Sonntag, 2. Februar 2020

Lesemonat Januar


Endlich wieder Lesemonat. Im Januar habe ich insgesamt sieben Bücher gelesen (nicht im Bild: "Weißer Tod" von Robert Galbraith). Zusammen bedeutete das 3425 Seiten. Und direkt waren auch zwei Highlights dabei, die kommen aber, wie immer, zum Schluss. Dann sind die Fakten geklärt, es kann losgehen. 

Gestartet wurde das Jahr mit "Wo man im Meer nicht mehr stehen kann" von Fabio Genovesi. Ein teilweise autobiografischer herzerwärmender Familienroman, der in Italien spielt und das Leben vom zwölfjährigen Fabio erzählt, der mit seiner riesengroßen Familie in einem italienischen Dorf lebt. Eine Geschichte, die wenn es warm ist, genau die richtige Stimmung liefert und wenn es draußen kalt ist, den Sonnenschein ins Haus holt. Zu "Wo man im Meer nicht mehr stehen kann" wird es noch eine Rezension von mir geben.

Weiter ging es im Januar mit dem letzten Fall für Strike und Robin. Ich gebe zu, ich habe die Reihe um den eigenwilligen Privatdetektiv genau falsch herum angefangen aber der Inhalt von "Weißer Tod" von Robert Galbraith, das Pseudonym JK Rowlings, klang einfach total interessant, so dass ich in der Bibliothek zugreifen musste- und ich wurde nicht enttäuscht. Der vierte und letzte Teil der Reihe ist ein hoch komplexer, facettenreicher und spannender Krimi geworden voller Wendungen. Es hat einfach sehr viel Spaß gemacht Strike und Robin bei ihrer Suche nach der Wahrheit zu begleiten und jetzt werde ich auch den Rest der Reihe lesen. 

Das nächste Buch im aktuellen Lesemonat war der Anfang einer großen Reise. Auch "Das Erbe der Elfen" von Andrzej Sapkowski war am Ende doch nicht das richtige Buch, um die Hexer-Reihe in der geeigneten Reihenfolge zu beginnen. Jetzt lese ich allerdings richtig. Nichtsdestotrotz war "Das Erbe der Elfen" ein wunderbarer Vorgeschmack auf die Hexer-Welt, die genauso mystisch wie faszinierend ist. Es war schon fast unheimlich, wie sehr ich in die Geschichte versunken bin, und auch das aktuelle Buch, das ich gerade aus der Hexer-Reihe lese, zeigt mir, wie "Das Erbe der Elfen", dass diese Reihe definitiv Lieblingsreihenpotenzial hat. Ich bin gespannt, wie es weiter geht. 

Und da wir nun schon einmal bei einer Buchreihe sind, geht es beim nächsten Buch im Januar direkt weiter mit dem zweiten Band einer weiteren großartigen Buchreihe. Im letzten Jahr hat mich der erste Teil der Vollendet Reihe von Neal Shusterman umgehauen, ich musste zugeben, dass ich vom Inhalt her mit einer so gut konstruierten Dystopie nicht gerechnet hätte, auch wenn die Grundidee, die der geniale Shusterman hier hatte, ebenso genial war. Umso gespannter war ich auf den zweiten Teil "Der Aufstand", der am Ende fast noch einmal einen drauf gelegt hat. Wie beim Auftakt fliegt man mehr durch die Seiten, als alles andere und fiebert in jeder einzelnen Zeile mit. Für mich gehört "Vollendet" jetzt schon zu eine der besten Dystopien, die ich je gelesen habe und ich freue mich auf die beiden letzten Bände. 

Es gibt Bücher, die lassen einen mit einem wohligen Gefühl zurück und man kehrt mit einem Lächeln in seinen Alltag zurück, so eine Geschichte erzählt die Autorin Marieke Lucas Rijnvard in ihrem Roman "Was man sät" nicht. Selten zuvor war ich von einer Geschichte fast schon angewidert und empfand gleichzeitig in jeder Faser die fast schon schmerzliche Schönheit dieses Buches und die poetische und bildhafte Sprache, in der die Autorin Bilder in den Köpfen ihrer Leserinnen und Leser zeichnet. Rijnvard erzählt die Geschichte einer Familie, die mit einem unglaublichen Verlust zu kämpfen hat und langsam daran zerbricht. Und das tut weh, es widert an, es ist schmerzhaft aber es ist so besonders, dass man "Was man sät" nicht mehr vergessen wird, wenn man die letzte Seite gelesen hat. 

Weiter geht es mit meinem ersten Monatshighlight. Als ich "A good girl's guide to murder" von Holly Jackson angefangen habe zu lesen, muss ich zugeben, dass ich nicht gedacht habe, dass der Jugendkrimi am Ende ein Monatshighlight wird. Doch relativ schnell belehrte mich die Autorin und ihre unglaublich sympathische Heldin Pippa eines Besseren. Die zweite Hälfte des Buches habe ich an einem Stück gelesen, weil es unmöglich war die Geschichte wegzulegen, man muss wissen, wie sie ausgeht. Holly Jackson erzählt hier einen hervorragend konstruierten Krimi voller nicht vorauszuahnenden Wendungen, der sich noch dazu den Charme des klassischen englischen Krimi bewahrt hat. Agatha Christie hätte anerkennend applaudiert und das Beste ist, "A good girl's guide to murder" ist der Anfang einer Reihe um die Nachwuchsdetektivin Pippa, ich freue mich jetzt schon auf ihr nächstes Abenteuer. 

Und da wäre auch schon das zweite Monatshighlight und gleichzeitig das letzte Buch aus dem Lesemonat Januar. "Three women" von Lisa Taddeo hatte ich schon sehr lange vor Veröffentlichung des Buches auf der Wunschliste stehen. Und das Warten hat sich gelohnt. Die Autorin erzählt die wahre Geschichte dreier Frauen, die über ihr Leben, ihre Liebe, ihre Sehnsüchte und ihre Leidenschaft sprechen. Diese Leben erzählt Lisa Taddeo auf so intensive und intime Weise, dass es manchmal schon zu viel zu werden scheint. Doch trotzdem ist "Three women" ein tolles Buch geworden, das man den Frauen in seinem Leben, die man bewundert und liebt, schenken und der fremden Frau auf der Straße in die Hand drücken möchte. 

Und schon sind wir wieder am Ende. Zusammenfassend würde ich behaupten, dass es ein sehr erfolgreicher Lesemonat war. Ich bin gespannt, was der Februar bringen wird. 

Mittwoch, 8. Januar 2020

Melanie Raabe - Die Wälder

Für Nina bricht eine Welt zusammen, als sie die Nachricht vom Tod ihres besten Freundes Tim erreicht. Dieser, ein junger aufstrebender Fotograf, hatte sein ganzes Leben eigentlich noch vor sich, wie konnte es also zu seinem frühen Tod kommen?
Als Nina beginnt nachzuforschen ist es, als wäre eine Tür zu ihrer Vergangenheit geöffnet worden, denn sie findet heraus, dass Tim in dem Dorf gestorben ist, in denen sie alle zusammen aufgewachsen sind, das Dorf, das sie eigentlich nie wieder sehen wollten. Als dann noch ein mysteriöser Brief von Tim Nina erreicht, weiß sie, dass das grausame und alte Geheimnis ihrer Kindheit wieder hervorbricht und sie eine alte Schuld begleichen muss...

Mit "Die Wälder" legt Melanie Raabe ihren mittlerweile vierten Thriller vor und dieser steht seinen erfolgreichen Vorgängern in nichts nach. Doch obwohl "Die Wälder" in Sachen Spannung den anderen Romanen der Autorin gleicht, ist es doch anders und besonderer geschrieben. Denn Melanie Raabe konstruiert hier nicht nur eine spannende Handlung, die ihre Leserinnen und Leser atemlos durch die Seiten des Romans fliegen lassen, sie erzählt auch die Geschichte einer besonderen Freundschaft, die ihren Anfang in einem kleinen Dorf genommen hat, das abseits der normalen Welt zu liegen scheint. Sie erzählt von einem langen Sommer, unbeschwerten Tagen und einem schrecklichen Ereignis, das diesen Sommer von einem auf den anderen Tag beendet hat und die jugendlichen Beteiligten mit einem grausamen Schwur zwang erwachsen zu werden. 
Bei dieser Thematik ist es fast nicht möglich den Einfluss eines berühmten Schriftstellers, der völlig zu Recht einen 'König' im Nachnamen hat, zu bemerken. Aber das ist überhaupt nicht negativ gemeint, denn Melanie Raabe gelingt es mit ihrem einzigartigen Schreibstil einen eigenen und wirklich gut erzählten Handlungsstrang zu kreieren. Mit viel Charme, Witz und einer gehörigen Portion Spannung wird diese Reise in die Vergangenheit ein wahrer Lesegenuss. 
Doch dann wäre da noch die primäre Handlung, in der die Autorin wieder einmal mit allem glänzt, was sie zu einer so guten Thriller Schriftstellerin macht. Als Leserin oder als Leser hat man auf jeder umgeblätterten Seite ein bisschen Angst weiterzulesen, denn im gesamten Roman erweckt Raabe immer wieder den Eindruck, dass gleich etwas Elementares passiert, das die gesamte Handlung noch einmal umwerfen könnte. Und mehr als einmal geschieht auch genau das. Zudem versteht es die Autorin geschickt die Leserinnen und Leser auf falsche Fährten zu locken. Man ist schon fast überzeugt die Handlung durchschaut zu haben, um kurz darauf eines Besseren belehrt zu werden. Dadurch entsteht eine Spannung, die sich möglicherweise zwar langsam aufbaut, die aber am Ende so undurchdringlich ist, als würde man selbst im Wald stehen, der gerade von einem besonders hartnäckigen Nebel heimgesucht wurde. Und wenn wir dann schon einmal beim Wald sind, kommt dann eine weitere Neuerung in Melanie Raabes neuem Roman hervor. Durch die detailreichen Beschreibungen des Handlungsszenarios, erhält "Die Wälder" neben der Spannung und der Geschichte einer besonderen Freundschaft auch noch eine gehörige Portion Grusel, der einen mindestens einen unbehaglichen Blick nach hinten werfen lässt, wenn man das nächste Mal einen Wald betritt.
Unbedingt lesen! 

Verlag: btb
Erschienen: 27. Dezember 2019
Seiten: 432
Preis: 16 Euro (Ebook: 12.99 Euro)

Montag, 2. Dezember 2019

Stephen Chobsky - Der unsichtbare Freund





Verlag: Heyne
Seiten: 913
Erschienen: 04. November 2019
Preis: 24 Euro (Ebook: 18.99 Euro)







Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Exfreund Jerry, zieht es die alleinerziehende Mutter Kate und ihren siebenjährigen Sohn Christopher in das beschauliche Örtchen Mill Grove in Pennsylvania. Es führt bloß eine Straße hinein und eine Straße hinaus in die Stadt. Umgeben ist der Rest von Mill Grove von einem riesigen Waldstück, dem sogenannten Missionswald. 
Doch kurz nach der Ankunft in Mill Grove passiert das Unfassbare. Christopher verschwindet plötzlich spurlos. Jede Suche nach ihm bleibt vergebens, bis er sechs Tage später genauso plötzlich wieder auftaucht, am Rande des Missionswaldes ohne Erinnerung daran, was ihn in den Tagen seiner Abwesenheit geschehen war oder, wo er sich aufgehalten hatte. Bald schon wird sich mit der Erklärung abgefunden, dass sich Christopher wohl im Wald verirrt habe, doch kurz nach seinem glücklichen Wiederauftauchen beginnt dieser sich seltsam zu verhalten und behauptet, ein unsichtbarer Freund hätte ihm den Auftrag erteilt, ein Baumhaus im Wald zu bauen. Christopher wagt es nicht seiner Mutter die Wahrheit zu sagen und zwar, dass von diesem Baumhaus nicht nur das Überleben der gesamten Einwohnerschaft Mill Groves abhängt, sondern das der ganzen Menschheit...

Bereits nach ein paar Sätzen aus dem Inhalt von "Der unsichtbare Freund" von Stephen Chobsky war mir klar, dass ich dieses Buch haben musste. Chobskys erst zweiter Roman, den er ganze zwanzig Jahre nach seinem Debüt veröffentlicht hat und mit dem er zudem einen krassen Genrewechsel vollzieht, klang wie eine Mischung aus Stephen Kings besten Zeiten und der erfolgreichen Mysteryserie 'Stranger things'. 
Nach der Lektüre muss ich meine Einschätzung über 'Stranger things' zwar zurücknehmen, doch die außergewöhnlichen Ähnlichkeiten mit gerade den früheren Romanen Stephen Kings ist zweifellos gegeben und das ist überhaupt nicht negativ gemeint, denn Chobsky ist mit "Der unsichtbare Freund" das gelungen, was King zur Perfektion beherrscht: eine großartige Geschichte zu erzählen, die es der Leserin und dem Leser unmöglich macht, irgendetwas Anderes in seiner Umgebung wahrzunehmen, als dieses Buch.
Ich bin eine begeisterte Teetrinkerin beim Lesen und kann nicht zählen, wie oft, während der Lektüre zu "Der unsichtbare Freund" der Tee kalt geworden ist, weil es nichts mehr für mich gab, außer diese Geschichte. Außerdem beherrscht Chobsky ebenfalls Kings Talent dicke Schmöker auf den Markt zu werfen, in denen scheinbar kein Wort zu viel zu sein scheint. Obwohl das Buch mit knapp tausend Seiten mehr als umfangreich war, hatte ich nie das Gefühl, dass die Handlung künstlich in die Länge gezogen wurde oder das eine Szene zu viel war, außer natürlich, als die Geschichte sich dem Ende zuneigte und ich unbedingt wissen musste, wie sie ausging. 
Und auch die Figuren in Chobskys Roman hätten ebenso gerade erst aus einem Stephen King Buch gefallen sein können. Nicht nur, dass der Autor seine primäre Handlung ausschließlich mit Kindern besetzte, sondern auch die Nebencharaktere, die diese ganz eigentümlichen Eigenschaften haben, die sie zu etwas ganz Besonderem machen. Obwohl ich an dieser Stelle meine Einschätzung zu 'Stranger things' noch einmal korrigieren muss, denn gerade die Figurenkonstellation und ein Teil der Handlung erinnern dann doch an die Serie, in der ein kleiner Junge unter mysteriösen Umständen verschwand und dann verzweifelt und energisch von seiner Mutter gesucht wurde.
Und dann diese unfassbare Intensität. Es ist lange her, seit ich das letzte Mal von einem Buch geträumt habe. Ehrlich gesagt kann ich mich nur an einen bestimmten Clown erinnern, der vorwiegend in der Kanalisation umherwandert und mich bis in meine Träume verfolgt hat, aber "Der unsichtbare Freund" ist so unglaublich intensiv geschrieben, dass es mich sogar dann nicht losgelassen hat, wenn ich nachts im Bett lag und geschlafen habe. 
Auch wenn Stephen Chobsky in seinem neuen Roman zeigt, dass er nicht nur den Vornamen mit King gemeinsam hat und das auch ganz locker zugibt, schließlich wird der Meister persönlich in der Danksagung erwähnt, ist "Der unsichtbare Freund" eine großartige Geschichte geworden, ein Jahreshighlight, das mich auf jeder Seite begeistert und unterhalten hat.
Unbedingt lesen! 

Mittwoch, 13. November 2019

Sarah Perry- Melmoth




Verlag: Eichborn
Seiten: 337
Erschienen: 30. September 2019
Preis: 24 Euro (Ebook: 14.99 Euro)









Helen lebt ein unscheinbares Leben in der tschechischen Hauptstadt Prag. Alles an ihr scheint absolut gewöhnlich, fast scheint es, als würde Helen sich unsichtbar machen wollen. Als würde sie ihr Leben so weit bedeutungslos machen, dass es nicht mehr auffiel, dass sie es trotz allem weiterlebte. Trotz der unvorstellbaren Schuld, die Helen auf sich geladen hat.
Doch alles ändert sich, als ihr ein geheimnisvolles Manuskript in die Hände fällt. Darin ist von einer mysteriösen Gestalt namens 'Melmoth' die Rede, ein Schreckensmärchen Kindern erzählt, damit sie brav bleiben, aber doch auch immer wieder Gegenstand alter historischer Dokumente. Melmoth, die dazu verdammt wurde ewig auf Erden zu wandeln mit blutigen Füßen und die für immer in Einsamkeit vergeht, es sei denn, du ergreifst ihre Hand, denn Melmoth zeigt sich nur den wahrhaft Verzweifelten, die voller Trauer oder voller Sünde sind. 
Sie beobachtet dich schon lange und wartet nur auf den richtigen Augenblick...

Schon lange vor der Veröffentlichung von "Melmoth", geschrieben von Sarah Perry, habe ich mich auf das Buch gefreut, da der Inhalt eine mysteriöse und vielschichtige Spukgeschichte versprach. Nach der Lektüre von "Melmoth" kann ich bestätigen, dass es jede Menge Grusel bereit hält, doch Sarah Perry geht sogar ein bisschen weiter. Sie erzählt die Geschichte einer Spukgestalt, die aber gleichzeitig auch eine moralische Leitfigur darstellt. Denn verfolgt von Melmoth werden nur diejenigen, die große Trauer empfinden und einen Ausweg suchen oder große Schuld auf sich geladen haben und nicht mehr mit dieser leben können. Aus diesem Grund wird 'Melmoth' auch die Zeugin genannt, denn sie gibt Zeugnis über das Leben der Verfolgten ab und konfrontiert sie mit ihrer Trauer und ihrer Schuld. Natürlich hat 'Melmoth' nicht nur die Eigenschaften eines moralischen Kompasses, sondern auch die klassischen Züge der obligatorischen Gruselfigur mit einem, im Wind wehenden, gruseligen Gewand, auch wenn eigentlich kein Wind weht, und der Eigenart immer dann in Situationen aufzutauchen, in der man generell nicht mit gruseligen Spukgestalten umgehen kann, beispielsweise, wenn sie nachts an deinem Bett steht oder in einem Schaukelstuhl am Bett einer Patientin mit tragischem Schicksal in deren Zimmer du aus Versehen gestolpert bist. Und natürlich handelt es sich nicht um irgendeinen Schaukelstuhl, sondern um einen quietschenden.
Damit ist Sarah Perry mit ihrem Roman "Melmoth" ein wirkliches Kunststück gelungen. Sie findet genau die richtige Mischung zwischen Gruselgeschichte und moralischen Begebenheiten, die nicht nur dazu führen, dass man als Leserin oder Leser vollkommen in die Geschichte versinkt, sondern, dass sie nicht nur an einem Punkt nachdenklich stimmt. 
Zugegeben, durch allerlei Zeitsprünge, Figuren- und Zeitebenen Verschiebungen ist "Melmoth" keine Geschichte, die man nebenbei weglesen kann. Durchaus komplex geschrieben, läuft man Gefahr sich in den Worten zu verlieren, doch es lohnt sich dran zu bleiben, denn man wird mit einem Buch belohnt, dass man so schnell nicht vergessen wird. 

Donnerstag, 26. September 2019

Rob Hart - Der Store







Verlag: Heyne
Seiten: 593
Erschienen: 02. September 2019
Preis: 22 Euro (Ebook: 12.99 Euro)







Der Store liefert dir alles, was du brauchst und das in kurzer Zeit.
Der Store schafft Arbeitsplätze, Wohnungen und wird somit dein Lebensinhalt. Deine ersetzte Familie. 
Zinnia und Paxton schaffen den Sprung in die neue Welt, die Welt von 'Cloud'. Ein Vormachtsmonopol in den Vereinigten Staaten auf dem besten Weg die Kontrolle über das ganze Land zu übernehmen und weit darüber hinaus. Zurück lassen die beiden eine Welt, die vom Klimawandel gezeichnet ist und in der das Unternehmen 'Cloud', ihr neuer Arbeitgeber, den gesamten Einzelhandel einstürzen lassen hat. Verlassene Städte, die Geisterstädten gleichen, Arbeitslosigkeit und Armut waren die Folge. Sichere Arbeitsplätze gibt es nur noch bei 'Cloud'. 
Somit hatten die beiden Glück, aber ist das wirklich wahr?
Denn die Welt von 'Cloud' scheint nur auf dem Papier das Wahre zu sein...

"Der Store" lässt uns Klassiker wie "1984" von Orwell und "Schöne neue Welt" von Huxley vergessen. So ähnlich zumindest wurde Rob Harts erster Unterhaltungsroman angekündigt. Nach der Lektüre würde ich nicht behaupten, dass ich die großartigen Vorreiter des klassischen Dystopie-Romans vergessen hätte, aber trotzdem ist Rob Hart mit seiner Geschichte eines Unternehmens, dass quasi die Weltherrschaft übernehmen will, etwas Gutes und Wichtiges gelungen. Man könnte behaupten, er hätte Huxleys und Orwells Geschichten neu erfunden und sie auf unsere heutige Zeit übertragen, sie demnach mit Interaktionspunkten aus unserem Leben verbunden. Denn niemand wird bestreiten, dass wir in der Realität bereits eine abgemilderte Form von dem Unternehmen 'Cloud' haben. Ein Unternehmen, das bereits einen hohen Stellenwert in unserem Leben eingenommen hat und es scheint, dass es immer schlimmer wird, je mehr wir uns dagegen wehren. Auch unseren Innenstädten drohen Verödung und Aussterben, weil der Einzelhandel durch dieses Unternehmen immer mehr einknickt. Auch wenn in unserer Realität der klassische Einzelhandel einen langsameren Verfall widerfährt, als im vorliegenden Roman, ist der fast schon beängstigende Realitätsanspruch, den "Der Store" zweifellos inne hat eben das, er macht Angst. Mit eine vom Klimawandel gezeichneten Welt und Überwachungsmethoden, die nach "1984" in "Der Store" neue Dimensionen erreichen, uns in unserer Realität allerdings überhaupt nicht mehr fremd sind, scheint Rob Harts Darstellung einer vermeintlichen Utopie, eher eine Form unserer eigenen Zukunft darzustellen. Der Sinn und Zweck einer Dystopie ist erreicht, wenn man nach der letzten gelesenen Seite nach draußen laufen will, um den Menschen zu sagen, dass sie aufhören sollen so zu leben, wie sie es tun, wenn das eben Gelesene die Zukunft sein soll, nach der alle so strebsam sehnen. Ich hatte nach der letzten Seite "Der Store" die Schuhe bereits an. 
Rob Hart beweist mit seinem Roman, dass er das Genre 'Dystopie' zur Perfektion beherrscht. "Der Store" ist eine erschreckende, realitätsnahe und großartige Geschichte geworden. Dazu ist es dem Autoren überdies gelungen zwei unheimlich interessante Figuren in seine Geschichte einzuarbeiten, die aus ganz unterschiedlichen Gründen den Weg in die 'Cloud' wählen und ihre Geschichten, trotz einiger Berührungspunkte, verschiedene Wege nehmen. 
Um dem Ganzen zum Schluss die Krone aufzusetzen, bekommt auch noch der Handlungsort des Romans und Heimatland des Autoren Rob Hart, die USA, ihren berüchtigten, schreiberischen Seitenhieb, der in den sogenannten 'Black Friday' Massakern einen fast schon satirischen Höhepunkt findet. 
Eigentlich wird Rob Harts Roman somit zu einer Geschichte, die jeder lesen sollte. Diejenigen, die sich zu viel kümmern und bestärkt werden, dass sie diese Zukunft nicht haben wollen. Und diejenigen, die sich zu wenig kümmern und ins kleinste Detail beschrieben bekommen, auf was sie zusteuern.
Pflichtlektüre! 

Sonntag, 4. August 2019

Ian McEwan - Maschinen wie ich






Verlag: Diogenes
Seiten: 417
Erschienen: 22. Mai 2019
Preis: 25 Euro (Ebook: 21.99 Euro)








Charlie ist in den mittleren Jahren und lebt in einer kleinen Wohnung in London. Als er unerwartet an eine größere Menge Bargeld kommt, entscheidet er sich gegen einen Umzug in eine größere Wohnung und für eine ganz besondere Anschaffung. Er legt sich einen der ersten auf den Markt kommenden Roboter zu. Er trägt den Namen Adam und unterscheidet sich im Aussehen und Verhalten fast nicht mehr von den Menschen, außer, dass er einen Supercomputer im Kopf hat. Zusammen mit seiner Nachbarin Miranda, in die sich Charlie mittlerweile verliebt hat, legen sie gemeinsam Adams Persönlichkeit fest und stolpern in ein Leben mit einer künstlichen Intelligenz. 
Doch wie viel Leben und wie viel Bewusstsein steckt eigentlich in Adam? 
Diese Frage muss sich Charlie stellen, als Adam ihm das Geständnis macht, dass er sich ebenfalls in Miranda verliebt hat und sich zwischen den ungewöhnlichen Protagonisten eine Dreiecksgeschichte entwickelt. 

Schon lange im Vorfeld habe ich mich auf Ian McEwans neuen Roman "Maschinen wie ich" gefreut. Der Inhalt klang ungewöhnlich und ich erwartete eine frische und ebenso ungewöhnliche Geschichte. Und die habe ich bekommen. 
McEwan beschäftigt sich mit einem Thema, das die Menschen schon lange fasziniert hat, künstliche Intelligenzen. Aber er geht noch einen Schritt weiter, in "Maschinen wie ich" erleben wir ein London in den achtziger Jahren, das von Inflation und Arbeitslosigkeit gezeichnet ist. Doch der Grund dafür sind hauptsächlich die Unmengen an Maschinen, die auf den Markt gespült werden und menschliche Arbeit immer mehr ersetzen. Hier ist die Welt in Sachen künstliche Intelligenzen einen erheblichen Schritt weiter, als sie es im wirklichen London der achtziger Jahre gewesen ist. 
Im Mittelpunkt von McEwans Geschichte steht Charlie, ein Mann in den mittleren Jahren, der, nachdem er zu einer großen Menge Bargeld kommt, sich dagegen entscheidet aus seiner trostlosen und viel zu kleinen Wohnung auszuziehen, um sich etwas Größeres zu leisten und stattdessen einen der ersten menschlichen Roboter kauft. An dieser Handlung erkennt man, dass Charlie noch nicht wirklich im Erwachsenenleben angekommen scheint. Er beschwert sich zwar öfter über seine Wohnsituation, doch als er die Möglichkeit bekommt diese zu ändern, entscheidet er sich aus purer und vielleicht auch ein wenig kindlicher Neugier heraus sich ein persönliches Spielzeug zuzulegen. Doch als erst Miranda und dann auch noch Adam in sein Leben treten, ändert sich alles. Zuerst ist da Miranda, seine Nachbarin, für die Charlie Gefühle entwickelt, die er sich selbst nicht ganz erklären kann und auch Miranda bleibt zunächst undurchsichtig und scheint ein Geheimnis mit sich herum zu tragen. Und dann ist da Adam, der wohl prägnanteste und interessanteste 'Charakter' in "Maschinen wie ich", der, während die Handlung voranschreitet ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln scheint, das, wie er selbst behauptet, fähig ist nicht nur erstaunliche Leistungen anhand des Supercomputers in seinem Kopf zu produzieren, sondern auch lieben und so etwas wie Moral entwickeln kann. Und genau hierbei erkennt man, warum Ian McEwan mit "Maschinen wie ich" ein Kunststück gelungen ist. 
Der Autor stellt die richtigen und wichtigen Fragen, mit denen wir uns auch in der Realität irgendwann beschäftigen müssen.
Wie viel Bewusstsein kann eine künstliche Intelligenz im täglichen Umgang mit Menschen entwickeln?
Sind sie tatsächlich fähig zu lieben, zu trauern, also Emotionen zu haben, und auf moralische Weise zu handeln?
Was passiert eigentlich mit einen 'Maschinen-Gehirn', das nicht wie bei uns die enorme Menge an vor allem negativer Information, wie Klimawandel, Krieg, Mord etc., herausfiltern kann? Also die Welt, wie grausam sie die meiste Zeit ist, pur und ohne Filter erleben muss?
Und vor allem, was geschieht eigentlich mit der Gesellschaft, wenn uns Maschinen und künstliche Intelligenzen irgendwann ersetzen?
Diese Fragen geht McEwan in seinem neuen Roman an und lässt um sie herum eine interessante und gut konstruierte Handlung entstehen, die "Maschinen wie ich" zu einer unglaublich guten und sehr lesenswerten Lektüre macht.

Sonntag, 28. Juli 2019

Lesemonat Juni

Hier ist mein kleiner und verspäteter Lesemonat Juni. 
Klein aber fein.
Im Juni habe ich insgesamt vier Bücher gelesen mit 1698 Seiten. 
Das sind vergleichsweise eher weniger Bücher, trotzdem war ein echtes Jahreshighlight dabei. Dazu mehr am Ende des Beitrags.

Beginnen wir den Lesemonat mit dem Auftakt der Spiegelreisende Reihe "Die Verlobten des Winters" von Christelle Dabos. Ich war im Vorfeld sehr gespannt auf die Reihe, die einiges versprochen hatte. Insgesamt war es auch ein solider Auftakt. Allerdings gab es doch sehr viele Momente, in denen ich die Geschichte doch sehr langatmig fand, dementsprechend habe ich auch verhältnismäßig sehr lange für das Buch gebraucht. Aber zusammenfassend ist die Grundidee und die Konstruktion der Handlung interessant aufgebaut, so dass ich der Fortsetzung sehr wahrscheinlich eine Chance geben werde. 

Weiter ging es im Juni mit einer eher etwas enttäuschenden Lektüre. Als ich damals den Debütroman von Marc Elsberg gelesen habe, war ich begeistert. "Black Out" war ein mögliches erschreckendes, reales und beängstigendes Zukunftsszenario, in das ein Terroranschlag auf das Stromnetzwerk thematisiert wurde und wie abhängig wir von der Elektrizität sind, ohne uns dem bewusst zu sein. Dementsprechend neugierig war ich auf Elsbergs neustes Werk "Gier- Wie weit würdest du gehen?", in dem der mysteriöse Tod eines Nobelpreisträgers einen unbeteiligten Krankenpfleger zum Gejagten macht. Leider war die Lektüre ebenfalls an vielen Stellen sehr langatmig und aufgrund der Fachsprache auch oft schwer verständlich. So war es sehr mühsam das Buch zu lesen und "Gier" wanderte auf den eher schwächeren Elsberg- Lektürenstapel.

Das nächste Buch aus dem vergangenen Monat hat meine Zuneigung zu einem bestimmten Genre neu entfacht. Das Fantasy-Genre und ich hatten in den letzten Monaten ein paar Probleme, doch dann kam "Mitternacht" von Christoph Marzi und alles war wieder gut. Marzi erschafft in seinem neuen Roman ein frisches und unterhaltsames Fantasy-Szenario, das er in London spielen lässt, einer Stadt, die allein schon durch ihre pure Anwesenheit eine eigene Magie ausstrahlt. Eine Stadt, die fast schon prädestiniert für einen guten Fantasy-Roman steht. Und das ist "Mitternacht", zweifellos. Das Ende mag etwas plötzlich erscheinen, doch im Nachwort schließt Marzi die Möglichkeit einer Fortsetzung nicht aus. Ich freue mich jetzt schon drauf. 

Kommen wir nun zu meinem absoluten Highlight des Monats. "Alles still auf einmal" von Rhiannon Navin ist eine tieftraurige Geschichte. Sie erreicht Stellen in deinem Herzen, von denen du nicht geglaubt hast, dass sie existieren. In "Alles still auf einmal" erzählt ein sechsjähriger Junge namens Zach das Unfassbare, als ein Junge mit einer Waffe in seine Schule kommt und seine Mitschüler und Lehrer erschießt. Zach wird gerettet, doch sein älterer Bruder Andy stirbt bei dem Amoklauf. Fortan lebt Zach in seiner Familie, die vom Schmerz des Verlustes und der Unfassbarkeit der Tat überwältigt ist. Doch anders als die Erwachsenen um sich herum, versteht es Zach mit einer unglaublichen Feinfühligkeit sich in dieser tieftraurigen Situation zurechtzufinden. Ich habe selten bei einem Buch sooft geweint, wie hier. Zach ist ein großartiger Charakter, den man sofort ins Herz schließt, weil er zeigt, dass es auch in dieser unwirklichen und unfassbaren Situation ein bisschen Hoffnung gibt, man muss nur lernen sie zu erkennen. 

Das war er. Mein Lesemonat Juni. Gerade noch rechtzeitig, damit sich der Lesemonat Juli nahtlos anschließen kann. Ich freue mich drauf.