Dienstag, 9. Oktober 2018

Muriel Spark - Die Blütezeit der Miss Jean Brodie






Verlag: Diogenes
Seiten: 240
Erschienen: 29. August 2018
Preis: 24 Euro (Ebook: 20.99 Euro)







Miss Jean Brodie unterrichtet an einer schottischen Mädchenschule in Edinburgh in den dreißiger Jahren. Mit ihren unkoventionellen Lehrmethoden sorgt die Lehrerin bei dem Rest des Kollegiums immer für ordentlich Gesprächsstoff und die Direktorin der Schule hat nicht nur einmal versucht Miss Brodie irgendetwas zu unterstellen, damit sie diese entlassen kann. 
Doch Miss Brodie lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen und macht unbeeindruckt mit ihren unüblichen Unterricht weiter. Ihr unermüdliches Selbstvertrauen rührt vor allem daher, dass der Großteil von ihren Schülerinnen Miss Brodie über alle Maßen verehren, vor allem eine besondere Gruppe von Mädchen, die sogenannte 'Brodie-Clique', die das Exklusivrecht genießt besonders viel Zeit mit der Lehrerin verbringen zu dürfen. 
Doch ausgerechnet eine dieser besonderen Schülerinnen vollbringt das Unvollstellbare: Sie verrät Miss Brodie an die Direktorin...

"Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" von Muriel Spark erschien erstmals 1961 und wurde nun vom Diogenes Verlag in frischer Aufmachung neu verlegt. Die Geschichte um eine Lehrerin mit unkoventionellen Lehrmethoden an einer schottischen Mädchenschule ist allein schon aus dem Grund etwas Besonderes, weil sie mit den Konventionen und Tabus ihrer zeitlichen Einordnung bricht. Miss Jean Brodie lehrt in den dreißiger Jahren in einem streng katholischen Schottland, in dem junge Mädchen mit Themen wie Liebesbeziehungen oder gar Sexualität normalerweise überhaupt nicht in Berührung kommen. Muriel Spark allerdings erzählt in "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" eine Geschichte, die von diesen Themen geradezu beherrscht wird. Sei es die ständige Thematisierung der Dreiecksgeschichte zwischen Miss Brodie und zwei ihrer männlichen Lehrerkollegen, von denen einer sogar verheiratet ist, oder die ständigen Mutmaßungen über eben diese Dreiecksgeschichte der Schülerinnen der 'Brodie-Clique', die unweigerlich dazu führen, dass sich die jungen Frauen selbst mit ihrer eigenen Sexualität beschäftigen, überall scheint dieses Thema präsent zu sein. 
Zudem ist Miss Brodie selbst eine Figur, die literarisch höchst interessant ist. Ohne den Kontext der eigentlichen Geschichte zu kennen, würde man, als Leser, die Sympathien zunächst einmal vorbehaltlos Miss Brodie übergeben. Schließlich ist es weit verbreitet literarische Figuren, die aus der Rolle fallen, erst einmal zu mögen. Während man in die Handlung eintaucht, ändert sich dieser Eindruck allerdings schnell. Als Erstes wären da Miss Brodies politische Ansichten zu erwähnen. Gegenüber der 'Brodie-Clique' gibt sie offen zu den Faschismus gut zu heißen und bezeichnet die parallel laufende Machtübernahme der Nazis in Deutschland als eine gute Sache. Zudem wird, während die Geschichte ihren Lauf nimmt, deutlich, dass Miss Brodie ihren Schülerinnen und vor allem die 'Brodie-Clique' nicht wirklich als menschliche Wesen, sondern eher als eine formbare Masse ansieht, die sie zuallererst nach ihren Vorstellungen gestalten möchte. Nach ihren eigenen Worten möchte Miss Brodie selbst möglichst viel Einfluss auf das Leben ihrer Schülerinnen nehmen. Auch die Art und Weise wie sie einige der Mädchen beschreibt, lässt nicht gerade positive Gefühle gegenüber dieser Hauptfigur aufkommen. 
Trotz dieses Umstandes fällt mein persönlicher Gesamteindruck von "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" sehr gut aus. Die Geschichte besitzt eine ganz eigene Art von Frische, die sich schwer beschreiben lässt. Auch die ständigen Zeitsprünge in der Erzählung, die mir bei vielen anderen Büchern eher negativ auffallen, haben mir hier gut gefallen und den Lesefluss keinesfalls gestört. 
Außerdem hat Muriel Spark das seltsame Kunststück vollbracht auf eigentlich wenigen Seiten sehr viel Geschichte zu erzählen und das macht das Buch zu etwas ganz Besonderem. 


Dienstag, 11. September 2018

Ursula Poznanski - Thalamus






Verlag: Loewe
Seiten: 448
Erschienen: 13. August 2018
Preis: 16.95 Euro (Ebook: 12.99 Euro)







Nach einem schweren Motorradunfall erwacht der siebzehnjährige Timo nach wochenlangem Koma im Krankenhaus auf. Seine Sprache hat der Teenager, aufgrund seiner schweren Kopfverletzungen, verloren. Ob das ein Dauerzustand oder nur vorübergehend ist, kann niemand genau sagen. Auch seine motorischen Fähigkeiten sind stark eingeschränkt. 
Alles was Timo in diesem Zustand hat sind seine Gedanken, die er allerdings niemandem mitteilen kann. 
Um seine Genesung zu unterstützen, wird Timo nach seinem Klinikaufenthalt in das Rehazentrum 'Markwaldhof' verlegt. Hier sollen die Patienten durch neuartige medizinische Verfahrenstechniken geheilt oder ihr Leben zumindest verbessert werden. Doch im Markwaldhof entdeckt Timo plötzlich Fähigkeiten an sich, die ihm gänzlich neu sind. Dadurch gerät er immer wieder in mysteriöse und immer absurder wirkende Situationen, die er sich selbst nicht erklären kann.
Nur eins steht fest: Irgendetwas Seltsames geht vor in dieser eigentlich renommierten Rehaklinik, nur kann Timo niemandem von seinem Verdacht erzählen. Und dann fängt sein Bettnachbar, der eigentlich im Wachkoma liegt, auch noch an nachts durch die Gegend zu laufen...

Mit "Thalamus" legt Ursula Poznanski einen neuen Jugendthriller vor, der sich gewaschen hat. Die Geschichte über einen Jugendlichen in einer mysteriösen Rehaklinik weit weg von der Zivilisation, ist nämlich nicht nur sehr spannend geschrieben, sondern vereint zudem noch einige Science-Fiction und Gruselelemente in sich, die die Handlung perfekt abrunden. 
Nie wusste man als Leserin oder als Leser wirklich, wohin die Handlung eigentlich führen würde und worin die schlussendliche Auflösung der Geschichte bestand. Diese Auflösung besaß dann zum Schluss noch einmal eine solche Frische, weil ich diese Art der Handlungskonzeption bisher noch nicht kannte, dass sie der Lektüre das ideale Ende bescherte. Sicherlich möchte ich nichts vorweg nehmen, nur noch einmal betonen, dass sich die Autorin hierbei mit einem Thema beschäftigt hat, das zunächst noch wie Science-Fiction klingt aber während man noch darüber nachdenkt immer realer zu werden scheint, was "Thalamus" auch nach Beenden des Buches noch lange in den Köpfen einiger Leser verweilen lassen wird. 
Besonders gut gefallen haben mir Timos nächtliche Kreuzzüge durch die Gänge der Klinik, weil diese zunächst wesentlich zur Auflösung der Geschichte beigetragen haben und einfach weil sie so herrlich spannend und gruselig erzählt wurden. Jedes Mal, wenn der Protagonist Timo die Augen in der Nacht aufgeschlagen hat, wusste man nicht, was als Nächstes passieren würde, weil tatsächlich die Möglichkeit bestand, dass alles passieren konnte. Gerade beim nächtlichen Lesen im eigenen heimischen Bett konnte es durchaus passieren, dass man sich, während des Lesens, rechts und links verstohlen umsah, wenn der Grusel überhand nahm. 
Eine ebenfalls lobenswerte Erwähnung müssen unbedingt die Charaktere in Poznanskis Geschichte erfahren. Zunächst einmal wirken sie alle so unglaublich sympathisch, sowohl der Protagonist als auch die Nebenfiguren. Die Patienten in Timos Alter nehmen diesen herzlich in ihrer Gemeinschaft auf, obwohl er das ganz offensichtliche Sprachdefizit aufweist und somit ist Timo sofort integriert. Genau dieser Punkt trägt dann auch wesentlich zum Handlungsverlauf bei und wird sogar am Ende des Buches noch einmal so intensiv umgekehrt, dass Grusel und Spannung ihren Höhepunkt. Sicherlich trägt auch die Erzählweise sein Übriges bei, da wir, als Leserinnen und Leser, die gesamte Handlung bloß Timos Gedanken folgen und uns immer nur seine Perspektive gegeben ist. 
"Thalamus" ist ein Jugendthriller geworden, der alles aufweist, was man von ihm erwartet und an vielen Stellen sogar darüber hinausgeht. Eine Lektüre, die man sicherlich nicht bereuen wird. 

Montag, 3. September 2018

Dennis Lehane - Der Abgrund in dir






Verlag: Diogenes
Seiten: 527
Erschienen: 29. August 2018
Preis: 25 Euro (Ebook: 21.99 Euro)







Der äußere Schein von Rachels Leben vermittelt den Eindruck, als wäre alles auf dem richtigen Platz und würde in geraden Bahnen verlaufen. Sie hat einen fürsorgenden Ehemann, der sie über alles liebt und eigentlich alles, was sie sich wünschen kann. Doch wirft man einen genaueren Blick auf ihr Leben wird schnell deutlich, dass nicht alles so rosarot ist, wie es scheint. 
Von ihrer Vergangenheit und zahlreichen Panikattacken erschüttert, verlässt Rachel teilweise monatelang nicht das Haus und als dann noch die scheinbar einzige Konstante in ihrem Leben, ihr Ehemann Brian, Rachels Leben in eine Farce aus Betrug und Verrat verwandelt, muss sie sich entscheiden, welchen Weg sie wählen wird und ob es sich lohnt für das Leben zu kämpfen, das sie führt...

"Der Abgrund in dir" war mein erster Roman von dem Autoren Dennis Lehane. Schon länger wollte ich unbedingt etwas von Lehane lesen und die Geschichte um die erst erfolgreiche und dann gescheiterte Journalistin Rachel klang wie der perfekte Einstieg in die Welt dieses Krimi-Thriller- und Mysterythrillerautoren. Und ich muss zugeben, dass Lehane sein Handwerk wirklich perfekt beherrscht. Am tiefsten beeindruckt hat mich seine Hauptfigur Rachel. Einer so vielschichtigen Protagonistin begegnet man selten in einem Roman. Rachel hat, während die Geschichte ihren Verlauf genommen hat, immer mehr Seiten von sich gezeigt. Doch obwohl diese Intensität an charakterlichen Veränderungen bei einigen literarischen Figuren dazu führen würde, dass sie unglaubwürdig werden und ihre Handlungen schwer bis gar nicht nachzuvollziehen sind, hat es Dennis Lehane geschafft seiner Protagonistin Rachel die Authentizität zu bewahren. Auch wenn die Handlung ein paar krasse Wendungen aufzubieten hat, konnte ich Rachels Handlungsweise eigentlich fast immer nachvollziehen und meiner Ansicht nach ist dieser Punkt einer der wichtigsten Faktoren, um aus einem Thriller einen guten Thriller zu machen. 
Auch die psychlogische Komponente der einzelnen Figuren wird besonders gut in "Der Abgrund in dir" dargestellt. An manchen Stellen in der Geschichte wusste ich nicht, ob sich das Ganze plötzlich zu einem handfesten Mystery Thriller verwandelt.
In Dennis Lehanes neustem Werk kann man demnach nur einer Sache sicher sein und zwar, dass so gut wie nichts sicher ist. "Der Abgrund in dir" watet mit einer ganzen Menge Unvorhersagbarem, einem Dutzend irrer Wendungen, die die ganze Handlung an manchen Stellen komplett umwerfen und schon fast meisterhaft herausgearbeiteten Protagonisten auf. Dabei verliert die Geschichte aber nie an Glaubwürdigkeit und wird so zu einem Thriller, den man nicht nur zu den besseren zählen darf, sondern der auch eine Menge Spaß macht. 

Mittwoch, 15. August 2018

Krysten Ritter - Bonfire - Sie gehörte nie dazu




Verlag: Diana
Seiten: 368
Erschienen: 13. August 2018
Preis: 16 Euro (Ebook: 12.99 Euro)





Abby ist eine junge Anwältin, die in Chicago lebt und mitten im Leben steht. Von einem auf den anderen Tag wird sie plötzlich mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, als sie einen Fall annimmt, der sie zurück in ihre Heimatstadt führt. 
Barrens ist eine Provinzstadt in Indiana, in der jeder jeden kennt und in der Abby die Hölle ihrer Jugend erlebt hat. Jetzt wird Barrens Schauplatz eines Umweltskandals, der vor allem das Trinkwasser der Stadt betrifft und eine Firma in den Fokus rückt, die eigentlich für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Rettung der Kleinstadt steht.
Abby muss sich in Barrens nicht nur den Schrecken ihrer Vergangenheit stellen, sondern gerät auch immer mehr in den Strudel krimineller Machenschaften einer Firma, der kein Trick zu schmutzig ist...

"Bonfire - Sie gehörte nie dazu" ist das erste Buch der aus den Serien "Breaking Bad" und "Jessica Jones" bekannten Schauspielerin Krysten Ritter. Als Schauspielerin ist Ritter zweifellos grandios, dementsprechend gespannt war ich, wie sie mir als Autorin gefallen würde. Ich würde ihren ersten Roman nicht unbedingt als Thriller einstufen, wie auf dem Klappentext vermerkt. "Bonfire" bewegt sich eher zwischen Kriminal- und Detektivgeschichte und Gesellschaftsroman. Das beherrschende Thema des Handlungsstranges, dem Umweltskandal, der sich vor allem in dubiosen Machenschaften einer skrupellosen größeren Firma äußert, erinnert zudem, nicht zuletzt wegen der zugleich tough aber auch verletzlich auftretenden Protagonistin, an den sehr guten Film "Erin Brockovich".
Auch Abby setzt alles daran zunächst vage wirkende Indizien mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu einem Fall auszubauen. Wir begleiten die Protagonistin im ersten Teil des Buches dabei, wie sie das Puzzle um den Umweltskandal ihrer Heimatstadt immer mehr zusammen setzt. Danach und auch immer wieder zwischendurch durchziehen kleinere Episoden aus Abbys Vergangenheit ihre Rückkehr nach Barrens. Dabei geht es vor allem um ihre ehemals beste Freundin, aber auch schlimmste Mobberin, Kaycee Mitchell, die kurz vor Abby in einer spektakulären Nacht- und Nebelaktion ihrer Heimatstadt den Rücken kehrte und seitdem nie wieder gesehen wurde. Vor allem Kaycees Verschwinden, das nach einigen Nachforschungen seitens Abby immer mysteriöser zu werden scheint, lässt die Anwältin nicht los.
Anders, als ich es vorher erwartet hatte, wurde in "Bonfire" weniger auf die juristischen Aspekte eingegangen, sondern mehr auf die Vergangenheit der Protagonistin und auf ein Geheimnis, das nie richtig aufgeklärt wurde. Möglicherweise hätte es der Geschichte aber gut getan sich an einigen Stellen doch mehr der juristischen Seite zuzuwenden, denn zusammenfassend ist "Bonfire" zwar durchaus unterhaltsam, aber auch nichts wirklich Neues oder Bedeutungsvolles im unendlichen Himmel der Kriminalgeschichten geworden. 
Für eine leichte Lektüre zwischendurch, oder auch als obligatorisches Urlaubsbuch ohne viel Anspruch, kann ich die Geschichte aber durchaus empfehlen. 

Donnerstag, 9. August 2018

Melanie Raabe - Der Schatten




Verlag: btb
Seiten: 418
Erschienen: 23. Juli 2018
Preis: 16 Euro (Ebook: 12.99 Euro)







Norah ist gerade neu nach Wien gezogen. Nach der Trennung von ihrem Freund hat sie nichts mehr in Berlin gehalten und so entschloss sie sich in einer neuen Stadt ihr Glück zu versuchen. Doch nach der Ankunft in Wien und dem Antreten ihres neuen Jobs in einer Zeitschriften-Redaktion, überwiegen schnell Einsamkeit und Leere. 
Eines Tages wird Norah mitten in Wien von einer seltsamen Bettlerin eine mysteriöse Vorhersage gemacht: 
"Am 11. Februar wirst du am Prater einen Mann namens Arthur Grimm töten. Mit gutem Grund. Und aus freien Stücken".
Zunächst versucht Norah die Bettlerin als Spinnerin abzutun, doch schon bald wird ihr klar, dass die Vorhersage bloß der Anfang einer ganzen Reihe von seltsamen Geschehnissen ist, die plötzlich in ihr Leben treten. Und auch ein weiterer Mensch tritt in Norahs Leben. Ein Mann namens Arthur Grimm.

Mit ihrem lang erwarteten drittem Roman "Der Schatten" hat sich Melanie Raabe endgültig in die erste Liga des subtilen Thrillers geschrieben. 
Es ist schon beeindruckend bis fast beängstigend was für eine unglaublich ausgeprägte Intensität diese Geschichte besitzt. Genauso wie die beiden Vorgänger der Autorin "Die Falle" und "Die Wahrheit" versteht es auch Melanie Raabes neuer Thriller die subtile Spannung ganz langsam aber überaus beständig aufzubauen. Der Leser bemerkt fast nicht, wie er irgendwann vollkommen von der Geschichte eingeschlossen wird und es nicht mehr möglich ist das Buch beiseite zu legen, ohne zu wissen, wie es endet. Dieses besondere Talent ihren Leser so vollkommen einzuhüllen, hat die Autorin wahrlich zur Perfektion getrieben und somit auch zu einem ganz eigenen Schreibstil beigetragen, den ich mittlerweile wahrscheinlich unter vielen anderen wieder erkennen würde.
Um den Ganzen schlussendlich die literarische Krone aufzusetzen, lässt Raabe ihre Geschichte dieses Mal in einer Stadt spielen, dessen einzigartige Magie durch jede gelesene Seite schimmert. Wien zur Winterzeit scheint in "Der Schatten" ein melancholischer und fast schon mystischer Ort zu sein und treibt einen auch im intensivsten Hochsommer eine Gänsehaut auf den Körper.
Wer nach diesen großartigen Beschreibungen der Stadt Wien nicht das dringende Bedürfnis verspürt nach Beenden des Buches diese sofort selbst in Augenschein zu nehmen, dem kann man wirklich nicht mehr weiter helfen. 
"Der Schatten" nimmt uns mit auf eine mysteriöse Reise durch Wien und in unser Inneres. Denn Melanie Raabe stellt nicht nur die Wahrnehmung ihrer Protagonistin immer wieder auf die Probe, sondern auch wir, als Leser, hinterfragen uns immer wieder. 
Haben wir etwas übersehen und inwieweit können wir der Hauptfigur überhaupt vertrauen?
Mit "Der Schatten" ist Melanie Raabe ein großes Meisterstück gelungen. Ein Roman wie ein Sog, der einen gefangen nimmt und nicht mehr loslassen wird. 

Freitag, 20. Juli 2018

Meg Wolitzer- Das weibliche Prinzip



Verlag: Dumont
Seiten: 496
Erschienen: 16. Juli 2018
Preis: 24 Euro (Ebook: 18.99 Euro)






Die junge Greer ist eine ambitionierte Studentin, die sich in der Universität gewissenhaft auf ihr späteres Leben vorbereiten möchte. Regelmäßig telefoniert sie mit ihrem langjährigen Freund Cory, denn eine unglückliche Fügung wollte es, dass das Paar nach ihrem gemeinsamen Schulabschluss auf verschiedene Universitäten gehen mussten. Während Cory auf einer Eliteuniversität studiert, musste Greer sich mit einem staatlichen College zufrieden geben. 
Als Greer dann auf einer Veranstaltung ihrer Universität die Feministin Faith Frank kennen lernt, ändert sich ihr Leben schlagartig auf ganz verschiedenen Weisen...

Auf "Das weibliche Prinzip" von Meg Wolitzer habe ich mich schon sehr lange gefreut. Erst im letzten Jahr habe ich die beeindruckende Biografie der wohl berühmtesten Feministin der Welt Gloria Steinem "My life on the road" gelesen und war seitdem begierig darauf alles in die Hände zu bekommen, was dieses Thema behandelt. Gerade zu Zeiten der "me too" Bewegung ist es sehr wichtig so viele feministische Bücher zu veröffentlichen, wie es geht, da so dieses breit gefächerte Thema der Gleichberechtigung wegen nicht fehlender Aufmerksamkeit in den Medien und der Gesellschaft weiterhin behandelt wird und hoffentlich irgendwann Konsequenzen gezogen werden. 
"Das weibliche Prinzip" ist die Geschichte einer jungen Frau, die zunächst mit dem Feminismus wenig zu tun hat, bis eine wichtige Begegnung in ihrem Leben alles ändert. Faith Frank wird für die Protagonistin Greer zur Gallions- und Identifikationsfigur. Immer wieder setzt Greer Faith auf einen imaginären Thron, an dem niemand heran kommt und an dem schon gar nicht irgendjemand rütteln darf. Umso tiefer ist für die Hauptfigur dieser Geschichte dann der Fall, als sie erkennt, dass auch im Leben und in den Verhaltensweisen ihres großen Vorbildes nicht immer alles Gold ist, was glänzt. 
Besonders gut gefallen an "Das weibliche Prinzip" hat mir nicht nur der mehr als interessante Handlungsverlauf, sondern auch die Art und Weise des Erzählens. Im Vorfeld bin ich davon ausgegangen, dass allein schon wegen der Inhaltsbeschreibung und des Titels das gesamte Buch aus der Sicht der Protagonistin 'Greer' geschildert wird, doch da habe ich mich geirrt. Die verschiedenen Kapitel behandeln abwechselnd alle wesentlichen Figuren der Geschichte und erzählen den Handlungsverlauf jeweils aus einer anderen Sicht. Dies erlaubt einen viel intensiveren Blick in die Gefühlswelten der einzelnen Figuren und erklärt auch so manche fragwürdige Handlung der jeweiligen Personen, die zuvor aus der Sicht einer anderen Person geschildert wurde und die man möglicherweise, als Leser, nicht nachvollziehen konnte. 
Auch wenn ich mir an manchen Stellen noch viel mehr feministische Züge in die Geschichte hineingewünscht hätte, hat mir zusammenfassend betrachtet "Das weibliche Prinzip" wirklich gut gefallen und hatte alleine wegen der Lebensgeschichte der Hauptfigur ein persönliche großes Identifikationspotenzial auf meiner Seite. 
Für alle, die sich mehr starke, kluge und interessante weibliche Protagonistinnen in Geschichten wünschen, eine mehr als sehr gute Empfehlung. 

Mittwoch, 13. Juni 2018

Jean-Gabriel Causse - Arthur und die Farben des Lebens




Verlag: C.Bertelsmann
Seiten: 288
Erschienen: 10. April 2018
Preis: 20 Euro (Ebook: 15.99 Euro)









Von einem auf den anderen Tag beginnen plötzlich die Farben auf der Welt zu verschwinden. Alles ertrinkt in Eintönigkeit und Leere und sowohl Mensch als auch Tier scheinen von Tag zu Tag depressiver zu werden.
Arthur, ehemaliger Mitarbeiter einer französischen Buntstiftfabrik, geht der Ursache des plötzlichen Schwunds der Farben auf den Grund. Hilfe bekommt er dabei von seiner Nachbarin, einer blinden Wissenschaftlerin und ihrer bezaubernden kleinen Tochter.
Und dann, nach einem ewigen Schwarz und Grau, geschieht es. Eine Farbe kehrt auf die Erde zurück aber warum gerade diese? Und wo sind die anderen Farben?

"Arthur und die Farben der Welt" von Jean-Gabriel Causse hat mich vor allem wegen des ungewöhnlichen Ausgangsszenarios unheimlich fasziniert. Was geschieht mit den Menschen, wenn von einem auf den anderen Moment plötzlich alles schwarz, grau und weiß ist? 
Aus anfänglichem Unverständnis der Situation wächst relativ schnell eine ausgewachsene Depression aus den Menschen heraus denn in einer Welt zu leben, in der es keine Farben gibt, scheint für die meisten Menschen mit keinerlei Glück verbunden zu sein. In dieser ausweglosen Situation begegnen wir Arthur, ausgerechnet ehemaliger Mitarbeiter einer Buntstiftfabrik, die passenderweise an dem Tag, an dem die Farben verschwanden pleite gemacht und schließen musste. 
Der Protagonist Arthur steckt mitten in einer ausgewachsenen Midlife Krise, welche sich bei ihm vor allem im übermäßigen Alkoholkonsum bemerkbar macht. Aber ausgerechnet diesem ausgebrannten ehemaligen Lebemann ist es nach Monaten einer farblosen Welt gegönnt zum ersten Mal wieder einen winzigen Farbtupfer in diesem eintönigen Universum zu finden. Von diesem Moment setzt Arthur alles daran dem Rätsel der verschwundenen Farben auf die Spur zu kommen, nicht ahnend, dass der Ursprung des Geheimnis bei ihm selbst liegt.
"Arthur und die Farben der Welt" ist eine herzerwärmende, liebevolle und teils fast schon philosophische Geschichte geworden. Das Buch lebt vor allem von seinen liebevollen Figuren, die man am liebsten allesamt in echt gerne kennen würde und mit denen man jederzeit bereit ist sich ins nächste Abenteuer zu stürzen. Causse' Geschichte bietet dem gegenüber allerdings genauso viele üble Schurken, die sich dem hoffentlich glücklichem Ausgang dieses bezaubernden Buches immer wieder in den Weg stellen wollen. "Arthur und die Farben des Lebens" enthält viele Botschaften über das Leben, die vor allem besagen mehr auf seinen Gegenüber zu achten und im Leben die Kleinigkeiten zu sehen, die es erst lebenswert machen. 
Ich glaube, dass es schwer ist die Geschichte nicht zu mögen, weil sie zweifellos ein gutes Gefühl hinterlässt. Wer neugierig geworden ist, muss sich wohl auch in eine Welt ohne Farben fallen lassen. 
Keine Sorge, es lohnt sich!