Sonntag, 25. November 2018

Gabriel Tallent - Mein Ein und Alles






Verlag: Penguin
Seiten: 480
Erschienen: 24. September 2018
Preis: 24 Euro (Ebook: 18.99 Euro)






Turtle lebt seit dem Tod ihrer Mutter alleine mit ihrem Vater Martin in den einsamen Wäldern Nordkaliforniens in einem Haus, das definitiv seine besten Jahre hinter sich hat. Einzig Turtles Großvater lebt in der Nähe von Vater und Tochter. 
Martin ist ein durchaus intelligenter aber fanatischer Waffennarr, der der festen Überzeugung ist, dass die von Menschen bevölkerte Erde in sehr naher Zukunft ihrem Ende entgegen steuert. Dementsprechend ist Martins Beziehung zu seiner Tochter von Gewalt, Missbrauch und psychischer Unterdrückung geprägt. Schon in jungen Jahren lernt Turtle von ihrem Vater den Umgang mit allen möglichen Waffentypen. Was sie nicht von ihm lernt, ist der Umgang mit ihren Mitmenschen, denen Turtle konsequent aus dem Weg und somit die Zahl ihrer sozialen Interaktionen gegen null geht. 
Doch alles ändert sich an dem Tag, als Turtle Jacob über den Weg läuft. Jacob, der ihr zeigt, dass das Leben einen größeren Raum besitzt, als die Wäldern, in denen Turtle aufgewachsen ist, ihr heruntergekommenes Zuhause und ihren Vater. Doch Martin wird nicht zulassen, dass Turtle diesen Weg geht, denn sie ist sein Ein und Alles...

Von der ersten Seite an hat mich Gabriel Tallents Debütroman "Mein Ein und Alles" überwältigt. Obwohl Turtles Geschichte nicht aus der Ich-Perspektive erzählt wird, baut der Leser mit einer fast schon beängstigenden Geschwindigkeit eine intensive Beziehung zu der Figur auf. Eine Verbindung, die so tief greift, dass es gerade am Anfang der Geschichte schwer fällt die Seiten zu lesen und alles anzunehmen, was die Zeilen hergeben. Die Intensität ist einfach zu hoch. Fast schon körperlich spürt man Turtles inneren Zwiespalt, der sich zwischen einem radikalen Ausbruch aus ihrem Leben und der krankhaften und fast schon fanatischen Hassliebe zu ihrem Vater bewegt. Obwohl ihre Gefühle nie wirklich beschrieben werden, fühlt man als Leser doch so viel und so intensiv zwischen den Zeilen, dass es schon fast Angst macht.
Und während man im ersten Drittel des Romans versucht an Turtles Seite zu sein, egal wie schwer es fällt und man einfach nicht so viele Seiten am Stück lesen kann, kommt irgendwann ein Punkt in der Geschichte, an dem es kein Zurück mehr gibt. Es geschieht etwas Eigenartiges. Ein unglaublicher Sog entsteht, der den Leser plötzlich an das Buch fesselt. Und während man vorher noch schwer weiterlesen konnte und sich fast zwingen musste, ist es nun unmöglich die Geschichte beiseite zu legen, ohne zu wissen, wie sie enden wird. 
Und Turtle, eigentlich fehlen einem fast die Worte angesichts einer so besonderen und starken Protagonistin. Turtle forder die Leserinnen und Leser dieses Buches immer wieder heraus sie nicht zu mögen. Manchmal scheint es fast, als würde sie sie anschreien, was ihnen denn einfallen würde ihre Geschichte zu lesen, doch wir Leser lassen uns davon schwer beeindrucken. Einfach, weil es uns sehr schwer fällt, Turtle nicht zu mögen, ihr nicht anzumerken, dass sie gerade in dem sozialen Umfeld, das nicht ihren Vater mit einschließt, eine Rolle speilt, die sie jahrelang antrainiert bekommen hat und die sie aber genauso verzweifelt wieder loswerden möchte. Und nicht nur einmal möchte man Turtle in den Arm nehmen, um ihr zu zeigen, dass jemand da ist, der sich wirklich um sie sorgt, auch wenn sie es wahrscheinlich nicht zulassen würde.
Gabriel Tallent hat mit "Mein Ein und Alles" etwas Mutiges gewagt. Er erzählt eine Geschichte, in der fast alle Formen der Gewalt eine zentrale Rolle spielen und die manchmal und wahrscheinlich gerade deswegen schwer zu ertragen ist. Gleichzeitig klagt Tallent die fanatische Waffenvernarrtheit der amerikanischen Bevölkerung an und macht deutlich, dass sie unter dem fadenscheinigen Deckmantel des "Schutz suchen", mit dem das Waffengesetz in den USA am meisten rechtfertigt wird, mehr als einmal diejenigen vergessen, die wirklich Schutz benötigen. Das Ende des Romans greift dieses Motiv dann noch einmal auf und lässt es in einer fast schon absurden, aber wohl absichtlich herbeigeführten Doppelmoral aufleuchten. 
"Mein Ein und Alles" ist somit ein rundum gelungenes Kunststück der Gegenwartsliteratur geworden. Eine Geschichte, die einiges abverlangt aber genauso viel wieder zurückgibt. 

Sonntag, 21. Oktober 2018

Buchmesse. Eine Liebeserklärung.

Ach Buchmesse,
erinnerst du dich an deinen Sonntag? Bestimmt erinnerst du dich. 
Sonntags laufen die unzähligen Menschen, die auch schon am Samstag durch deine Hallen und Gänge gewandert sind, noch einmal durch aber dieses Mal mit prall gefüllten Geldbeuteln, um die vielen Schätze, die sie sich am Samstag meistens schon ausgeguckt haben, zu kaufen. Meistens verbringen sie den gesamten Messesamstag damit sich einzureden, dass sie wirklich nur diese drei Bücher, die sie auf ihre Liste gesetzt haben, kaufen würden und kein anderes, weil drei Bücher ja wohl reichen würden. An deinem Sonntag spazieren genau diese Menschen mit einem verstohlenen Blick zum Ausgang, damit auch ja niemandem die riesige Büchertasche auffällt, die sie beim Hereingehen noch nicht dabei hatten. 
Ach Buchmesse,
an deinem Sonntag war meine Schrittzähler App auf meinem Handy wirklich stolz auf mich, denn knapp 20 000 Schritte, also insgesamt vierzehn Kilometer zählt sie wohl auch nur an einigen wundervollen Tagen im Oktober. 
Buchmesse, du bist anstrengend, das steht außer Frage. Klar, an den Fachbesuchertagen kann man sich eigentlich noch ganz entspannt durch deine Hallen hindurch bewegen, doch spätestens am Samstag wird es voll, laut und in diesem Jahr auch noch ungewöhnlich warm. 
Aber weißt du was? Deinen Zauber, der mich nun schon zum vierten Mal hintereinander zu dir geführt hat, wirst du wohl nie verlieren. 
Als wohl größte Buchhandlung der Welt hast du sowieso so viel Magie in dir, dass ich mich nicht wundern würde, wenn an einigen Stellen Funken fliegen würden. Und klar, du bist anstrengend aber es gibt Anstrengungen im Leben, die zu einem so wohligen Gefühl der Zufriedenheit und Wärme führen, dass sie es wert sind jedes Jahr in Angriff genommen zu werden. Natürlich sagt jeder von uns mindestens einmal während der Messezeit:
"Das mache ich nächstes Jahr nicht mehr mit!"
Aber seien wir doch mal ehrlich? Im darauffolgendem Jahr fahren wir wieder mit Begeisterung nach Frankfurt. 
Buchmesse bedeutet nicht nur die größte Buchhandlung der Welt. In Frankfurt treffen wir auf ganze Horden von Autoren, also die Heldinnen und Helden, die uns so vorbehaltlos an ihren großartigen Geschichten teilhaben lassen. Wir dürfen uns von ihnen unsere Bücher signieren und Fotos mit ihnen machen lassen. Vielleicht ist auch das ein oder andere kleine Gespräch möglich. Oder man steht in der Nähe von ihnen irgendwo schüchtern am Rand herum, weil die aufrichtige innere Verehrung dieses Menschen dann doch überwogen hat. Alles ist möglich. Es ist auch möglich einige von ihnen in die Arme zu schließen, weil sie längst zu Freunden geworden sind. 
Und wo wir gerade bei Freunden sind. 
Liebe Buchmesse, 
du gibst uns einen Ort, an dem wir alle vereint sind. Wir Büchermenschen, die genau wissen, wie es ist, wenn die Lieblingsautorin oder der Lieblingsautor ein neues Buch veröffentlicht und wir es mit klopfendem Herzen endlich in den Händen halten dürfen. Wir Büchermenschen, die genau wissen, wie es sich anfühlt, wenn eine Geschichte so überwältigend und großartig erzählt wird, dass man sie in die Welt hinaustragen möchte, damit möglichst viele Menschen sie ebenfalls lesen. 
Kein Wunder, dass bei dir eine immerwährende Verbundenheit zwischen Menschen herrscht, die sich vorher noch nie getroffen haben und dass bei dir Freundschaften geschlossen werden, die das Potenzial haben ein ganzes Leben zu halten. 
Ich weiß, dass du auch nicht nur deine guten Seiten hast, liebe Buchmesse. Dass in den letzten Jahren Verlage und Menschen versuchen rechtes Gedankengut, während deiner Messetage, die doch immer für Vielfalt, für ein buntes und friedliches Miteinander und für Intellektualität stehen, zu vertreiben. Doch ich weiß auch, dass wir mehr sind und dass wir nicht zulassen werden, dass solche Dinge wie Rassismus oder Hass bei dir im Vordergrund stehen. 
Liebe Buchmesse,
ich freue mich schon im nächsten Jahr meinen Schrittrekord noch einmal zu überbieten, wahrscheinlich dieses Mal mit drei heimlich zusammengekauften und von der Liste leicht abgewichenen Büchertaschen in den Armen. Ich kann das Grinsen schon fast nicht mehr erwarten, dass mich immer überkommt, wenn ich das Messegelände zum ersten Mal betrete. Ich freue mich auf deine Autoren im nächsten Jahr, alte und neue und vielleicht auch dieses Mal Benedict Wells, bei dem ich aber wohl eher zu der Fraktion gehören werde, die schüchtern irgendwo am Rand herumsteht und möglicherweise einmal ein heimliches Lächeln riskiert. Ich freue mich sogar darauf, wie mich im jedem Jahr darüber aufzuregen, warum ein gewisser Herr Sebastian Fitzek sein neues Buch eigentlich immer erst kurz nach der Buchmesse veröffentlicht. 
Ich freue mich auf alte und neue Freunde, auf neue Bekanntschaften, auf tolle Gespräche, interessante Veranstaltungen und auf die Bücher, die ich kaufen werde und natürlich auch auf die ungefähr achttausend Bücher, die während und nach der Messe auf meiner Wunschliste landen, denn ein bisschen Vernunft muss ja auch dabei sein.
Ich freue mich auf deine Vielfalt, dein freundliches und friedliches Miteinander und auf deine Menschen. 
Bis nächstes Jahr! 

Dienstag, 9. Oktober 2018

Muriel Spark - Die Blütezeit der Miss Jean Brodie






Verlag: Diogenes
Seiten: 240
Erschienen: 29. August 2018
Preis: 24 Euro (Ebook: 20.99 Euro)







Miss Jean Brodie unterrichtet an einer schottischen Mädchenschule in Edinburgh in den dreißiger Jahren. Mit ihren unkoventionellen Lehrmethoden sorgt die Lehrerin bei dem Rest des Kollegiums immer für ordentlich Gesprächsstoff und die Direktorin der Schule hat nicht nur einmal versucht Miss Brodie irgendetwas zu unterstellen, damit sie diese entlassen kann. 
Doch Miss Brodie lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen und macht unbeeindruckt mit ihren unüblichen Unterricht weiter. Ihr unermüdliches Selbstvertrauen rührt vor allem daher, dass der Großteil von ihren Schülerinnen Miss Brodie über alle Maßen verehren, vor allem eine besondere Gruppe von Mädchen, die sogenannte 'Brodie-Clique', die das Exklusivrecht genießt besonders viel Zeit mit der Lehrerin verbringen zu dürfen. 
Doch ausgerechnet eine dieser besonderen Schülerinnen vollbringt das Unvollstellbare: Sie verrät Miss Brodie an die Direktorin...

"Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" von Muriel Spark erschien erstmals 1961 und wurde nun vom Diogenes Verlag in frischer Aufmachung neu verlegt. Die Geschichte um eine Lehrerin mit unkoventionellen Lehrmethoden an einer schottischen Mädchenschule ist allein schon aus dem Grund etwas Besonderes, weil sie mit den Konventionen und Tabus ihrer zeitlichen Einordnung bricht. Miss Jean Brodie lehrt in den dreißiger Jahren in einem streng katholischen Schottland, in dem junge Mädchen mit Themen wie Liebesbeziehungen oder gar Sexualität normalerweise überhaupt nicht in Berührung kommen. Muriel Spark allerdings erzählt in "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" eine Geschichte, die von diesen Themen geradezu beherrscht wird. Sei es die ständige Thematisierung der Dreiecksgeschichte zwischen Miss Brodie und zwei ihrer männlichen Lehrerkollegen, von denen einer sogar verheiratet ist, oder die ständigen Mutmaßungen über eben diese Dreiecksgeschichte der Schülerinnen der 'Brodie-Clique', die unweigerlich dazu führen, dass sich die jungen Frauen selbst mit ihrer eigenen Sexualität beschäftigen, überall scheint dieses Thema präsent zu sein. 
Zudem ist Miss Brodie selbst eine Figur, die literarisch höchst interessant ist. Ohne den Kontext der eigentlichen Geschichte zu kennen, würde man, als Leser, die Sympathien zunächst einmal vorbehaltlos Miss Brodie übergeben. Schließlich ist es weit verbreitet literarische Figuren, die aus der Rolle fallen, erst einmal zu mögen. Während man in die Handlung eintaucht, ändert sich dieser Eindruck allerdings schnell. Als Erstes wären da Miss Brodies politische Ansichten zu erwähnen. Gegenüber der 'Brodie-Clique' gibt sie offen zu den Faschismus gut zu heißen und bezeichnet die parallel laufende Machtübernahme der Nazis in Deutschland als eine gute Sache. Zudem wird, während die Geschichte ihren Lauf nimmt, deutlich, dass Miss Brodie ihren Schülerinnen und vor allem die 'Brodie-Clique' nicht wirklich als menschliche Wesen, sondern eher als eine formbare Masse ansieht, die sie zuallererst nach ihren Vorstellungen gestalten möchte. Nach ihren eigenen Worten möchte Miss Brodie selbst möglichst viel Einfluss auf das Leben ihrer Schülerinnen nehmen. Auch die Art und Weise wie sie einige der Mädchen beschreibt, lässt nicht gerade positive Gefühle gegenüber dieser Hauptfigur aufkommen. 
Trotz dieses Umstandes fällt mein persönlicher Gesamteindruck von "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" sehr gut aus. Die Geschichte besitzt eine ganz eigene Art von Frische, die sich schwer beschreiben lässt. Auch die ständigen Zeitsprünge in der Erzählung, die mir bei vielen anderen Büchern eher negativ auffallen, haben mir hier gut gefallen und den Lesefluss keinesfalls gestört. 
Außerdem hat Muriel Spark das seltsame Kunststück vollbracht auf eigentlich wenigen Seiten sehr viel Geschichte zu erzählen und das macht das Buch zu etwas ganz Besonderem. 


Dienstag, 11. September 2018

Ursula Poznanski - Thalamus






Verlag: Loewe
Seiten: 448
Erschienen: 13. August 2018
Preis: 16.95 Euro (Ebook: 12.99 Euro)







Nach einem schweren Motorradunfall erwacht der siebzehnjährige Timo nach wochenlangem Koma im Krankenhaus auf. Seine Sprache hat der Teenager, aufgrund seiner schweren Kopfverletzungen, verloren. Ob das ein Dauerzustand oder nur vorübergehend ist, kann niemand genau sagen. Auch seine motorischen Fähigkeiten sind stark eingeschränkt. 
Alles was Timo in diesem Zustand hat sind seine Gedanken, die er allerdings niemandem mitteilen kann. 
Um seine Genesung zu unterstützen, wird Timo nach seinem Klinikaufenthalt in das Rehazentrum 'Markwaldhof' verlegt. Hier sollen die Patienten durch neuartige medizinische Verfahrenstechniken geheilt oder ihr Leben zumindest verbessert werden. Doch im Markwaldhof entdeckt Timo plötzlich Fähigkeiten an sich, die ihm gänzlich neu sind. Dadurch gerät er immer wieder in mysteriöse und immer absurder wirkende Situationen, die er sich selbst nicht erklären kann.
Nur eins steht fest: Irgendetwas Seltsames geht vor in dieser eigentlich renommierten Rehaklinik, nur kann Timo niemandem von seinem Verdacht erzählen. Und dann fängt sein Bettnachbar, der eigentlich im Wachkoma liegt, auch noch an nachts durch die Gegend zu laufen...

Mit "Thalamus" legt Ursula Poznanski einen neuen Jugendthriller vor, der sich gewaschen hat. Die Geschichte über einen Jugendlichen in einer mysteriösen Rehaklinik weit weg von der Zivilisation, ist nämlich nicht nur sehr spannend geschrieben, sondern vereint zudem noch einige Science-Fiction und Gruselelemente in sich, die die Handlung perfekt abrunden. 
Nie wusste man als Leserin oder als Leser wirklich, wohin die Handlung eigentlich führen würde und worin die schlussendliche Auflösung der Geschichte bestand. Diese Auflösung besaß dann zum Schluss noch einmal eine solche Frische, weil ich diese Art der Handlungskonzeption bisher noch nicht kannte, dass sie der Lektüre das ideale Ende bescherte. Sicherlich möchte ich nichts vorweg nehmen, nur noch einmal betonen, dass sich die Autorin hierbei mit einem Thema beschäftigt hat, das zunächst noch wie Science-Fiction klingt aber während man noch darüber nachdenkt immer realer zu werden scheint, was "Thalamus" auch nach Beenden des Buches noch lange in den Köpfen einiger Leser verweilen lassen wird. 
Besonders gut gefallen haben mir Timos nächtliche Kreuzzüge durch die Gänge der Klinik, weil diese zunächst wesentlich zur Auflösung der Geschichte beigetragen haben und einfach weil sie so herrlich spannend und gruselig erzählt wurden. Jedes Mal, wenn der Protagonist Timo die Augen in der Nacht aufgeschlagen hat, wusste man nicht, was als Nächstes passieren würde, weil tatsächlich die Möglichkeit bestand, dass alles passieren konnte. Gerade beim nächtlichen Lesen im eigenen heimischen Bett konnte es durchaus passieren, dass man sich, während des Lesens, rechts und links verstohlen umsah, wenn der Grusel überhand nahm. 
Eine ebenfalls lobenswerte Erwähnung müssen unbedingt die Charaktere in Poznanskis Geschichte erfahren. Zunächst einmal wirken sie alle so unglaublich sympathisch, sowohl der Protagonist als auch die Nebenfiguren. Die Patienten in Timos Alter nehmen diesen herzlich in ihrer Gemeinschaft auf, obwohl er das ganz offensichtliche Sprachdefizit aufweist und somit ist Timo sofort integriert. Genau dieser Punkt trägt dann auch wesentlich zum Handlungsverlauf bei und wird sogar am Ende des Buches noch einmal so intensiv umgekehrt, dass Grusel und Spannung ihren Höhepunkt. Sicherlich trägt auch die Erzählweise sein Übriges bei, da wir, als Leserinnen und Leser, die gesamte Handlung bloß Timos Gedanken folgen und uns immer nur seine Perspektive gegeben ist. 
"Thalamus" ist ein Jugendthriller geworden, der alles aufweist, was man von ihm erwartet und an vielen Stellen sogar darüber hinausgeht. Eine Lektüre, die man sicherlich nicht bereuen wird. 

Montag, 3. September 2018

Dennis Lehane - Der Abgrund in dir






Verlag: Diogenes
Seiten: 527
Erschienen: 29. August 2018
Preis: 25 Euro (Ebook: 21.99 Euro)







Der äußere Schein von Rachels Leben vermittelt den Eindruck, als wäre alles auf dem richtigen Platz und würde in geraden Bahnen verlaufen. Sie hat einen fürsorgenden Ehemann, der sie über alles liebt und eigentlich alles, was sie sich wünschen kann. Doch wirft man einen genaueren Blick auf ihr Leben wird schnell deutlich, dass nicht alles so rosarot ist, wie es scheint. 
Von ihrer Vergangenheit und zahlreichen Panikattacken erschüttert, verlässt Rachel teilweise monatelang nicht das Haus und als dann noch die scheinbar einzige Konstante in ihrem Leben, ihr Ehemann Brian, Rachels Leben in eine Farce aus Betrug und Verrat verwandelt, muss sie sich entscheiden, welchen Weg sie wählen wird und ob es sich lohnt für das Leben zu kämpfen, das sie führt...

"Der Abgrund in dir" war mein erster Roman von dem Autoren Dennis Lehane. Schon länger wollte ich unbedingt etwas von Lehane lesen und die Geschichte um die erst erfolgreiche und dann gescheiterte Journalistin Rachel klang wie der perfekte Einstieg in die Welt dieses Krimi-Thriller- und Mysterythrillerautoren. Und ich muss zugeben, dass Lehane sein Handwerk wirklich perfekt beherrscht. Am tiefsten beeindruckt hat mich seine Hauptfigur Rachel. Einer so vielschichtigen Protagonistin begegnet man selten in einem Roman. Rachel hat, während die Geschichte ihren Verlauf genommen hat, immer mehr Seiten von sich gezeigt. Doch obwohl diese Intensität an charakterlichen Veränderungen bei einigen literarischen Figuren dazu führen würde, dass sie unglaubwürdig werden und ihre Handlungen schwer bis gar nicht nachzuvollziehen sind, hat es Dennis Lehane geschafft seiner Protagonistin Rachel die Authentizität zu bewahren. Auch wenn die Handlung ein paar krasse Wendungen aufzubieten hat, konnte ich Rachels Handlungsweise eigentlich fast immer nachvollziehen und meiner Ansicht nach ist dieser Punkt einer der wichtigsten Faktoren, um aus einem Thriller einen guten Thriller zu machen. 
Auch die psychlogische Komponente der einzelnen Figuren wird besonders gut in "Der Abgrund in dir" dargestellt. An manchen Stellen in der Geschichte wusste ich nicht, ob sich das Ganze plötzlich zu einem handfesten Mystery Thriller verwandelt.
In Dennis Lehanes neustem Werk kann man demnach nur einer Sache sicher sein und zwar, dass so gut wie nichts sicher ist. "Der Abgrund in dir" watet mit einer ganzen Menge Unvorhersagbarem, einem Dutzend irrer Wendungen, die die ganze Handlung an manchen Stellen komplett umwerfen und schon fast meisterhaft herausgearbeiteten Protagonisten auf. Dabei verliert die Geschichte aber nie an Glaubwürdigkeit und wird so zu einem Thriller, den man nicht nur zu den besseren zählen darf, sondern der auch eine Menge Spaß macht. 

Mittwoch, 15. August 2018

Krysten Ritter - Bonfire - Sie gehörte nie dazu




Verlag: Diana
Seiten: 368
Erschienen: 13. August 2018
Preis: 16 Euro (Ebook: 12.99 Euro)





Abby ist eine junge Anwältin, die in Chicago lebt und mitten im Leben steht. Von einem auf den anderen Tag wird sie plötzlich mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, als sie einen Fall annimmt, der sie zurück in ihre Heimatstadt führt. 
Barrens ist eine Provinzstadt in Indiana, in der jeder jeden kennt und in der Abby die Hölle ihrer Jugend erlebt hat. Jetzt wird Barrens Schauplatz eines Umweltskandals, der vor allem das Trinkwasser der Stadt betrifft und eine Firma in den Fokus rückt, die eigentlich für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Rettung der Kleinstadt steht.
Abby muss sich in Barrens nicht nur den Schrecken ihrer Vergangenheit stellen, sondern gerät auch immer mehr in den Strudel krimineller Machenschaften einer Firma, der kein Trick zu schmutzig ist...

"Bonfire - Sie gehörte nie dazu" ist das erste Buch der aus den Serien "Breaking Bad" und "Jessica Jones" bekannten Schauspielerin Krysten Ritter. Als Schauspielerin ist Ritter zweifellos grandios, dementsprechend gespannt war ich, wie sie mir als Autorin gefallen würde. Ich würde ihren ersten Roman nicht unbedingt als Thriller einstufen, wie auf dem Klappentext vermerkt. "Bonfire" bewegt sich eher zwischen Kriminal- und Detektivgeschichte und Gesellschaftsroman. Das beherrschende Thema des Handlungsstranges, dem Umweltskandal, der sich vor allem in dubiosen Machenschaften einer skrupellosen größeren Firma äußert, erinnert zudem, nicht zuletzt wegen der zugleich tough aber auch verletzlich auftretenden Protagonistin, an den sehr guten Film "Erin Brockovich".
Auch Abby setzt alles daran zunächst vage wirkende Indizien mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu einem Fall auszubauen. Wir begleiten die Protagonistin im ersten Teil des Buches dabei, wie sie das Puzzle um den Umweltskandal ihrer Heimatstadt immer mehr zusammen setzt. Danach und auch immer wieder zwischendurch durchziehen kleinere Episoden aus Abbys Vergangenheit ihre Rückkehr nach Barrens. Dabei geht es vor allem um ihre ehemals beste Freundin, aber auch schlimmste Mobberin, Kaycee Mitchell, die kurz vor Abby in einer spektakulären Nacht- und Nebelaktion ihrer Heimatstadt den Rücken kehrte und seitdem nie wieder gesehen wurde. Vor allem Kaycees Verschwinden, das nach einigen Nachforschungen seitens Abby immer mysteriöser zu werden scheint, lässt die Anwältin nicht los.
Anders, als ich es vorher erwartet hatte, wurde in "Bonfire" weniger auf die juristischen Aspekte eingegangen, sondern mehr auf die Vergangenheit der Protagonistin und auf ein Geheimnis, das nie richtig aufgeklärt wurde. Möglicherweise hätte es der Geschichte aber gut getan sich an einigen Stellen doch mehr der juristischen Seite zuzuwenden, denn zusammenfassend ist "Bonfire" zwar durchaus unterhaltsam, aber auch nichts wirklich Neues oder Bedeutungsvolles im unendlichen Himmel der Kriminalgeschichten geworden. 
Für eine leichte Lektüre zwischendurch, oder auch als obligatorisches Urlaubsbuch ohne viel Anspruch, kann ich die Geschichte aber durchaus empfehlen. 

Donnerstag, 9. August 2018

Melanie Raabe - Der Schatten




Verlag: btb
Seiten: 418
Erschienen: 23. Juli 2018
Preis: 16 Euro (Ebook: 12.99 Euro)







Norah ist gerade neu nach Wien gezogen. Nach der Trennung von ihrem Freund hat sie nichts mehr in Berlin gehalten und so entschloss sie sich in einer neuen Stadt ihr Glück zu versuchen. Doch nach der Ankunft in Wien und dem Antreten ihres neuen Jobs in einer Zeitschriften-Redaktion, überwiegen schnell Einsamkeit und Leere. 
Eines Tages wird Norah mitten in Wien von einer seltsamen Bettlerin eine mysteriöse Vorhersage gemacht: 
"Am 11. Februar wirst du am Prater einen Mann namens Arthur Grimm töten. Mit gutem Grund. Und aus freien Stücken".
Zunächst versucht Norah die Bettlerin als Spinnerin abzutun, doch schon bald wird ihr klar, dass die Vorhersage bloß der Anfang einer ganzen Reihe von seltsamen Geschehnissen ist, die plötzlich in ihr Leben treten. Und auch ein weiterer Mensch tritt in Norahs Leben. Ein Mann namens Arthur Grimm.

Mit ihrem lang erwarteten drittem Roman "Der Schatten" hat sich Melanie Raabe endgültig in die erste Liga des subtilen Thrillers geschrieben. 
Es ist schon beeindruckend bis fast beängstigend was für eine unglaublich ausgeprägte Intensität diese Geschichte besitzt. Genauso wie die beiden Vorgänger der Autorin "Die Falle" und "Die Wahrheit" versteht es auch Melanie Raabes neuer Thriller die subtile Spannung ganz langsam aber überaus beständig aufzubauen. Der Leser bemerkt fast nicht, wie er irgendwann vollkommen von der Geschichte eingeschlossen wird und es nicht mehr möglich ist das Buch beiseite zu legen, ohne zu wissen, wie es endet. Dieses besondere Talent ihren Leser so vollkommen einzuhüllen, hat die Autorin wahrlich zur Perfektion getrieben und somit auch zu einem ganz eigenen Schreibstil beigetragen, den ich mittlerweile wahrscheinlich unter vielen anderen wieder erkennen würde.
Um den Ganzen schlussendlich die literarische Krone aufzusetzen, lässt Raabe ihre Geschichte dieses Mal in einer Stadt spielen, dessen einzigartige Magie durch jede gelesene Seite schimmert. Wien zur Winterzeit scheint in "Der Schatten" ein melancholischer und fast schon mystischer Ort zu sein und treibt einen auch im intensivsten Hochsommer eine Gänsehaut auf den Körper.
Wer nach diesen großartigen Beschreibungen der Stadt Wien nicht das dringende Bedürfnis verspürt nach Beenden des Buches diese sofort selbst in Augenschein zu nehmen, dem kann man wirklich nicht mehr weiter helfen. 
"Der Schatten" nimmt uns mit auf eine mysteriöse Reise durch Wien und in unser Inneres. Denn Melanie Raabe stellt nicht nur die Wahrnehmung ihrer Protagonistin immer wieder auf die Probe, sondern auch wir, als Leser, hinterfragen uns immer wieder. 
Haben wir etwas übersehen und inwieweit können wir der Hauptfigur überhaupt vertrauen?
Mit "Der Schatten" ist Melanie Raabe ein großes Meisterstück gelungen. Ein Roman wie ein Sog, der einen gefangen nimmt und nicht mehr loslassen wird.