helfen konnte. Sie findet, manchmal tagelang am Stück, keinen Schlaf und wandelt in dieser Zeit als schlaflose Prinzessin durch das Schloss, in dem sie mit der königlichen Familie wohnt. 
Eines Tages bekommt die Prinzessin Besuch von einem ungewöhnlichen Zeitgenossen. Havarius Opal ist ein albtraumfarbener Nachtmahr, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Dylia in den Wahnsinn treiben zu wollen. Er lässt sich durch nichts von dieser Mission abbringen. Davor macht der Nachtmahr der Prinzessin allerdings noch ein verlockendes Angebot. Dylia soll ihn auf die abenteuerliche Reise nach Amygdala begleiten, der berüchtigten Stadt der Angst, in der das dunkle Herz der Nacht regiert. Nach kurzem Zögern willigt Dylia in die Reise ein. Nicht nur, weil sie eine unabdingbare Neugier überfällt, sondern, weil es bei diesem Abenteuer um ihren Verstand und um ihr Leben geht...

Das war er also, der neue, schon sehr, sehr lange heiß ersehnte Roman von Walter Moers. Ein neues Abenteuer aus Zamonien, dem Planeten, der in den letzten Jahren so viele Fantasy-Fans begeistert hat. Ich war so gespannt auf "Prinzessin Insomnia und der albtraumfarbene Nachtmahr", dass ich schon fast die Tage im Kalender ausgestrichen habe. Und jetzt war es endlich soweit.
Die Geschichte der Prinzessin ist so typisch Walter Moers, dass man jede Seite mit einem Lächeln umblättert. Nach Zamonien zurückzukehren, das war ein bisschen wie nach Hause kommen, nach einer viel zu langen Reise und endlich wieder die heimische Atmosphäre zu erleben, die man nur erleben kann, wenn man sich wirklich wohl fühlt. 
Trotzdem muss ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Walter Moers' neues Werk wohl wirklich nur alteingesessenen Fans des Autoren zum verträumten Seufzen bringen wird. Allen anderen, die sich noch nicht mit dem Schreibstil Moers' auskennen, werden eine Geschichte lesen, die an manchen Stellen nicht richtig in Fahrt kommen will, und in der viele Dialoge vorkommen, die auf dem ersten Blick mit viel Belanglosem gefüllt sind. Bei Walter Moers allerdings steht so viel zwischen den Zeilen, dass man daraus eigentlich ein weiteres Buch schreiben könnte und es ist wichtig genau hinzusehen, denn es gibt dabei viel zu entdecken und herauszufinden. Auch wenn wir uns zweifellos in einer fantastischen Welt befinden, findet man in der Geschichte der Prinzessin jede Menge Verweise auf unsere heutige Gesellschaft. 
Als Nächstes sind dann natürlich die - mal wieder - absolut hinreißenden Figuren in Moers' neuem Roman zu erwähnen. Allein Dylias und Opals bissige und sarkastische Dialoge, die immer wieder einem Schlagabtausch gleichen, machen so viel Spaß, dass man immer mehr davon haben will. Aber vor allem Dylia ist so ein liebenswerter, intelligenter und vielschichtiger Charakter, dass man jedes ihrer Worte und Gedanken begierig aufsaugt. 
Zum Schluss muss ich dann wieder einmal applaudieren und respektvoll meinen Hut ziehen vor dieser unbändigen und alles umfassenden Fantasie dieses großartigen Autoren. Manchmal fragt man sich, wie Schriftsteller es schaffen ganze komplexe fantastische Welten zu erschaffen und nebenbei noch eine großartige Geschichte in ihnen spielen lassen. Bei Walter Moers fragt man sich das auch. Doch er schafft es überdies ebenfalls unglaubliche Geschichten zu erzählen und magische Orte entstehen zu lassen, ohne, dass seine Protagonisten den Raum verlassen.
"Prinzessin Insomnia und der albtraumfarbene Nachtmahr" hat mich nach Hause, nach Zamonien, gebracht und mir sehr viel Spaß gemacht. Zudem lohnt sich hier ein genauerer Blick in die Anmerkungen des Autoren, die noch einmal einen ganz neuen Blick auf das Buch werfen lassen. Die Geschichte ist eine abenteuerliche und gewiss einzigartige Reise durch das träumende Gehirn und obwohl ich das Buch nicht unbedingt Walter Moers Neulingen empfehlen würde, hat sich das Warten für eine Alteingesessene, so wie mich, mehr als gelohnt. 

Montag, 18. September 2017

Karan Mahajan - In Gesellschaft kleiner Bomben






Verlag: CulturBooks
Seiten: 376
Erschienen: 1. August 2017
Preis: 25.00 Euro (Ebook: 15.99 Euro)







Das Leben des jungen Mansoor ändert sich schlagartig, als eine Bombe auf einem Marktplatz in Delhi explodiert, den seine Freunde, die Khuarana Brüder und er selbst gerade besuchen. Der zwölfjährige Mansoor überlebt den Anschlag, während seine Freunde sterben. 
Die Bombe auf dem Marktplatz wird als eine der vielen "kleineren" Bomben bezeichnet, die von der Welt kaum Beachtung erfahren. Doch diese hinterließ einen gewaltigen Riss im Leben aller Beteiligten. Während die Eltern der Khuarana Brüder plötzlich mit dem Tod ihrer einzigen Kinder konfrontiert werden, müssen Mansoor und auch seine Eltern mit den Bürden der Überlebenden zurechtkommen. Die Bombe hinterlässt Spuren an Körper und Seele. Nach einem Aufenthalt an einer amerikanischen Universität, kehrt Mansoor viele Jahre später nach Delhi zurück. Er freundet sich dort mit dem Aktivisten Ayub an, mit dessen Einflussnahme nimmt Mansoors Lebensweg plötzlich immer radikalere Formen an...

Auf die Thematik in "In Gesellschaft kleiner Bomben" von Karan Mahajan war ich deswegen so gespannt, weil das Buch als eines der wenigen einen Anschlag zum Gegenstand seiner Handlung macht, der in natura an leider zahllosen Beispielen gesehen, in den Medien wohl keine größere Beachtung finden würde. In Mahajans Geschichte wird das Schicksal von Angehörigen der Opfer und Überlebenden thematisiert, das relativ schnell in der Nachrichtenflut unserer heutigen Gesellschaft vom Bildschirm verschwindet und stellt gerade in Hinblick auf die "Überlebenden-Figur" des Mansoor, möglicherweise auch einen Appell dar, diese Menschen nicht zu vergessen.
Aber erst einmal der Reihe nach: Mir persönlich fiel es relativ schwer eine angemessene Einschätzung der Geschichte wiederzugeben. Das lag vor allem daran, dass mir der Erzählstil zu sprunghaft war. Ich benötige meistens eine kurze Dauer, um herauszufinden aus welcher Perspektive der verschiedenen Charaktere eigentlich gerade erzählt wurde. Daraus resultierte, dass es mir an einigen Stellen schwer fiel den Handlungsstrang zu folgen und oft musste ich auch einige Absätze zurückspringen, um das Lesen noch einmal neu aufzunehmen. Gleichzeitig war da aber auch der unabdingbare Wille meinerseits dem Handlungsstrang folgen zu wollen, weil ich, wie bereits angedeutet, die Thematik der Geschichte wahnsinnig interessant und vor allem wichtig fand. Abgesehen von dem mir persönlich zu sprunghaften Wechseln der Erzählperspektiven, erlauben diese gleichzeitig eine gute Einsicht in die Gefühlswelt der jeweiligen Figuren. Die Eltern der verstorbenen Khuarana Brüder verkörpern hierbei das Schicksal der Hinterbliebenden. Mansoors Erzählstrang beschäftigt sich mit der Überlebenden Rolle, der allerdings das Überleben nicht zum Thema macht, sondern die körperlichen und seelischen Folgen eines solchen traumatischen Erlebnisses. An Mansoors weiteren Lebensweg wird überdies deutlich gemacht, was passiert, wenn die Gesellschaft glaubt, dass der Schicksalsweg eines Überlebenden bei seinem Überleben endet und ihn damit keine weitere größere Hilfe zuteil werden muss. 
Auch Ayub, ein Aktivist, mit dem Mansoor in Kontakt kommt, verkörpert einen allumfassenden Charakter in "In Gesellschaft kleiner Bomben". Er thematisiert die Handlungskette, in der beschrieben wird, wie Menschen, die zunächst lediglich strikte politische Ansichten verfolgten, sich durch eine Vielzahl von fast schon unglücklichen Umständen radikalisieren und schließlich zu Terroristen werden. 
Karan Mahajan hat eine zweifellos wichtige Geschichte geschrieben. Eine Geschichte, die gleichzeitig provozieren und aufrütteln soll. Dieses Konzept geht im Großen und Ganzen auf. Auch wenn mich der Erzählfluss oft stocken ließ, wollte ich doch immer wissen, wie es weiter geht und zu welchem Ende die Geschichte schlussendlich kommen wird. 

Sonntag, 27. August 2017

Stefan Bachmann - Palast der Finsternis


Verlag: Diogenes
Seiten: 400
Erschienen: 23. August 2017
Preis: 18 Euro (Ebook: 14.99 Euro)





 Die siebzehnjährige Anouk reist mit vier anderen Jugendlichen aus den Staaten nach Paris. Dort soll die Gruppe, die sich aus auffällig vielen Außenseiter zusammensetzt, eine Art Expedition unternehmen. Erkundet werden soll der geheimnisvolle unterirdische Palast eines verrückten französischen Adeligen, der diesen vor mehreren hundert Jahren erbauen ließ, um seine Familie zu schützen. Der Fund des Palastes gehört zu den wichtigsten geschichtlichen Entdeckungen der letzten Jahrhunderte. 
In Paris angekommen wird den Jugendlichen allerdings schnell deutlich, dass die Expedition anders verläuft, als sie zunächst angenommen hatten. Der unterirdische Palast entpuppt sich als riesiges Labyrinth und hinter jeder Ecke lauert eine neue Gefahr. Nur wenn die bunt zusammengewürfelte Gruppe zusammen hält, können sie es schaffen dem Palast der Finsternis zu entkommen...

"Palast der Finsternis" von Stefan Bachmann gehört definitiv zu den Büchern, die schon lange auf der Wunschliste standen und von mir sehnsüchtig erwartet wurden. Dabei handelt es sich sogar um das erste Buch, das ich von Stefan Bachmann gelesen habe. Der Klappentext allerdings versprach ein ereignisreiches Abenteuer an einem ungewöhnlichen Handlungsort und schlussendlich, nach der Lektüre, kann ich behaupten, dass die Geschichte in allen Punkten mithalten konnte.
Meine positive Resonanz begann schon beim ersten Eindruck der Protagonistin Anouk. Aus ihrer Perspektive werden die Kapitel des gegenwärtigen Handlungsstranges erzählt. Dabei wirkt Anouk auf den ersten Blick überhaupt nicht wie ein fröhlicher Charakter, bei dem man sich freut, mit ihr in ein Abenteuer zu starten. Sie ist mürrisch, sarkastisch und ziemlich direkt, womit sie sich bei den anderen Gruppenmitgliedern zu Beginn der Reise nicht unbedingt beliebt macht. Für mich, als Leserin, wirkte sie dadurch viel authentischer als die anderen Figuren, die ebenfalls zu Beginn der Geschichte vorgestellt wurden. In Andeutungen erfährt der Leser, dass Anouks Leben bis hierhin nicht das Leichteste gewesen ist und somit wird direkt eine Verbindung zu ihr aufgebaut, die bei mir während der ganzen Geschichte angehalten hatte. Neben dem Erzählstrang, der sich in der Gegenwart verortet, gibt es aber noch einen anderen, der in der Vergangenheit spielt und aus der Sicht der Tochter des Adeligen, der den Bau des geheimnisvollen Palastes befohlen hat, erzählt wird. In dem Zusammenhang finde ich unbedingt erwähnenswert, dass es dem Autor gelungen ist beide Erzählstränge, obwohl sie viele hunderte Jahre auseinander liegen, zusammen zu bringen und seine Geschichte zu einem gelungenen Ende zu führen.
Die Handlung selbst birgt das Abenteuer, das man von vorneherein angenommen hatte, und schafft sogar noch die ein oder andere unerwartete Wendung hineinzubringen. Vor allem der Handlungsort war nicht nur außergewöhnlich, sondern brachte sogar den Leser dazu sich mehr als einmal klaustrophobisch zu fühlen. Der ideale Schauplatz für eine abenteuerreiche Geschichte. 
Stefan Bachmann ist mit "Palast der Finsternis" eine besondere und fast schon liebeswerte Fantasy-Geschichte gelungen mit jeder Menge angenehmen Charakteren und actionreichen Handlungssträngen. Tatsächlich ist sein Buch aber auch eine außergewöhnliche Geschichte über eine Vielzahl von ungewöhnlichen Freundschaften geworden und einer Botschaft, die besagt, dass man zusammen alles schaffen kann.