Dienstag, 22. November 2022

Melanie Raabe - Die Kunst des Ver



Melanie Raabe- Die Kunst des Verschwindens 



Darf ich euch ein Geständnis machen?

Als ich zum ersten Mal die Inhaltsangabe von "Die Kunst des Verschwindens" gelesen habe, fand ich sie so nichtssagend, man wusste nicht so wirklich, um was es in der Geschichte gehen soll, was passieren wird. Hätte ich nicht alle Thriller von Melanie Raabe gefeiert, hätte ich mir das Buch vielleicht sogar gar nicht gekauft. Doch da lag es im Buchladen, ganz unverhofft, ein paar Tage vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin und es musste einfach mit.
Darf ich euch noch ein Geständnis machen?
Nach der letzten gelesenen Seite habe ich ein neues Jahreshighlight und ein neues Lieblingsbuch von Melanie Raabe. Von der ersten Seite war ich verliebt, in genau diese geheimnisvolle Story, die ich zuvor absurderweise als so nichtssagend empfunden habe. Wie schon in ihren Thrillern spielt die Autorin ein meisterhaft komponiertes Spiel mit ihren Leser:innen. In dem Moment, in dem wir glauben ihre Figuren durchschaut zu haben, eröffnet sie uns ein neuen Plottwist, der mich ungläubig in die vorangegangene Zeile zurückspringen ließ, um ganz sicher zu gehen, dass ich auch richtig gelesen habe. Und dann lässt man sich einfach nur fallen, versucht auch nicht mehr die Handlung vorherzusagen, weil man weiß, dass man doch wieder falsch liegen wird, aber das ist auch nicht weiter schlimm. Man will einfach nur dabei sein, bei den beiden Protagonistinnnen Nico und Ellen, die nie ganz zu durchschauen aber wunderbar sympathisch sind, man will sie auf ihren Weg ein Stück begleiten und irgendwie hoffen, dass am Ende alles gut wird.
Am Ende weiß ich immer noch nicht so wirklich, was "Die Kunst des Verschwindens" eigentlich ist, aber nach der Lektüre liebe ich genau das an der Geschichte. Ich liebe, dass sie anders ist, dass sie von allem etwas hat: Spannung, eine wunderbar erzählte besondere Verbindung zwischen den beiden Protagonistinnen, Geheimnisse, Mystik, dass man ihr nie ganz trauen kann, dass man das aber eigentlich will und dass sie so wunderschön erzählt wird, dass ich mir sogar die ein oder andere Träne wegblinzeln musste.
Und was ist das für ein passender Titel? Nicht nur für die Geschichte, sondern für die Leser:innen, denn, wenn ihr Lust habt ein paar Stunden aus den Alltag abzutauchen und komplett zu verschwinden, dann ist "Die Kunst des Verschwindens" genau das Richtige.

Montag, 21. November 2022

Margaret Atwood- Penelope und die zwölf Mägde

 



Penelope und die zwölf Mägde

-Margaret Atwood-




Willkommen zurück in der griechischen Mythologie. Da seht ihr Odysseus, seine Insel Ithaka, da das Schiff, das er wahrscheinlich für seine jahrzehntelange Irrfahrt nach dem Ende des trojanischen Krieges benutzt hat, da immer noch ein paar seekranke Untertanen und die Reste des Gemetzels, das Odysseus, kurz nach dem er sich endlich bequemte nach Hause zu kommen, veranstaltet hat, weil er eben ist, wie er ist und die Belagerung der Freier seines Hofes während seiner langen Abwesenheit vergelten musste. Und dann ist noch sie, sie: Penelope. Der Name ist euch nicht allzu bekannt? Das muss geändert werden, denn heute bekommt Odysseus' Ehefrau ihren längst verdienten und höchst überfälligen großen Auftritt. 

Zurück in die Gegenwart, wir wechseln den Schauplatz und gehen in den Hades, die berüchtigte Unterwelt der griechischen Mythologie. Hier fristet Penelope ihr Dasein, trifft ab und zu alte Bekannte und entschließt sich zu dem, was ihr zu Lebzeiten als Zeitverschwendung erschien, doch jetzt, wo Zeit ausreichend vorhanden ist, als der richtige Augenblick: heute wird die berühmte Geschichte des Odysseus verworfen und ordentlich durchgeschüttelt. Penelope erzählt ihre Geschichte, räumt mit Mythen und zweifelhafter Götterverehrung auf, mit Gerüchten, die sich zahlreich um ihre Person ranken und geht auch ganz zum Anfang, als sie als junges Mädchen von einem Vater, der sie bereits als Kind ertränken wollte, weil sie nicht der begehrte männliche Thronerbe wurde, an den erstbesten Ehemann verschachert wurde, Odysseus, den sie aber doch auf eine verquere Art und Weise lieben lernte. Außerdem erzählt Penelope die Geschichte ihrer zwölf Mägde, völlig verloren gegangen in der griechischen Chronik. Diese Mägde, die Penelope zwar als etwas naiv, aber doch treu ergeben beschreibt, mit denen sie gegen die Belagerer ihres Hofes rebellierte und die ihre wichtigsten Stützen während der langen Abwesenheit ihres Mannes waren, wurden mit den Freiern und Belagerern des Hofes ebenfalls kurz nach Odysseus' Rückkehr zum Tode verurteilt, wegen angeblicher Unzucht.

Auch wenn die Autorin Margaret Atwood die Mägde in ihrer Interpretation dieses Stücks Geschichte im klassischen Gewand auftreten lässt, nämlich singend als Chor, hat sie mit "Penelope und die zwölf Mägde" ein modernes Glanzstück geschaffen. Eine unglaublich unterhaltsame und gelungene Neuinterpretation, erzählt aus weiblicher Sicht ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen. 

Am Anfang hatte ich keine Ahnung, worauf ich mich einlasse und war dann sofort überrascht über die unglaubliche Nahbarkeit von Penelope, ihrer eigentlich fast absurden Kindheit und auch ihr ständiger Konkurrenzkampf mit ihrer schönen aber unglaublich gehässigen Cousine Helena, die bekanntlich mit ihrer Flucht zusammen mit einem jungen Schönling namens Paris, erst den Trojanischen Krieg auslöste, der Odysseus zwang seine Insel Ithaka und seine Frau Penelope zu verlassen. Und natürlich war ich auch überrascht über die Geschichte der zwölf Mägde, die mir bis dahin völlig unbekannt war. Atwoods Blick auf Ithaka, durch Penelope, ist eine Mischung aus Rationalität, eine Geschichte weiblichen Zusammenhalts, sie ist aber auch selbstkritisch, vor allem in den Momenten, in denen Penelope im Hades in sich hineinhorcht und sich eine nicht unerhebliche Mitschuld am Tod der zwölf Mägde gibt. 

Am Ende verlässt Atwood dann mit Penelope zusammen ganz den fiktionalen Bereich und stellt die Frage, wie viel von Odysseus auch heute noch der männliche Teil der Bevölkerung in sich trägt. Die Entmystifizierung eines Helden in ihrer reinsten Form.

"Penelope und die zwölf Mägde" ist also nicht nur unglaublich unterhaltsam, sondern auch lehrreich, es erweitert den eigenen Horizont und lässt einen ganz anders nicht nur auf Odysseus, sondern auch auf andere Heldengeschichten blicken. Außerdem ist Penelope mit ihrem messerscharfen Verstand, Intelligenz, eine Eigenschaft, die bei Frauen in der griechischen Mythologie übrigens auch keinen hohen Stellenwert hat- wie überraschend-, ihrer herrlich saloppen Art und ihrer Nahbarkeit die perfekte Figur, um uns im Hades ihre Sicht der berühmten Geschichte ihres Mannes erzählen zu lassen und diese ist es wert gehört zu werden.

Freitag, 10. September 2021

Patrick Hertweck - Der letzte Rabe des Empire




Verlag: Thienemann-Esslinger
Seiten: 480
Erschienen: 24. August 2021
Preis: 17 Euro (Ebook: 12.99 Euro)





Wir sind in London im Jahr 1888. Ein unheimlicher Nebel taucht die ohnehin schon düsteren und verwinkelten Ecken der Stadt in eine unheimliche Atmosphäre. Es ist Nacht und durch die menschenleeren Gassen schleicht eine ganz in schwarz gekleidete und bösartige Legende, um seine unschuldigen Opfer aus dem Hinterhalt zu attackieren.

Herzlich Willkommen in Patrick Hertwecks erstem Jugendbuch: "Der letzte Rabe des Empire", in dem eine Mordserie London in Angst und Schrecken versetzt und ein mutiger Junge von der Straße namens Melvin, der mit allen Opfern in Verbindung stand, alles daran setzt den Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen. 
"Der letzte Rabe des Empire" nimmt uns mit ins viktorianische London, in das wir dem Protagonisten durch die vielen Gassen und Ecken folgen, um der Gerechtigkeit genügen zu tun - und das macht so viel Spaß und ist unglaublich unterhaltsam. Patrick Hertweck ist hier wahrlich ein kleines Kunststück gelungen. Er verbindet seine Geschichte über einen Straßenjungen im alten London mit geschichtlichen Fakten über eine der größten ungelösten Serienmorde der Geschichte, nimmt sich dabei dem Phantom, das daraus entstanden ist, 'Jack The Ripper', an und vermischt das Ganze zuletzt auch noch in eine unglaublich unterhaltsame Fantasygeschichte. Und das alles macht er mit so einer treffsichernden Logik und einen bis zum Ende stand haltenden und in allen Richtungen verästelten Erzählgerüst, dass man meinen könnte ihm alleine wäre es gelungen 'Jack The Rippers' wahre Natur zu offenbaren.
Auch der Einstieg in die Geschichte hat mir besonders gut gefallen, obwohl man möglicherweise als Leserin oder als Leser manchmal ins Straucheln kommen kann, weil viele Figuren eingeführt und Erzählstränge auch einmal mittendrin unterbrochen werden. Aber gerade das hat für mich die Mystik und das Geheimnisvolle, das die gesamte Geschichte umgibt, noch einmal gesteigert und ich wollte unbedingt wissen, wie es weiter geht. Und wie gekonnt die einzelnen Erzählstränge im Laufe des Romans und am Ende zusammengeführt werden, das macht für mich die Besonderheit dieser Geschichte aus. 
Auch viele Botschaften stecken zwischen den Zeilen dieser wunderbaren Geschichte, die von Trauer, Verlust, Bescheidenheit, Freundschaft und Gendering eine ganze Palette umfassen und Patrick Hertwecks Leser*innen viel mitgeben können.
"Der letzte Rabe des Empire ist ein spannender und unglaublich gut erzählte Mystik-Abenteuerroman geworden, der von der ersten bis zur letzten Seite hervorragend unterhält. 
Diese Reise nach London hat mir besonders viel Spaß gemacht. 

Sonntag, 11. April 2021

Takis Würger - Noah. Von einem, der überlebte

 



Verlag: Penguin
Seiten: 188
Erschienen: 1. März 2021
Preis: 20 Euro (Ebook: 17.99 Euro)









Die bewegende Lebengeschichte des Noah Klieger. 
Als die Nazis Belgien besetzten, war Noah Klieger gerade mal 13 Jahre alt. Er schloss sich einer jüdischen Untergrundorganisation an, die heimlich Kinder und Jugendliche über die Grenze in die Schweiz schmuggelte. Mit 16 Jahren wird Noah Klieger nach Ausschwitz deportiert und als dort gefragt wird, ob es unter den Anwesenden Boxer gibt, die gegeneinander boxen, hebt Noah Klieger die Hand, obwohl er noch nie vorher in seinem Leben geboxt hat. Als Mitglied der Boxmannschaft erhält er jedoch mehr Essen und bessere Überlebenschancen. Mit 20 Jahren wird Noah Klieger, nachdem er drei Todesmärsche und vier Konzentrationslager überlebt hat, befreit. 
Nach seiner Befreiung entschließt sich Noah nach Israel zu gehen und gerät auf einem Schiff, das später einmal sehr berühmt werden sollte, wieder mit dem unmittelbaren Tod in Kontakt. Doch auch diese Station seines außergewöhnlichen Lebens sollte Noah Klieger überleben.
Takis Würger erzählt seine beeindruckende Geschichte.

Solche Bücher wie Takis Würger's "Noah" sind unendlich kostbar. Sie erschüttern, sie beeindrucken, sie rütteln auf, aber vor allem - und das ist das Wichtigste - sie erinnern. Sie halten die Lebensgeschichten, die schrecklichen und unmenschlichen Erinnerungen der Holocaust Überlebenden lebendig und das ist in diesen Zeiten, in denen es immer weniger direkte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt, die ihre Geschichten direkt erzählen können, von elementarer Bedeutung. Denn die unfassbaren und nicht begreiflichen Verbrechen des Dritten Reiches müssen im kollektiven Gedächtnis bewahrt werden, damit sie immer wieder hervorgeholt, erinnert und reflektiert werden können. Die dunkelste Zeit in der Geschichte Deutschlands darf nicht vergessen werden. Deswegen ist es wichtig ein kollektives Gedächtnis, sei es in schriftlicher oder audiovisueller Form, weiter auszubauen, um jeder nachfolgenden Generation die Möglichkeit zu geben ungehindert auf diese Erinnerungen zuzugreifen. 
Mit "Noah" steuert Takis Würger ein weiteres wertvolles Dokument bei. Dabei ist "Noah" an sich keine Biografie. Es ist eher eine Aneinanderreihung von Noah Kliegers Erinnerungen an seine Kindheit der 1920er Jahre in Frankreich, an seine Zeit als Häftling von vier Konzentrationslagern und sein beeindruckender Kampf für die Staatsgründung Israels und ein neues Leben im Land seiner Väter. Takis Würger schreibt im absolut nüchternen Stil über Noah's beeindruckendes Leben und vielleicht macht gerade das seine Erinnerungen aus dem Holocaust noch erschreckender und noch bildlicher, aber nicht greifbarer. Denn auch wie bei vielen anderen Erzählungen Holocaust Überlebender in egal welch medialer Form, ist das Schrecken, das Grauen, das unfassbare Leid der Menschen, diese unbegreiflichen Verbrechen, die millionenfache Ermordung von Jüdinnen und Juden, immer noch nicht fass-oder greifbar. Es ist ein unglaubliches Grauen, an das immer wieder erinnert werden muss. 
Noah Klieger hat überlebt, er hat sich seinen Wunsch erfüllt und ist in sein Vaterland zurückgekehrt. Und er gibt uns die wertvolle Möglichkeit seine Geschichte, die die Geschichte vieler anderen Überlebenden ist, erzählt zu bekommen. "Noah" ist ein wertvolles Zeitdokument und auch ein bisschen eine Geschichte über Freundschaft, Hilfe von ungeahnter Seite und auch ein wenig Hoffnung. Unbedingt lesen und in die Welt hinaustragen. 

Montag, 8. März 2021

Lesemonat Februar

Hallo Februar! Hallo Lesemonat!
Im vergangenen Monat habe ich insgesamt fünf Bücher gelesen mit 1887 Seiten. Jede Menge Highlights waren dabei, neue und alte aber alles der Reihe nach. 

Anna Hope- Was wir sind. Ein Buch, von dem ich schon einiges Gutes gehört habe - und dem kann ich nach der Lektüre nicht widersprechen. Eine langjährige Frauenfreundschaft ganz unterschiedlicher Charaktere, die sich mit ihren eigenen Leben und Problemen auseinander setzen müssen. Eine vielschichtige Geschichte über Identitätsfindung, die an keiner Stelle Klischees bedient oder platt daherkommt. Eine eindringliche Leseempfehlung. 

Ben Gutterson - Winterhaus. Ein großartiger Auftakt einer Kinderbuchtrilogie, in der die Heldin nach einer mysteriösen Einladung ihre Ferien im Hotel Winterhaus verbringt, das sich als großes Abenteuer herausstellt, in der viele Rätsel zu lösen sind und einige unheimliche Gäste auftauchen. Jede Ecke von Winterhaus scheint etwas Geheimnisvolles und Mystisches auszustrahlen, das mich sofort gefangen genommen hat. Ich freue mich unglaublich auf die beiden Nachfolger. 

Benedict Wells- Vom Ende der Einsamkeit. Das Wiederlesen von "Vom Ende der Einsamkeit" war schon nach wenigen Momenten wie nach Hause kommen. Die ganzen Emotionen, die diese großartige Geschichte bereit hält, strömten auf mich ein und ich war genauso verliebt, wenn nicht noch sogar ein bisschen mehr, wie als ich das Buch vor ein paar Jahren gelesen hatte. Wer es noch nicht gelesen hat, sollte das so schnell wie möglich nachholen.

Barry Jonsberg - Pandora Stone (Morgen kommt vielleicht nie mehr) Das Finale der Pandora Trilogie war da. Nachdem die Buchreihe im ersten Teil relativ schnell Fahrt aufnahm und  man durch den zweiten Teil mehr flog, als das man ihn gelesen hat, war ich sehr gespannt, wie die Reihe endete. Und natürlich war es spannend, die Handlung ließ sich leicht verfolgen aber irgendwie hätte ich doch ein bisschen mehr erwartet. Vielleicht haben die anderen Bücher die Erwartungen zu hoch geschraubt aber zusammenfassend hat die Trilogie sehr viel Spaß gemacht und war sehr unterhaltsam. 

Sarah Crossan - Wer ist Edward Moon?. Der Ende des Monats hatte dann noch einmal ein richtiges Highlight parat, mit dem ich so überhaupt nicht gerechnet hatte. Ganz spontan hatte ich mir das Buch gekauft und wurde so neugierig, dass ich es direkt angefangen habe. Und das habe ich nicht bereut. Obwohl Sarah Crossans Roman sehr kurzweilig war, hatte es sich doch mit bloß wenigen Worten in mein Herz geschlichen und es auch ein bisschen gebrochen. Die Geschichte um einen Jungen, der alleine nach Texas fährt, um seinen Bruder regelmäßig in der Todeszelle zu besuchen, ist erschütternd, macht wütend, unfassbar traurig und man wird sie nicht mehr so schnell vergessen. 

 

Mittwoch, 17. Februar 2021

Monica Hesse - Sie mussten nach links gehen



Verlag: cbj
Seiten: 448
Erschienen: 12. Oktober 2020
Preis: 18 Euro (Ebook: 12.99 Euro)





Das KZ Groß-Rosenau ist befreit und die achtzehnjährige Zofia Lederman findet sich plötzlich in der Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs wieder. Vollkommen traumatisiert von ihren schrecklichen Erlebnissen wird sie zunächst in einem Krankenhaus körperlich so weit wie möglich wieder hergestellt, bevor sie in ihr Heimatland Polen zurückkehrt.
Doch Zofia bleibt dort nicht lange, denn als ihre komplette Familie von den Nazis gefangen genommen wurde, wurden alle Mitglieder von ihrer Familie nach links geschickt, nach Auschwitz in die Gaskammern und in den Tod, außer ihr kleiner Bruder und sie selbst. Und Zofia hat ihren Bruder bei ihrer Trennung ein Versprechen gegeben: dass sie ihn finden würde, egal wo er ist und von jetzt an hat Zofia nur noch das Ziel dieses Versprechen einzulösen. 

Nachdem mich Monica Hesses Debütroman "Das Mädchen im blauen Mantel" vor einiger Zeit umgehauen und unglaublich berührt hat, war ich natürlich sehr gespannt auf ihr zweites Buch "Sie mussten nach links gehen". 
Wieder einmal gelingt es ihr eine vielschichtige, eindringliche und interessante Geschichte zu erzählen. Wieder einmal sind ihre Protagonist*innen und Held*innen junge Menschen, die sich entweder mitten oder in diesem Fall unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg befinden und sich mit ihren persönlichen Schicksalen und Situationen auseinander setzen und zurecht finden müssen. Primär richtet sich Monica Hesse auch mit dieser Geschichte an Jugendliche, an die Generation, die die Schrecken und abscheulichen Verbrechen des zweiten Weltkriegs im besten Fall noch in weit entfernten Geschichten von ihren Großeltern oder sogar Urgroßeltern erzählt bekommen haben und im schlechtesten Fall ein angestaubtes Kapitel darüber in ihrem Schulgeschichtsbuch finden. Sie richtet sich an die Generation, die immer wieder an diese gleichsam traurige als auch bedeutende geschichtliche Epoche erinnert werden sollte, so dass kein Vergessen eintritt und man alte Fehler nicht wiederholt. Und auch wenn sich "Sie mussten nach links gehen" zuerst an junge Menschen richtet, erzählt das Buch auch Leser*innen anderer Altersgruppen eine intensive und eindringliche Geschichte mit einigen Elementen, an die zumindest ich selbst beim Nachdenken über die Zeit des zweiten Weltkriegs nicht gedacht habe. Das liegt vor allem an dem bestimmten Zeitabschnitt, in dem Monica Hesses zweiter Roman spielt: das unmittelbare Eintreten der Nachkriegszeit. Damit assoziiert man zunächst feiernde Soldaten in den Straßen, Orte, die zwar in Trümmern liegen, aber an denen zumindest in kleinen Dosierungen die Hoffnung zurückgekehrt ist. Eine Welt, die unter den Lasten des Kriegs beinahe zusammengebrochen ist und zumindest für den Moment wieder aufatmen kann. Zahlreiche Leben, die mit den Befreiungen der Konzentrationslagern gerettet wurden. Womit diese Zeit allerdings meistens nicht verbunden wird, sind der weiterhin bestehende Antisemitismus, mit denen die zurückgekehrten Opfer der Konzentrationslager unmittelbar bei und nach ihrer Rückkehr konfrontiert werden, unzählige Menschen, die zwar befreit wurden aber ihr gesamtes Leben und ihre Familien verloren haben und nicht wissen, wo sie hin sollen. Auffanglager entstehen für diese Menschen und für diejenigen, die suchen: Verwandte, Bekannte, Freunde, jeden Menschen, mit dem man etwas verbindet und der vielleicht überlebt haben könnte. Und damit wären wir in der Handlung und bei der Protagonistin Zofia und ihrer verzweifelten Suche nach ihrem kleinen Bruder, die sie von Polen zurück nach Deutschland führt, wo sie zu den bereits erwähnten Auffanglagern reist, um ihren Bruder ausfindig zu machen. Monica Hesse hat einige interessante und vielschichtige Charaktere geschaffen, die oft undurchsichtig bleiben und versuchen ihre persönlichen Schicksale mit sich selbst auszumachen. Gerade bei ihrer Hauptfigur gelingt es der Autorin ihre furchtbaren Erlebnisse auf besonders eindringliche Art und Weise zu erzählen, was gerade zum Ende hin dazu führt, das den Leser*innen auch mal die Luft wegbleiben kann. Die Geschichte erzählt von Freundschaft, Hoffnung, das aneinander Festhalten und den Versuch aus einem Trümmerhaufen, in den sich das eigene Leben verwandelt hat, auszubrechen und einen völlig anderen aber neuen Weg einzuschlagen. Dass der sprichwörtliche Funke bei mir persönlich nicht überspringen wollte, ist sicherlich eine rein individuelle Empfindung. Durch den großartigen Debütroman hatte ich möglicherweise zu hohe Erwartungen, die ein zweiter Roman nicht erfüllen konnte. 
Dennoch wurde mir in "Sie mussten nach links gehen" eine neue Perspektive der unmittelbaren Nachkriegszeit gezeigt und mir somit ein völlig neues Gesichtsfeld eröffnet. Aus diesem Grund sollten die Romane von Monica Hesse möglichst viele Menschen lesen, um sich zu erinnern und sich neue Sichtweisen aufzeigen zu lassen. 

Montag, 15. Februar 2021

Amelie Fried - Die Spur des Schweigens




Verlag: Heyne
Seiten: 496
Erschienen: 31. August 2020)
Preis: 22 Euro (Ebook: 12.99 Euro)








Immer am Puls der Zeit. 
Da zu sein, wo etwas Spannendes, Spektakuläres und Informatives geschieht. 
Einen Job, der den Körper und den Geist ausfüllt. 
Genau so hatte sich Julia ihre Journalistenkarriere vorgestellt. Die Realität hat bei diesen wunderbaren Vorstellungen allerdings nicht mitgespielt. Julia ist bei einer Art Gesundheitsmagazin gelandet und schreibt hauptsächlich über zweifelhafte Wunderdiätprodukte oder Hautcremes, die die Haut angeblich um Jahre verjüngen sollen. Auch ihr Privatleben kann man alles andere als erfüllt bezeichnen. Ihre Beziehungen bleiben kurzweilige Abenteuer und seit ihr jüngerer Bruder Robert auf mysteriöse Weise verschwand, ist auch ihre Familie an dem Verlust zerbrochen. 
Aus einem Zufall heraus erhält Julia plötzlich Kenntnis über gehäufte Fälle von sexuellen Übergriffen und Missbrauch an einem renommierten Forschungsinstitut. Immer mehr Betroffene berichten darüber, wie sie von Mitarbeitern des Instituts belästigt wurden. Julia beginnt ihre Recherche und taucht immer weiter in ein Meer aus Korruption und Vertuschung, bis sie das Institut sogar mit dem Verschwinden ihres Bruders in Verbindung bringen kann...

"Die Spur des Schweigens" von Amelie Fried ist ein Roman, der es gut gemeint hat. Eine Protagonistin, die ihr Leben nicht wirklich im Griff zu haben scheint, bekommt die Chance auf die Story ihres Lebens und gibt fortan ihr ganzes Herzblut in die Geschichte, um Verbrechen und Ungerechtigkeiten aufzudecken und das Böse dingfest zu machen. Ein Roman, der wie aus der aktuellen 'me too' Bewegung gefallen zu sein scheint. 
Und obwohl "Die Spur des Schweigens" durchaus eine spannende Geschichte geworden ist, konnte ich es einfach nicht fühlen. Der Funke wollte nicht überspringen. Das lag vor allem an der Protagonistin. Auch in diesem Fall verstehe ich die Intention der Autorin ihre Hauptfigur glaubwürdig gestalten zu wollen. Eine erfolgreiche Top-Journalistin, die noch dazu ein vollkommen glückliches Privatleben hat, hätte auch nicht wirklich zu der Geschichte gepasst. Trotzdem wirkte das Ganze am Ende nicht schlüssig. Einige von Julias Charaktereigenschaften haben mich mehr als einmal den Kopf schütteln lassen, so dass die durchaus gut gemeinte Intention hinter der Hauptfigur fast schon etwas überkonstruiert und somit auch nicht mehr glaubwürdig wirkte. Vor allem in den Situationen, in denen die Protagonistin direkten Kontakt mit den Opfern der Sexualdelikte im Forschungsinstitut hatte, wirkten befremdlich. Es ist kein Problem in solchen Situationen überfordert zu sein, doch in vielen Momenten wirkte die Hauptfigur derart empathielos, dass man den Drang hatte die Arme über den Kopf zusammenzuschlagen. Aber das sind sicherlich individuelle Leseeindrücke und wie bereits erwähnt besitzt Amelie Frieds Roman sehr viel Spannung und eine durchaus gut erzählte Geschichte, die allerdings gerade in den Abschnitten, die mit dem verschwundenen Bruder der Hauptfigur zusammenhängen etwas an Glaubwürdigkeit verliert und auch nicht mit dem eigentlich interessanten Grundthema der Geschichte harmonieren will. Auch wenn ich diesem Fall ebenfalls die Intention hinter diesem Element der Geschichte nachvollziehen kann. Schließlich bekommt der Roman zumindest, wenn man sich vorher mit dem Inhalt beschäftigt, ein mysteriöses Handlungselement und man möchte unbedingt herausfinden, wie die Geschichte des Bruders mit dem primären Handlungsstrang zusammenhängt. Im Endeffekt hätte man es besser weglassen sollen, weil das Grundthema alleine bereits genug Spannung, Brisanz und Aktualität besitzt.
Zusammenfassend kann ich individuell behaupten, dass ich verstanden habe, wie die Geschichte gemeint war, mir die Umsetzung in Teilen leider nicht so gut gefallen hat. Trotzdem bleibt "Die Spur des Schweigens" ein spannender und aktueller Roman, den man durchaus lesen kann.