Samstag, 4. April 2020

Christina Henry - Finsternis im Wunderland (Die Chroniken von Alice)




Verlag: Penhaligon
Seiten: 352
Erschienen: 16. März 2020
Preis: 18 Euro (Ebook: 12.99 Euro)









Bereits seit zehn Jahren ist Alice in ihrem kleinen Zimmer in den düstern Hospital gefangen. Alles, was ihr geblieben ist, sind bruckstückhafte Erinnerungen an ihre Vergangenheit und den Grund, warum sie schlussendlich in dieser Anstalt gelandet ist. Sie weiß, dass in ihren unvollständigen Erinnerungen ein Mann mit Kaninchenohren eine große Rolle spielt, denn dieser Mann verfolgt Alice bis in ihre Albträume. Wer ist Alice und warum ist sie an diesem grausamen Ort gelandet?
Als ein Feuer im Hospital ausbricht, sieht Alice endlich die Chance für ihre Flucht gekommen. Zusammen mit ihrem Zimmernachbarn Hatcher, ein geisteskranker Axtmörder, der in den letzten Jahren zu einem Freund geworden ist, macht sie sich auf dem Weg ins Unbekannte. Doch außer Alice und Hatcher ist auch etwas Anderes aus dem Hospital entkommen, etwas Dunkles und zutiefst Bedrohliches, das in den Tiefen der Anstalt eingesperrt war und sich nun auf die Jagd nach Blut macht. Alice erkennt, dass ihr Schicksal untrennbar mit diesem Ungeheuer zusammenhängt und erst, wenn sie dieses besiegt, wird sie endlich erfahren, was mit ihr passiert ist und was das weiße Kaninchen getan hat...

Schon lange, bevor der erste Teil der Chroniken von Alice "Finsternis im Wunderland" von Christina Henry erschien, stand das Buch auf meiner Wunschliste. Klassiker Adaptionen übten schon immer eine Faszination auf mich aus und diese düstere und unheimliche Neuinszenierung von Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" schien damit genau das Richtige für mich zu sein. Nach der letzten gelesenen Seite, ließ mich die Geschichte schlussendlich mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Ich hatte anfangs etwas Probleme in die Geschichte hineinzufinden, da die Leserin und der Leser wie Alice selbst im Original durch ein Kaninchenloch mitten ins Wunderland, oder im vorliegenden Fall mitten in die Handlung hineinfallen. Es fiel zunächst schwer sich in dem düstern Hospital zurechtzufinden, weil die Alice, die man in "Finsternis im Wunderland" begegnet sich doch im erheblichen Maße von der Alice aus dem Original unterscheidet. 
Doch, wenn man sich mit dem düsteren Setting arrangiert hat, wird Christina Henrys Adaption unglaublich interessant. Ganz besonders gefallen haben mir die Interpretationen, seitens der Autorin, der verschiedenen Figuren aus Carrolls Klassiker. Mit diesen finsteren charakterlichen Neuinterpretationen breitet sich eine vielschichtige, spannende und detailreiche Handlung vor dem Leser aus. Henry reißt den Handlungsstrang, passend zu der düsteren Stimmung ihrer Adaption, aus dem klassischen Wunderland hinaus und verfrachtet ihn in die sogenannte 'Alte Stadt', ein zwielichtiger, gefährlicher und dunkler Ort, in dem man Gefahr läuft an jeder Ecke aufgemischt zu werden. Während der Lektüre habe ich mich mehr als einmal gefragt, wohin die Geschichte führt. Trotzdem hat mich dieser Eindruck nie negativ gestimmt, sondern ich war umso neugieriger auf das Ende des Buches. 
Auch Alice 'Gefährte', der Axtmörder Hatcher, verkörperte einen unglaublich interessanten und vielseitigen Charakter in der Geschichte. Ich hoffe, dass man im Folgeband noch ein bisschen mehr über ihn und vor allem über seine Vergangenheit erfahren wird. 
Christina Henrys Neuinterpretation von Carrolls Klassiker ist also zusammenfassend eine gelungene düstere Reise geworden, wobei ich an dieser Stelle noch einmal das Düstere besonders hervorheben möchte, denn meiner Ansicht nach, braucht der erste Teil der Alice-Chroniken eine Triggerwarnung zu Beginn der Geschichte, da man es im Verlauf des Romans mit unglaublich und erschreckend vielen Arten von Gewalt zu tun bekommt, die man, gerade, weil es sich im Original um ein Kinderbuch handelt, in dieser Form nicht erwarten würde. 
Bleibt mir nur noch mich auf die Fortsetzung der Alice-Chroniken zu freuen. 

Donnerstag, 12. März 2020

Patrick Hertweck - Tara und Tahnee (Verloren im Tal des Goldes)




Verlag: Thienemann-Esslinger
Seiten: 304
Erschienen: 14. Februar 2020
Preis: 15 Euro (Ebook: 12.99 Euro)








Stell dir vor, du bist alleine zu Hause, wartest auf deinen Vater, der schon vor Ewigkeiten zurück sein wollte und einfach nicht kommen will. Plötzlich hörst du ein unheimliches Geräusch und ein Mann erscheint auf deiner Türschwelle. Doch dieser Mann ist nicht dein Vater...
Genau das passiert Tahnee, ein eigentlich sehr mutiges und unerschrockenes Mädchen, das mit ihrem Vater in einer Hütte fernab der Zivilisation lebt. Der unbekannte und mysteriöse Mann stellt sich relativ schnell als Kopfgeldjäger heraus, der auf der Suche nach Tahnees Vater ist. Doch die kann nicht glauben, dass ihr Vater ein böser Mensch sein soll und flieht Hals über Kopf vor dem Kopfgeldjäger und lässt ihr Zuhause zurück.
Tahnee macht sich auf dem Weg ins weit entfernte San Francisco, um dort Antworten auf ihre vielen Fragen zu finden und findet dort mehr, als sie geahnt hat...

Vor wenigen Jahren hat mich Patrick Hertweck mit seinem Debüt "Maggie und die Stadt der Diebe" von der ersten Seite an verzaubert. Ich habe mir gewünscht, dass es seine abenteuerliche Erzählung über ein mutiges Mädchen, das sich einer Diebesbande anschließt, schon viel früher gegeben hätte, als ich noch jünger war, denn Maggie hätte sich wohl ohne zu zögern in meine Reihe der Kinderbuchheldinnen eingefügt, doch glücklicherweise gibt es Bücher, die man in jedem Alter, immer und überall lesen kann, weil sie dich glücklich machen, weil sie dich weit weg führen aus deinem Alltag und mit dir großartige Abenteuer erleben. Und genau zu diesen Büchern gehört jetzt nicht mehr nur Maggie, sondern auch Patrick Hertwecks zweiter Roman "Tara und Tahnee". 
Dieses Mal werden wir weit weg in die Vergangenheit mitgenommen, in die Zeit der Goldgräber, Cowboys, Schurken und Kopfgeldjäger, als es noch keine Autos auf den Straßen gab, sondern nur Pferde und Kutschen und in der wir ein mutiges Mädchen, namens Tahnee, kennen lernen, die sich auf die gefährliche und abenteuerreiche Reise nach San Francisco macht, um ihren Vater zu retten. Und in der wir Tara begegnen, zunächst nur in Tagebucheinträgen aber dann auch später im 'richtigen' Leben, die uns zeigt, dass sie mindestens genauso viele Fragen an ihre Vergangenheit an, wie Tahnee. 
Patrick Hertweck ist hier wieder einmal etwas ganz Besonderes gelungen. Er erschafft einen spannenden und wunderbaren Abenteuerroman, er spickt ihn mit Selbstfindung, einer großen Portion Freundschaft und jeder Menge unglaublich vielschichtigen und liebevollen Figuren. Natürlich dürfen auch die typischen Bösewichte nicht fehlen, die aber ebenfalls großartig herausgearbeitet sind, dass man das Gefühl hat, man würde ihnen über die Schulter sehen, wenn sie ihre bösen und gemeinen Spielchen treiben. 
Auch die Art und Weise, wie Patrick Hertweck die Geschichte seiner zwei neuen Heldinnen erzählt hat, möchte ich besonders hervorheben. Indem wir Tahnee in der Handlung und Tara zunächst nur in Tagebucheinträgen kennen lernen, verwebt der Autor geschickt nach und nach beide Erzählstränge, so dass sich am Ende beide treffen können und die Geschichte zu einem großartig konstruierten und erzähltem Ende kommt. 
Und um meine Lobeshymne abzuschließen, möchte ich betonen, wie wunderbar ich es finde mit welchen Eigenschaften Patrick Hertweck seine Heldinnen ausstattet. Wir brauchen viel mehr Mädchen und wir brauchen Mädchen wie Maggie, Tara und Tahnee in der Kinderbuchliteratur. 
"Tara und Tahnee" ist ein besonderes, ein spannendes und wunderbar geschriebenes Buch geworden. Die Geschichte reißt nicht nur komplett mit, sondern wird auch jede Leserin und jeden Leser aus dem Alltag katapultieren, um an einen anderen Ort aufzuwachen und jede Menge Abenteuer mit besonderen Figuren zu erleben und Freundschaften zu schließen. 
Unbedingt lesen! 

Sonntag, 1. März 2020

Lesemonat Februar

Herzlich Willkommen zum Lesemonat Februar.
Im vergangenen Monat war ich sehr fleißig und habe insgesamt neun Bücher beenden können. Zusammen waren das 2987 Seiten. Und bei dieser Anzahl, hatte ich dann noch das Glück gleich drei Monatshighlights abstauben zu können, die kommen aber, wie immer, zum Ende des Monats.
Dann wären die Fakten geklärt, es kann los gehen. 

Begonnen hat der Februar mit dem ersten Teil der "Little Women" Geschichte von Louisa May Alcott. Natürlich hatte die gleichnamige Ende Januar erschienene Filmadaption von Greta Gerwig großen Anteil daran, dass ich auch endlich einmal das Buch lesen wollte und am Ende wurde meine Einschätzung dann eine seltene Rarität, der Film hat mir tatsächlich besser gefallen als die Buchvorlage. Diese war sicherlich auch nicht schlecht, aber die filmische Umsetzung hatte dann am Ende ein bisschen mehr Charme und hinterließ einen prägnanteren Eindruck als die literarische Vorlage. Trotzdem ist beides sicherlich wert es sich anzusehen.

Weiter ging es im Lesemonat mit der Hexer-Reihe, besser gesagt mit dem ersten Teil der Vorgeschichte "Der letzte Wunsch" und der Fortsetzung "Das Schwert der Vorsehung". Der Autor Andrzej Sapkowski führt hier in Kurzgeschichten die Hexer Figur Geralt von Riva ein und erzählt von seiner Arbeit, die hauptsächlich daraus besteht Städte oder bestimmte Personen von Ungeheuern zu befreien. Auch die Nebenfiguren, die in der eigentlichen Hexer-Reihe eine bedeutende Rolle spielen werden hier eingeführt. Insgesamt boten beide Bücher einen guten Einblick in die Hexer-Welt, wobei mir der erste Teil besser gefallen als der zweite, der sich vor allem am Ende doch etwas gezogen hat. Ich freue mich sehr auch den Rest der Reihe zu lesen. 

Das nächste Buch aus dem Februar kam von Christoph Poschenrieder. Seinen neuestes Werk "Der unsichtbare Roman" hatte ich schon länger auf dem Wunschzettel stehen. Die Geschichte spielt kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges, als ein halbwegs erfolgreicher Schriftsteller aus Berlin den Auftrag erhält einen Roman zu schreiben, der die Kriegsschuld jeden anderen aber möglichst nicht den Deutschen zuschieben soll. Dei Auftraggeber sind der Überzeugung, dass die Kraft der Literatur überzeugender ist, als alle Politiker, die Deutschland noch zur Verfügung stellen kann. Das mag irgendwie ziemlich charmant anmuten, doch nachdem der Schriftsteller den Auftrag annimmt, überkommt ihn leider eine Schreibblockade, die so lange anhält, bis der Abgabetermin des Manuskripts in unmittelbare Nähe rückt. Poschenrieder hat eine interessante Idee zu seinem Roman gefunden und auch während des Lesens wurde ich gut unterhalten. Trotzdem fehlt der Geschichte leider eine gewisse Originalität, damit sie auch länger im Gedächtnis bleibt. Zu "Der unsichtbare Roman" wird noch eine Rezension von mir kommen. 

Weiter ging es im Lesemonat mit einem Spontankauf und spontanem Sofort Lesen von "Die Reisenden", geschrieben von Regina Porter. Die Geschichte, die ich zufällig bei einer lieben Bloggerkollegin entdeckt hatte, klang einfach viel zu interessant und ich wurde nicht enttäuscht. Am meisten fasziniert hat mich die Erzählstruktur in diesem Roman, den man, wenn man es genau nimmt, eigentlich nicht so nennen dürfte, denn "Die Reisenden" ist viel mehr eine Ansammlung von Essays, in der die Geschichten zweier Familien erzählt und immer mehr zusammengefügt werden. Auf der einen Seite ist Porters Erzählweise unglaublich interessant, weitab vom 'normalen' Stil und somit auch ein bisschen einzigartig, auf der anderen Seite weist die Geschichte der Autorin eine Vielzahl von Figuren auf und der Erzählstil trägt nicht unbedingt dazu bei, dass man von diesen vielen Charakteren weniger überfordert wird. Trotz allem war "Die Reisenden" ein unglaublich unterhaltsames und sehr interessantes Buch. 

"Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt" von Nicholas Gannon lag schon viel zu lange auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Es wurde also höchste Zeit das Kinderbuch davon zu befreien und das habe ich nicht bereut. Die Geschichte von Arthur, der sich aufmachen will, um seine verschollenen Abenteurer Großeltern zu finden, war tatsächlich etwas anders, als ich im Vorfeld erwartet habe, aber sie war nicht minder liebenswerter. Es geht um Aufbruch, Freundschaft und dass es manchmal gar nicht so schlimm ist anders zu sein. Die Geschichte von Nicholas Gannon gehört definitiv zu den Büchern, bei der man sich am Ende immer ein bisschen besser fühlt. 

Weiter ging es im Februar mit dem ersten Monatshighlight, obwohl ich bis heute immer noch nicht so richtig weiß, ob ich es wirklich als Highlight bezeichnen möchte. Es ist wohl ein Highlight, wenn man ein Buch fast in einem Stück durchliest und man es einfach nicht mehr weglegen kann. Aber genauso ist es Fakt, dass mich "Scham" von Ines Bayard von Anfang bis zum Ende erschüttert hat, manchmal war ich auch richtig verstört, als die Autorin ihre Protagonistin die Tragödie einer Vergewaltigung erfahren lässt, in der sie danach den Zeitpunkt verpasst sich ihrer unmittelbaren Umgebung anzuvertrauen und dann in einem Strudel aus Lügen, Geheimnissen, Verzweiflung, Selbsthass und Hilferufen gerät, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Bis zu dem Zeitpunkt, in dem das Unvorstellbare geschieht und die Protagonistin selbst zur Täterin wird. "Scham" ist unfassbar ehrlich und genau deswegen so verstörend, gewiss kein Roman für jeden, aber, wenn man sich darauf einlässt, dann mit allem, was man hat. 

Das nächste Monatshighlight war der Debütroman der Autorin Katya Apekina. Ihr Buch "Je tiefer das Wasser" erzählt die Geschichte von zwei Schwestern. Edith und Mae kommen nach dem zweiten Selbstmordversuch ihrer Mutter bei ihrem Vater in New York an, der dort eine erfolgreiche Schriftstellerkarriere vorzuweisen hat. Während der Umzug für Mae eine Art Befreiungsritual von ihrer psychisch kranken Mutter auslöst, gibt Edith ihrem Vater die Schuld an die Lage ihrer Mutter. Das führt zum Zerwürfnis der beiden Schwestern und die beiden gehen getrennte Wege. Von Apekinas Debüt geht eine unglaubliche Sogwirkung aus von der ersten Seite an. Ich bin ganz in dem Roman versunken und es fiel mir unglaublich schwer wieder aufzutauchen. Außerdem bin ich der Meinung, dass sich die Geschichte der beiden Schwestern mit nichts vergleichen lässt, was sie unglaublich einzigartig macht. Zu "Je tiefer das Wasser" gibt es auch eine Rezension von mir zu lesen. 

Und zu guter Letzt kommt ein Buch, oder viel mehr eine Graphic Novel, für die ich unglaublich dankbar bin. Meiner Meinung nach, müsste es für "Der Ursprung der Welt" von Liv Strömquist Feiertage und Paraden geben. "Der Ursprung der Welt" geht weit über den Feminismus hinaus, es feiert eine Revolution, eine Revolution des weiblichen Geschlechtsorgans. Es räumt mit Vorurteilen und Falschinformationen auf, es wirft einen Blick in die Geschichte und Biologie und es ist so unglaublich lehrreich und wichtig, dass man es am liebsten nehmen und in die Welt hinaustragen möchte. Liv Strömquist hat sehr viel richtig gemacht mit diesem großartigen Buch und es sollte viel bekannter sein oder eben gemacht werden. 

Und das war es 'schon' wieder mit meinem Lesemonat Februar. Insgesamt war es wieder sehr erfolgreich. Ich freue mich schon auf die Bücher im nächsten Monat. 


Donnerstag, 27. Februar 2020

Katya Apekina - Je tiefer das Wasser






Verlag: Suhrkamp
Seiten: 401
Erschienen: 17. Februar 2020
Preis: 24 Euro (Ebook: 20.99 Euro)






Mae und Edith sind Schwestern und wuchsen bei ihrer Mutter in New Orleans auf. Nach dem zweiten Selbstmordversuch ihrer Mutter und deren Einweisung in eine Klinik, treffen die beiden Schwester in einer Hals über Kopf Aktion in New York ein. Hier sollen sie bei ihrem fast unbekannten Vater wohnen, der die Familie vor Jahren verlassen hat und der überdies in New York eine mehr als erfolgreiche Schriftstellerkarriere vorzuweisen hat. 
Während der Umzug in die große unbekannte Stadt bei Mae eine Art Befreiungsritual von ihrer Mutter auslöst, verschließt sich Edith immer mehr und steigert sich in ihre Enttäuschung gegenüber des Verhalten ihres Vaters hinein und gibt ihm die Schuld daran, dass ihre Mutter psychisch immer mehr abgebaut hat. Durch diese völlig gegensätzlichen Ansichten, kommt es zum Zerwürfnis der beiden Schwestern und Edith verlässt überstürzt die Stadt, um zu ihrer Mutter zurückzukehren...

Das Schönste beim Lesen sind diese Momente, wenn du die ersten Seiten eines neuen Buches liest und sofort bemerkst, dass du hier einen echten Schatz in den Händen hältst. Mit "Je tiefer das Wasser" ist der Autorin Katya Apekina ein süchtig machendes und großartiges Debüt gelungen. Die Geschichte zweier Schwestern mit gequälten Künstlerseelen als Elternfiguren, entwickelt bereits nach nur wenigen Seiten eine unglaubliche Sogwirkung. Die Leserinnen und Leser fallen zwischen die Seiten dieses Buches und es fällt unglaublich schwer daraus wieder aufzutauchen. Dabei entstehen im Handlungsstrang zu "Je tiefer das Wasser" eigentlich keine spektakulären Wendungen, die die Geschichte komplett umwerfen und alles auf den Kopf stellen, eigentlich bin ich sogar der Ansicht, dass die Autorin die Geschichte relativ leise erzählt, eine spektakuläre Erzählweise hat das Buch aber auch nicht nötig, denn nicht nur die Handlung entwickelt eine unglaublich intensive Sogwirkung, sondern auch die Figuren in ihr. Dabei sind es noch nicht einmal die beiden Schwestern, die hier so intensiv gezeichnet wurden, sondern eher die beiden Elternfiguren, die sowohl durch ihre An- und Abwesenheit im Leben ihrer beiden Töchter einen hauptsächlich negativ besetzten und prägenden Abschnitt einnehmen. 
Dennis, der erfolgreiche Schriftsteller und zunächst abwesende Vaterfigur, scheint mit der plötzlichen Erzieherrolle von Anfang an überfordert zu sein. Mehr als 'Spaßvater' aktiv, entwickelt er allerdings schnell zerstörerische Tendenzen, die mit seinen schriftstellerischen Arbeiten in Zusammenhang stehen, die er aber nicht auf sich selbst, sondern auf seine Mitmenschen in der unmittelbaren Umgebung projiziert.
Und Marianne, die durch ihre Krankheit gezeichnet, immer wieder ihre Töchter vernachlässigt oder diese durch ihr Verhalten traumatisiert, die zwar ihre Liebe zu ihren Kindern zeigt aber gleichzeitig es nicht schafft sich Hilfe zu suchen, bis es zum Äußersten kommt. 
Obwohl beide Elternfiguren durch ihr Verhalten den Leserinnen und Lesern nicht besonders angetan sein können, kommt man nicht umhin, während man sich in den Seiten verliert, immer wieder bei beiden Elternteilen zwischen Mitgefühl, Abscheu und vielleicht sogar ein bisschen Sympathie hin und her zu springen, teilweise, weil beide Charaktere zumindest im Ansatz mindestens einmal einen sympathischen Charakterzug offenbaren und vor allem, weil man es Mae und Edith vom Herzen wünscht endlich ein normales Leben führen zu dürfen und dass sie glücklich werden können auf ihre eigene ganz indivduelle Weise.

Ein süchtig machende Handlung, Figuren, so intensiv gezeichnet, dass sie manchmal richtig weh tun, das alles macht "Je tiefer das Wasser" zu einem großartigen Buch und einem unglaublichen Leseerlebnis. Eine Geschichte über eine Künstlerfamilie, die sich nicht wirklich mit etwas anderem vergleichen lässt und die deswegen so einzigartig ist. 

Sonntag, 2. Februar 2020

Lesemonat Januar


Endlich wieder Lesemonat. Im Januar habe ich insgesamt sieben Bücher gelesen (nicht im Bild: "Weißer Tod" von Robert Galbraith). Zusammen bedeutete das 3425 Seiten. Und direkt waren auch zwei Highlights dabei, die kommen aber, wie immer, zum Schluss. Dann sind die Fakten geklärt, es kann losgehen. 

Gestartet wurde das Jahr mit "Wo man im Meer nicht mehr stehen kann" von Fabio Genovesi. Ein teilweise autobiografischer herzerwärmender Familienroman, der in Italien spielt und das Leben vom zwölfjährigen Fabio erzählt, der mit seiner riesengroßen Familie in einem italienischen Dorf lebt. Eine Geschichte, die wenn es warm ist, genau die richtige Stimmung liefert und wenn es draußen kalt ist, den Sonnenschein ins Haus holt. Zu "Wo man im Meer nicht mehr stehen kann" wird es noch eine Rezension von mir geben.

Weiter ging es im Januar mit dem letzten Fall für Strike und Robin. Ich gebe zu, ich habe die Reihe um den eigenwilligen Privatdetektiv genau falsch herum angefangen aber der Inhalt von "Weißer Tod" von Robert Galbraith, das Pseudonym JK Rowlings, klang einfach total interessant, so dass ich in der Bibliothek zugreifen musste- und ich wurde nicht enttäuscht. Der vierte und letzte Teil der Reihe ist ein hoch komplexer, facettenreicher und spannender Krimi geworden voller Wendungen. Es hat einfach sehr viel Spaß gemacht Strike und Robin bei ihrer Suche nach der Wahrheit zu begleiten und jetzt werde ich auch den Rest der Reihe lesen. 

Das nächste Buch im aktuellen Lesemonat war der Anfang einer großen Reise. Auch "Das Erbe der Elfen" von Andrzej Sapkowski war am Ende doch nicht das richtige Buch, um die Hexer-Reihe in der geeigneten Reihenfolge zu beginnen. Jetzt lese ich allerdings richtig. Nichtsdestotrotz war "Das Erbe der Elfen" ein wunderbarer Vorgeschmack auf die Hexer-Welt, die genauso mystisch wie faszinierend ist. Es war schon fast unheimlich, wie sehr ich in die Geschichte versunken bin, und auch das aktuelle Buch, das ich gerade aus der Hexer-Reihe lese, zeigt mir, wie "Das Erbe der Elfen", dass diese Reihe definitiv Lieblingsreihenpotenzial hat. Ich bin gespannt, wie es weiter geht. 

Und da wir nun schon einmal bei einer Buchreihe sind, geht es beim nächsten Buch im Januar direkt weiter mit dem zweiten Band einer weiteren großartigen Buchreihe. Im letzten Jahr hat mich der erste Teil der Vollendet Reihe von Neal Shusterman umgehauen, ich musste zugeben, dass ich vom Inhalt her mit einer so gut konstruierten Dystopie nicht gerechnet hätte, auch wenn die Grundidee, die der geniale Shusterman hier hatte, ebenso genial war. Umso gespannter war ich auf den zweiten Teil "Der Aufstand", der am Ende fast noch einmal einen drauf gelegt hat. Wie beim Auftakt fliegt man mehr durch die Seiten, als alles andere und fiebert in jeder einzelnen Zeile mit. Für mich gehört "Vollendet" jetzt schon zu eine der besten Dystopien, die ich je gelesen habe und ich freue mich auf die beiden letzten Bände. 

Es gibt Bücher, die lassen einen mit einem wohligen Gefühl zurück und man kehrt mit einem Lächeln in seinen Alltag zurück, so eine Geschichte erzählt die Autorin Marieke Lucas Rijnvard in ihrem Roman "Was man sät" nicht. Selten zuvor war ich von einer Geschichte fast schon angewidert und empfand gleichzeitig in jeder Faser die fast schon schmerzliche Schönheit dieses Buches und die poetische und bildhafte Sprache, in der die Autorin Bilder in den Köpfen ihrer Leserinnen und Leser zeichnet. Rijnvard erzählt die Geschichte einer Familie, die mit einem unglaublichen Verlust zu kämpfen hat und langsam daran zerbricht. Und das tut weh, es widert an, es ist schmerzhaft aber es ist so besonders, dass man "Was man sät" nicht mehr vergessen wird, wenn man die letzte Seite gelesen hat. 

Weiter geht es mit meinem ersten Monatshighlight. Als ich "A good girl's guide to murder" von Holly Jackson angefangen habe zu lesen, muss ich zugeben, dass ich nicht gedacht habe, dass der Jugendkrimi am Ende ein Monatshighlight wird. Doch relativ schnell belehrte mich die Autorin und ihre unglaublich sympathische Heldin Pippa eines Besseren. Die zweite Hälfte des Buches habe ich an einem Stück gelesen, weil es unmöglich war die Geschichte wegzulegen, man muss wissen, wie sie ausgeht. Holly Jackson erzählt hier einen hervorragend konstruierten Krimi voller nicht vorauszuahnenden Wendungen, der sich noch dazu den Charme des klassischen englischen Krimi bewahrt hat. Agatha Christie hätte anerkennend applaudiert und das Beste ist, "A good girl's guide to murder" ist der Anfang einer Reihe um die Nachwuchsdetektivin Pippa, ich freue mich jetzt schon auf ihr nächstes Abenteuer. 

Und da wäre auch schon das zweite Monatshighlight und gleichzeitig das letzte Buch aus dem Lesemonat Januar. "Three women" von Lisa Taddeo hatte ich schon sehr lange vor Veröffentlichung des Buches auf der Wunschliste stehen. Und das Warten hat sich gelohnt. Die Autorin erzählt die wahre Geschichte dreier Frauen, die über ihr Leben, ihre Liebe, ihre Sehnsüchte und ihre Leidenschaft sprechen. Diese Leben erzählt Lisa Taddeo auf so intensive und intime Weise, dass es manchmal schon zu viel zu werden scheint. Doch trotzdem ist "Three women" ein tolles Buch geworden, das man den Frauen in seinem Leben, die man bewundert und liebt, schenken und der fremden Frau auf der Straße in die Hand drücken möchte. 

Und schon sind wir wieder am Ende. Zusammenfassend würde ich behaupten, dass es ein sehr erfolgreicher Lesemonat war. Ich bin gespannt, was der Februar bringen wird. 

Mittwoch, 8. Januar 2020

Melanie Raabe - Die Wälder

Für Nina bricht eine Welt zusammen, als sie die Nachricht vom Tod ihres besten Freundes Tim erreicht. Dieser, ein junger aufstrebender Fotograf, hatte sein ganzes Leben eigentlich noch vor sich, wie konnte es also zu seinem frühen Tod kommen?
Als Nina beginnt nachzuforschen ist es, als wäre eine Tür zu ihrer Vergangenheit geöffnet worden, denn sie findet heraus, dass Tim in dem Dorf gestorben ist, in denen sie alle zusammen aufgewachsen sind, das Dorf, das sie eigentlich nie wieder sehen wollten. Als dann noch ein mysteriöser Brief von Tim Nina erreicht, weiß sie, dass das grausame und alte Geheimnis ihrer Kindheit wieder hervorbricht und sie eine alte Schuld begleichen muss...

Mit "Die Wälder" legt Melanie Raabe ihren mittlerweile vierten Thriller vor und dieser steht seinen erfolgreichen Vorgängern in nichts nach. Doch obwohl "Die Wälder" in Sachen Spannung den anderen Romanen der Autorin gleicht, ist es doch anders und besonderer geschrieben. Denn Melanie Raabe konstruiert hier nicht nur eine spannende Handlung, die ihre Leserinnen und Leser atemlos durch die Seiten des Romans fliegen lassen, sie erzählt auch die Geschichte einer besonderen Freundschaft, die ihren Anfang in einem kleinen Dorf genommen hat, das abseits der normalen Welt zu liegen scheint. Sie erzählt von einem langen Sommer, unbeschwerten Tagen und einem schrecklichen Ereignis, das diesen Sommer von einem auf den anderen Tag beendet hat und die jugendlichen Beteiligten mit einem grausamen Schwur zwang erwachsen zu werden. 
Bei dieser Thematik ist es fast nicht möglich den Einfluss eines berühmten Schriftstellers, der völlig zu Recht einen 'König' im Nachnamen hat, zu bemerken. Aber das ist überhaupt nicht negativ gemeint, denn Melanie Raabe gelingt es mit ihrem einzigartigen Schreibstil einen eigenen und wirklich gut erzählten Handlungsstrang zu kreieren. Mit viel Charme, Witz und einer gehörigen Portion Spannung wird diese Reise in die Vergangenheit ein wahrer Lesegenuss. 
Doch dann wäre da noch die primäre Handlung, in der die Autorin wieder einmal mit allem glänzt, was sie zu einer so guten Thriller Schriftstellerin macht. Als Leserin oder als Leser hat man auf jeder umgeblätterten Seite ein bisschen Angst weiterzulesen, denn im gesamten Roman erweckt Raabe immer wieder den Eindruck, dass gleich etwas Elementares passiert, das die gesamte Handlung noch einmal umwerfen könnte. Und mehr als einmal geschieht auch genau das. Zudem versteht es die Autorin geschickt die Leserinnen und Leser auf falsche Fährten zu locken. Man ist schon fast überzeugt die Handlung durchschaut zu haben, um kurz darauf eines Besseren belehrt zu werden. Dadurch entsteht eine Spannung, die sich möglicherweise zwar langsam aufbaut, die aber am Ende so undurchdringlich ist, als würde man selbst im Wald stehen, der gerade von einem besonders hartnäckigen Nebel heimgesucht wurde. Und wenn wir dann schon einmal beim Wald sind, kommt dann eine weitere Neuerung in Melanie Raabes neuem Roman hervor. Durch die detailreichen Beschreibungen des Handlungsszenarios, erhält "Die Wälder" neben der Spannung und der Geschichte einer besonderen Freundschaft auch noch eine gehörige Portion Grusel, der einen mindestens einen unbehaglichen Blick nach hinten werfen lässt, wenn man das nächste Mal einen Wald betritt.
Unbedingt lesen! 

Verlag: btb
Erschienen: 27. Dezember 2019
Seiten: 432
Preis: 16 Euro (Ebook: 12.99 Euro)

Montag, 2. Dezember 2019

Stephen Chobsky - Der unsichtbare Freund





Verlag: Heyne
Seiten: 913
Erschienen: 04. November 2019
Preis: 24 Euro (Ebook: 18.99 Euro)







Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Exfreund Jerry, zieht es die alleinerziehende Mutter Kate und ihren siebenjährigen Sohn Christopher in das beschauliche Örtchen Mill Grove in Pennsylvania. Es führt bloß eine Straße hinein und eine Straße hinaus in die Stadt. Umgeben ist der Rest von Mill Grove von einem riesigen Waldstück, dem sogenannten Missionswald. 
Doch kurz nach der Ankunft in Mill Grove passiert das Unfassbare. Christopher verschwindet plötzlich spurlos. Jede Suche nach ihm bleibt vergebens, bis er sechs Tage später genauso plötzlich wieder auftaucht, am Rande des Missionswaldes ohne Erinnerung daran, was ihn in den Tagen seiner Abwesenheit geschehen war oder, wo er sich aufgehalten hatte. Bald schon wird sich mit der Erklärung abgefunden, dass sich Christopher wohl im Wald verirrt habe, doch kurz nach seinem glücklichen Wiederauftauchen beginnt dieser sich seltsam zu verhalten und behauptet, ein unsichtbarer Freund hätte ihm den Auftrag erteilt, ein Baumhaus im Wald zu bauen. Christopher wagt es nicht seiner Mutter die Wahrheit zu sagen und zwar, dass von diesem Baumhaus nicht nur das Überleben der gesamten Einwohnerschaft Mill Groves abhängt, sondern das der ganzen Menschheit...

Bereits nach ein paar Sätzen aus dem Inhalt von "Der unsichtbare Freund" von Stephen Chobsky war mir klar, dass ich dieses Buch haben musste. Chobskys erst zweiter Roman, den er ganze zwanzig Jahre nach seinem Debüt veröffentlicht hat und mit dem er zudem einen krassen Genrewechsel vollzieht, klang wie eine Mischung aus Stephen Kings besten Zeiten und der erfolgreichen Mysteryserie 'Stranger things'. 
Nach der Lektüre muss ich meine Einschätzung über 'Stranger things' zwar zurücknehmen, doch die außergewöhnlichen Ähnlichkeiten mit gerade den früheren Romanen Stephen Kings ist zweifellos gegeben und das ist überhaupt nicht negativ gemeint, denn Chobsky ist mit "Der unsichtbare Freund" das gelungen, was King zur Perfektion beherrscht: eine großartige Geschichte zu erzählen, die es der Leserin und dem Leser unmöglich macht, irgendetwas Anderes in seiner Umgebung wahrzunehmen, als dieses Buch.
Ich bin eine begeisterte Teetrinkerin beim Lesen und kann nicht zählen, wie oft, während der Lektüre zu "Der unsichtbare Freund" der Tee kalt geworden ist, weil es nichts mehr für mich gab, außer diese Geschichte. Außerdem beherrscht Chobsky ebenfalls Kings Talent dicke Schmöker auf den Markt zu werfen, in denen scheinbar kein Wort zu viel zu sein scheint. Obwohl das Buch mit knapp tausend Seiten mehr als umfangreich war, hatte ich nie das Gefühl, dass die Handlung künstlich in die Länge gezogen wurde oder das eine Szene zu viel war, außer natürlich, als die Geschichte sich dem Ende zuneigte und ich unbedingt wissen musste, wie sie ausging. 
Und auch die Figuren in Chobskys Roman hätten ebenso gerade erst aus einem Stephen King Buch gefallen sein können. Nicht nur, dass der Autor seine primäre Handlung ausschließlich mit Kindern besetzte, sondern auch die Nebencharaktere, die diese ganz eigentümlichen Eigenschaften haben, die sie zu etwas ganz Besonderem machen. Obwohl ich an dieser Stelle meine Einschätzung zu 'Stranger things' noch einmal korrigieren muss, denn gerade die Figurenkonstellation und ein Teil der Handlung erinnern dann doch an die Serie, in der ein kleiner Junge unter mysteriösen Umständen verschwand und dann verzweifelt und energisch von seiner Mutter gesucht wurde.
Und dann diese unfassbare Intensität. Es ist lange her, seit ich das letzte Mal von einem Buch geträumt habe. Ehrlich gesagt kann ich mich nur an einen bestimmten Clown erinnern, der vorwiegend in der Kanalisation umherwandert und mich bis in meine Träume verfolgt hat, aber "Der unsichtbare Freund" ist so unglaublich intensiv geschrieben, dass es mich sogar dann nicht losgelassen hat, wenn ich nachts im Bett lag und geschlafen habe. 
Auch wenn Stephen Chobsky in seinem neuen Roman zeigt, dass er nicht nur den Vornamen mit King gemeinsam hat und das auch ganz locker zugibt, schließlich wird der Meister persönlich in der Danksagung erwähnt, ist "Der unsichtbare Freund" eine großartige Geschichte geworden, ein Jahreshighlight, das mich auf jeder Seite begeistert und unterhalten hat.
Unbedingt lesen!