Sonntag, 11. April 2021

Takis Würger - Noah. Von einem, der überlebte

 



Verlag: Penguin
Seiten: 188
Erschienen: 1. März 2021
Preis: 20 Euro (Ebook: 17.99 Euro)









Die bewegende Lebengeschichte des Noah Klieger. 
Als die Nazis Belgien besetzten, war Noah Klieger gerade mal 13 Jahre alt. Er schloss sich einer jüdischen Untergrundorganisation an, die heimlich Kinder und Jugendliche über die Grenze in die Schweiz schmuggelte. Mit 16 Jahren wird Noah Klieger nach Ausschwitz deportiert und als dort gefragt wird, ob es unter den Anwesenden Boxer gibt, die gegeneinander boxen, hebt Noah Klieger die Hand, obwohl er noch nie vorher in seinem Leben geboxt hat. Als Mitglied der Boxmannschaft erhält er jedoch mehr Essen und bessere Überlebenschancen. Mit 20 Jahren wird Noah Klieger, nachdem er drei Todesmärsche und vier Konzentrationslager überlebt hat, befreit. 
Nach seiner Befreiung entschließt sich Noah nach Israel zu gehen und gerät auf einem Schiff, das später einmal sehr berühmt werden sollte, wieder mit dem unmittelbaren Tod in Kontakt. Doch auch diese Station seines außergewöhnlichen Lebens sollte Noah Klieger überleben.
Takis Würger erzählt seine beeindruckende Geschichte.

Solche Bücher wie Takis Würger's "Noah" sind unendlich kostbar. Sie erschüttern, sie beeindrucken, sie rütteln auf, aber vor allem - und das ist das Wichtigste - sie erinnern. Sie halten die Lebensgeschichten, die schrecklichen und unmenschlichen Erinnerungen der Holocaust Überlebenden lebendig und das ist in diesen Zeiten, in denen es immer weniger direkte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt, die ihre Geschichten direkt erzählen können, von elementarer Bedeutung. Denn die unfassbaren und nicht begreiflichen Verbrechen des Dritten Reiches müssen im kollektiven Gedächtnis bewahrt werden, damit sie immer wieder hervorgeholt, erinnert und reflektiert werden können. Die dunkelste Zeit in der Geschichte Deutschlands darf nicht vergessen werden. Deswegen ist es wichtig ein kollektives Gedächtnis, sei es in schriftlicher oder audiovisueller Form, weiter auszubauen, um jeder nachfolgenden Generation die Möglichkeit zu geben ungehindert auf diese Erinnerungen zuzugreifen. 
Mit "Noah" steuert Takis Würger ein weiteres wertvolles Dokument bei. Dabei ist "Noah" an sich keine Biografie. Es ist eher eine Aneinanderreihung von Noah Kliegers Erinnerungen an seine Kindheit der 1920er Jahre in Frankreich, an seine Zeit als Häftling von vier Konzentrationslagern und sein beeindruckender Kampf für die Staatsgründung Israels und ein neues Leben im Land seiner Väter. Takis Würger schreibt im absolut nüchternen Stil über Noah's beeindruckendes Leben und vielleicht macht gerade das seine Erinnerungen aus dem Holocaust noch erschreckender und noch bildlicher, aber nicht greifbarer. Denn auch wie bei vielen anderen Erzählungen Holocaust Überlebender in egal welch medialer Form, ist das Schrecken, das Grauen, das unfassbare Leid der Menschen, diese unbegreiflichen Verbrechen, die millionenfache Ermordung von Jüdinnen und Juden, immer noch nicht fass-oder greifbar. Es ist ein unglaubliches Grauen, an das immer wieder erinnert werden muss. 
Noah Klieger hat überlebt, er hat sich seinen Wunsch erfüllt und ist in sein Vaterland zurückgekehrt. Und er gibt uns die wertvolle Möglichkeit seine Geschichte, die die Geschichte vieler anderen Überlebenden ist, erzählt zu bekommen. "Noah" ist ein wertvolles Zeitdokument und auch ein bisschen eine Geschichte über Freundschaft, Hilfe von ungeahnter Seite und auch ein wenig Hoffnung. Unbedingt lesen und in die Welt hinaustragen. 

Montag, 8. März 2021

Lesemonat Februar

Hallo Februar! Hallo Lesemonat!
Im vergangenen Monat habe ich insgesamt fünf Bücher gelesen mit 1887 Seiten. Jede Menge Highlights waren dabei, neue und alte aber alles der Reihe nach. 

Anna Hope- Was wir sind. Ein Buch, von dem ich schon einiges Gutes gehört habe - und dem kann ich nach der Lektüre nicht widersprechen. Eine langjährige Frauenfreundschaft ganz unterschiedlicher Charaktere, die sich mit ihren eigenen Leben und Problemen auseinander setzen müssen. Eine vielschichtige Geschichte über Identitätsfindung, die an keiner Stelle Klischees bedient oder platt daherkommt. Eine eindringliche Leseempfehlung. 

Ben Gutterson - Winterhaus. Ein großartiger Auftakt einer Kinderbuchtrilogie, in der die Heldin nach einer mysteriösen Einladung ihre Ferien im Hotel Winterhaus verbringt, das sich als großes Abenteuer herausstellt, in der viele Rätsel zu lösen sind und einige unheimliche Gäste auftauchen. Jede Ecke von Winterhaus scheint etwas Geheimnisvolles und Mystisches auszustrahlen, das mich sofort gefangen genommen hat. Ich freue mich unglaublich auf die beiden Nachfolger. 

Benedict Wells- Vom Ende der Einsamkeit. Das Wiederlesen von "Vom Ende der Einsamkeit" war schon nach wenigen Momenten wie nach Hause kommen. Die ganzen Emotionen, die diese großartige Geschichte bereit hält, strömten auf mich ein und ich war genauso verliebt, wenn nicht noch sogar ein bisschen mehr, wie als ich das Buch vor ein paar Jahren gelesen hatte. Wer es noch nicht gelesen hat, sollte das so schnell wie möglich nachholen.

Barry Jonsberg - Pandora Stone (Morgen kommt vielleicht nie mehr) Das Finale der Pandora Trilogie war da. Nachdem die Buchreihe im ersten Teil relativ schnell Fahrt aufnahm und  man durch den zweiten Teil mehr flog, als das man ihn gelesen hat, war ich sehr gespannt, wie die Reihe endete. Und natürlich war es spannend, die Handlung ließ sich leicht verfolgen aber irgendwie hätte ich doch ein bisschen mehr erwartet. Vielleicht haben die anderen Bücher die Erwartungen zu hoch geschraubt aber zusammenfassend hat die Trilogie sehr viel Spaß gemacht und war sehr unterhaltsam. 

Sarah Crossan - Wer ist Edward Moon?. Der Ende des Monats hatte dann noch einmal ein richtiges Highlight parat, mit dem ich so überhaupt nicht gerechnet hatte. Ganz spontan hatte ich mir das Buch gekauft und wurde so neugierig, dass ich es direkt angefangen habe. Und das habe ich nicht bereut. Obwohl Sarah Crossans Roman sehr kurzweilig war, hatte es sich doch mit bloß wenigen Worten in mein Herz geschlichen und es auch ein bisschen gebrochen. Die Geschichte um einen Jungen, der alleine nach Texas fährt, um seinen Bruder regelmäßig in der Todeszelle zu besuchen, ist erschütternd, macht wütend, unfassbar traurig und man wird sie nicht mehr so schnell vergessen. 

 

Mittwoch, 17. Februar 2021

Monica Hesse - Sie mussten nach links gehen



Verlag: cbj
Seiten: 448
Erschienen: 12. Oktober 2020
Preis: 18 Euro (Ebook: 12.99 Euro)





Das KZ Groß-Rosenau ist befreit und die achtzehnjährige Zofia Lederman findet sich plötzlich in der Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs wieder. Vollkommen traumatisiert von ihren schrecklichen Erlebnissen wird sie zunächst in einem Krankenhaus körperlich so weit wie möglich wieder hergestellt, bevor sie in ihr Heimatland Polen zurückkehrt.
Doch Zofia bleibt dort nicht lange, denn als ihre komplette Familie von den Nazis gefangen genommen wurde, wurden alle Mitglieder von ihrer Familie nach links geschickt, nach Auschwitz in die Gaskammern und in den Tod, außer ihr kleiner Bruder und sie selbst. Und Zofia hat ihren Bruder bei ihrer Trennung ein Versprechen gegeben: dass sie ihn finden würde, egal wo er ist und von jetzt an hat Zofia nur noch das Ziel dieses Versprechen einzulösen. 

Nachdem mich Monica Hesses Debütroman "Das Mädchen im blauen Mantel" vor einiger Zeit umgehauen und unglaublich berührt hat, war ich natürlich sehr gespannt auf ihr zweites Buch "Sie mussten nach links gehen". 
Wieder einmal gelingt es ihr eine vielschichtige, eindringliche und interessante Geschichte zu erzählen. Wieder einmal sind ihre Protagonist*innen und Held*innen junge Menschen, die sich entweder mitten oder in diesem Fall unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg befinden und sich mit ihren persönlichen Schicksalen und Situationen auseinander setzen und zurecht finden müssen. Primär richtet sich Monica Hesse auch mit dieser Geschichte an Jugendliche, an die Generation, die die Schrecken und abscheulichen Verbrechen des zweiten Weltkriegs im besten Fall noch in weit entfernten Geschichten von ihren Großeltern oder sogar Urgroßeltern erzählt bekommen haben und im schlechtesten Fall ein angestaubtes Kapitel darüber in ihrem Schulgeschichtsbuch finden. Sie richtet sich an die Generation, die immer wieder an diese gleichsam traurige als auch bedeutende geschichtliche Epoche erinnert werden sollte, so dass kein Vergessen eintritt und man alte Fehler nicht wiederholt. Und auch wenn sich "Sie mussten nach links gehen" zuerst an junge Menschen richtet, erzählt das Buch auch Leser*innen anderer Altersgruppen eine intensive und eindringliche Geschichte mit einigen Elementen, an die zumindest ich selbst beim Nachdenken über die Zeit des zweiten Weltkriegs nicht gedacht habe. Das liegt vor allem an dem bestimmten Zeitabschnitt, in dem Monica Hesses zweiter Roman spielt: das unmittelbare Eintreten der Nachkriegszeit. Damit assoziiert man zunächst feiernde Soldaten in den Straßen, Orte, die zwar in Trümmern liegen, aber an denen zumindest in kleinen Dosierungen die Hoffnung zurückgekehrt ist. Eine Welt, die unter den Lasten des Kriegs beinahe zusammengebrochen ist und zumindest für den Moment wieder aufatmen kann. Zahlreiche Leben, die mit den Befreiungen der Konzentrationslagern gerettet wurden. Womit diese Zeit allerdings meistens nicht verbunden wird, sind der weiterhin bestehende Antisemitismus, mit denen die zurückgekehrten Opfer der Konzentrationslager unmittelbar bei und nach ihrer Rückkehr konfrontiert werden, unzählige Menschen, die zwar befreit wurden aber ihr gesamtes Leben und ihre Familien verloren haben und nicht wissen, wo sie hin sollen. Auffanglager entstehen für diese Menschen und für diejenigen, die suchen: Verwandte, Bekannte, Freunde, jeden Menschen, mit dem man etwas verbindet und der vielleicht überlebt haben könnte. Und damit wären wir in der Handlung und bei der Protagonistin Zofia und ihrer verzweifelten Suche nach ihrem kleinen Bruder, die sie von Polen zurück nach Deutschland führt, wo sie zu den bereits erwähnten Auffanglagern reist, um ihren Bruder ausfindig zu machen. Monica Hesse hat einige interessante und vielschichtige Charaktere geschaffen, die oft undurchsichtig bleiben und versuchen ihre persönlichen Schicksale mit sich selbst auszumachen. Gerade bei ihrer Hauptfigur gelingt es der Autorin ihre furchtbaren Erlebnisse auf besonders eindringliche Art und Weise zu erzählen, was gerade zum Ende hin dazu führt, das den Leser*innen auch mal die Luft wegbleiben kann. Die Geschichte erzählt von Freundschaft, Hoffnung, das aneinander Festhalten und den Versuch aus einem Trümmerhaufen, in den sich das eigene Leben verwandelt hat, auszubrechen und einen völlig anderen aber neuen Weg einzuschlagen. Dass der sprichwörtliche Funke bei mir persönlich nicht überspringen wollte, ist sicherlich eine rein individuelle Empfindung. Durch den großartigen Debütroman hatte ich möglicherweise zu hohe Erwartungen, die ein zweiter Roman nicht erfüllen konnte. 
Dennoch wurde mir in "Sie mussten nach links gehen" eine neue Perspektive der unmittelbaren Nachkriegszeit gezeigt und mir somit ein völlig neues Gesichtsfeld eröffnet. Aus diesem Grund sollten die Romane von Monica Hesse möglichst viele Menschen lesen, um sich zu erinnern und sich neue Sichtweisen aufzeigen zu lassen. 

Montag, 15. Februar 2021

Amelie Fried - Die Spur des Schweigens




Verlag: Heyne
Seiten: 496
Erschienen: 31. August 2020)
Preis: 22 Euro (Ebook: 12.99 Euro)








Immer am Puls der Zeit. 
Da zu sein, wo etwas Spannendes, Spektakuläres und Informatives geschieht. 
Einen Job, der den Körper und den Geist ausfüllt. 
Genau so hatte sich Julia ihre Journalistenkarriere vorgestellt. Die Realität hat bei diesen wunderbaren Vorstellungen allerdings nicht mitgespielt. Julia ist bei einer Art Gesundheitsmagazin gelandet und schreibt hauptsächlich über zweifelhafte Wunderdiätprodukte oder Hautcremes, die die Haut angeblich um Jahre verjüngen sollen. Auch ihr Privatleben kann man alles andere als erfüllt bezeichnen. Ihre Beziehungen bleiben kurzweilige Abenteuer und seit ihr jüngerer Bruder Robert auf mysteriöse Weise verschwand, ist auch ihre Familie an dem Verlust zerbrochen. 
Aus einem Zufall heraus erhält Julia plötzlich Kenntnis über gehäufte Fälle von sexuellen Übergriffen und Missbrauch an einem renommierten Forschungsinstitut. Immer mehr Betroffene berichten darüber, wie sie von Mitarbeitern des Instituts belästigt wurden. Julia beginnt ihre Recherche und taucht immer weiter in ein Meer aus Korruption und Vertuschung, bis sie das Institut sogar mit dem Verschwinden ihres Bruders in Verbindung bringen kann...

"Die Spur des Schweigens" von Amelie Fried ist ein Roman, der es gut gemeint hat. Eine Protagonistin, die ihr Leben nicht wirklich im Griff zu haben scheint, bekommt die Chance auf die Story ihres Lebens und gibt fortan ihr ganzes Herzblut in die Geschichte, um Verbrechen und Ungerechtigkeiten aufzudecken und das Böse dingfest zu machen. Ein Roman, der wie aus der aktuellen 'me too' Bewegung gefallen zu sein scheint. 
Und obwohl "Die Spur des Schweigens" durchaus eine spannende Geschichte geworden ist, konnte ich es einfach nicht fühlen. Der Funke wollte nicht überspringen. Das lag vor allem an der Protagonistin. Auch in diesem Fall verstehe ich die Intention der Autorin ihre Hauptfigur glaubwürdig gestalten zu wollen. Eine erfolgreiche Top-Journalistin, die noch dazu ein vollkommen glückliches Privatleben hat, hätte auch nicht wirklich zu der Geschichte gepasst. Trotzdem wirkte das Ganze am Ende nicht schlüssig. Einige von Julias Charaktereigenschaften haben mich mehr als einmal den Kopf schütteln lassen, so dass die durchaus gut gemeinte Intention hinter der Hauptfigur fast schon etwas überkonstruiert und somit auch nicht mehr glaubwürdig wirkte. Vor allem in den Situationen, in denen die Protagonistin direkten Kontakt mit den Opfern der Sexualdelikte im Forschungsinstitut hatte, wirkten befremdlich. Es ist kein Problem in solchen Situationen überfordert zu sein, doch in vielen Momenten wirkte die Hauptfigur derart empathielos, dass man den Drang hatte die Arme über den Kopf zusammenzuschlagen. Aber das sind sicherlich individuelle Leseeindrücke und wie bereits erwähnt besitzt Amelie Frieds Roman sehr viel Spannung und eine durchaus gut erzählte Geschichte, die allerdings gerade in den Abschnitten, die mit dem verschwundenen Bruder der Hauptfigur zusammenhängen etwas an Glaubwürdigkeit verliert und auch nicht mit dem eigentlich interessanten Grundthema der Geschichte harmonieren will. Auch wenn ich diesem Fall ebenfalls die Intention hinter diesem Element der Geschichte nachvollziehen kann. Schließlich bekommt der Roman zumindest, wenn man sich vorher mit dem Inhalt beschäftigt, ein mysteriöses Handlungselement und man möchte unbedingt herausfinden, wie die Geschichte des Bruders mit dem primären Handlungsstrang zusammenhängt. Im Endeffekt hätte man es besser weglassen sollen, weil das Grundthema alleine bereits genug Spannung, Brisanz und Aktualität besitzt.
Zusammenfassend kann ich individuell behaupten, dass ich verstanden habe, wie die Geschichte gemeint war, mir die Umsetzung in Teilen leider nicht so gut gefallen hat. Trotzdem bleibt "Die Spur des Schweigens" ein spannender und aktueller Roman, den man durchaus lesen kann. 

Mittwoch, 3. Februar 2021

Lesemonat Januar

 

Hallo Lesemonat Januar, im vergangenen Monat habe ich sieben Bücher gelesen mit insgesamt 2691 Seiten. Ganze vier Monatshighlights waren dabei und zwei Rezensionen, die ich euch noch schulde und nachreichen werde. Los geht's

Monica Hesse - Sie mussten nach links gehen. Nachdem mir der Debütroman der Autorin "Das Mädchen im blauen Mantel" überraschend gut gefallen hat und sogar zu einem Jahreshighlight wurde, war ich sehr gespannt auf ihr zweites Buch. Obwohl dieses nicht ganz an den Vorgänger anknüpfen konnte, beleuchtet Hesse abermals ein wichtiges und interessantes Kapitel des zweiten Weltkrieges, in diesem Fall handelt es sich schon fast um die Nachkriegszeit, als die Protagonistin aus einem KZ befreit wird und sich auf die Suche nach ihrem kleinen Bruder, ihrem einzig noch lebenden Familienmitglied, macht. Zudem ist auch die Zeit, in der der Roman spielt interessant, aus der, überlagert von der Freunde des zu Ende gegangenen Krieges, viel zu wenig erzählt wird. 

Amelie Fried - Die Spur des Schweigens. Obwohl die Protagonistin des Romans an mehr als einer Stelle etwas anstrengend war, hat sich das Gesamtpaket von "Die Spur des Schweigens" sehr gelohnt. Ein eigentlich renommiertes Forschungsinstitut, das immer wieder mit Gerüchten sexueller Übergriffe konfrontiert, aber nie wirklich zur Rechenschaft gezogen wurde oder Beschuldigte in Führungspositionen belangt hätte. Besagte Protagonistin möchte das in einem Artikel ändern und mobilisiert all ihre Kräfte, um das Schweigen von Beschuldigten und Opfern zu brechen. An machen Stellen etwas langatmig, war man doch trotzdem immer gespannt, wie dieser Kampf endet. 

Barry Jonsberg - Gestern ist noch nicht vorbei (Pandora Stone). Auch der Auftakt der 'Pandora Stone' Trilogie hat mich Ende letzten Jahres total überrascht und ich hatte nie wirklich eine Ahnung davon, wohin die unglaublich spannende Geschichte, um ein geheimnisvolles Virus, das den Großteil der Menschheit auslöscht, führen würde. Als der erste Teil dann auch noch mit einem spektakulären Cliffhanger endete, war klar, dass ich auch den zweiten Teil schnell haben musste. Diesen habe ich dann mehr inhaliert als alles andere, weil die Spannung durchgehend aufrecht erhalten wurde und auch hier endete das Ganze mit einem Cliffhanger. Zum dritten und letzten Teil wird der Weg demnach nicht lang sein. 

Katherine Arden - Der Bär und die Nachtigall. Dieses wunderschöne russische Märchen war nicht nur mein erstes Buch im Jahr 2021, sondern auch mein erstes Highlight. Eine unglaublich besondere und charismatische Heldin, die die Leser*innen vom ersten Moment an mit ihrem unbändigen Freigeist einnimmt. Bösewichte, magische Wesen und das alles eingebettet im russischen Niemandsland, "Der Bär und die Nachtigall" ist ein unglaublich besonderes Buch und das Ende macht richtig viel Lust auf die Nachfolger. Der zweite Band steht schon bereit und ich freue mich sehr drauf. 

Matt Haig - The Midnight Library. Stellt euch vor, es gäbe eine Bibliothek, in der all eure möglichen Leben aufgeführt sind, die ihr geführt hättet, wenn ihr Entscheidungen anders getroffen hättet. Das sind eine Menge 'hätte' und doch findet sich genau in so einer Matt Haig's Protagonistin Nora wieder, als sie keinen Sinn mehr in ihrem jetzigem Leben sieht. Der Autor hat ein unglaublich einfühlsames und empathisches Buch über die Frage: 'Was wäre, wenn...?' geschrieben und über das, was im Leben wirklich wichtig ist. Mein zweites Monatshighlight und unter "Die Mitternachtsbibliothek" vor kurzem auch auf Deutsch erschienen. 

Kate Elizabeth Russell - Meine dunkle Vanessa. Auch wenn dieses Buch ein schwer zu ertragendes Highlight war, war es am Ende doch eins. Weil es seine Berechtigung in seiner unglaublich wichtigen Botschaft findet: Hinzusehen und aufmerksam zu sein, wenn in der unmittelbaren Umgebung sexueller Missbrauch statt findet, weil man so das Leben von Menschen ändern und vielleicht sogar retten kann. Bei der Protagonistin Vanessa sahen zu wenig Menschen hin und in den meisten Fällen auch weg und so wurde fast ihr gesamtes Leben von sexuellem Missbrauch, der ihr zum ersten Mal als Fünfzehnjährige widerfährt, beherrscht. 

Maya Angelou - Was für immer mir gehört. Im zweiten Teil ihrer insgesamt siebenbändigen Biografie, geht Maya Angelous unglaubliches Leben weiter. Beschreiben kann man dieses eigentlich nicht, sondern man muss einfach erleben, fühlen, mitlachen, mitweinen und einfach bewundern. Denn das war Maya Angelou: eine unglaubliche, eine bewundernswerte Frau, die scheinbar alles sein konnte, weil sie es einfach machte, anstatt groß darüber nachzudenken. Ich freue mich schon sehr im dritten Band ihrem Lebensweg weiter zu folgen. 

Montag, 11. Januar 2021

John Boyne - Die Geschichte eines Lügners

 



Verlag: Piper
Seiten: 432
Erschienen: 11. Januar 2021
Preis: 24 Euro (Ebook: 19.99 Euro)



Maurice Swift hat alles, was man für eine erfolgreiche Karriere benötigt. Er sieht gut aus, ist charmant und kann hervorragend mit Menschen umgehen. Allerdings wird derjenige fündig, der den Haken sucht, denn Swifts größter Traum ist eine Karriere als Schriftsteller, und zu dieser fehlt ihm ein entscheidendes Detail: Talent. Wer glaubt, dass Maurice Swift deswegen aufgibt und seinen Traum begräbt, irrt. Stattdessen nutzt er seine anderen höchst menschlichen Charaktereigenschaften, um seine Autorenkarriere voranzutreiben - und das um jeden Preis.

Und dann ist da eine Geschichte, die man zur Hand nimmt und vor der ersten Seite keine Ahnung hat, was einen erwartet und dann beginnt man zu lesen und weiß bereits nach wenigen Seiten, dass man hier nicht nur etwas Besonderes in den Händen hält, sondern ein absolutes Highlight.
Wie meisterhaft unterhaltsam es John Boyne hier schafft zu erzählen und eine Figur entstehen zu lassen, der man zunächst neugierig gegenüber steht, dann immer misstrauischer wird, eine gewisse Abneigung gegen sie entwickelt, diese Abneigung sich schnell in Abscheu steigert und dann am Ende der Geschichte nur noch hofft, dass er gestoppt wird. Maurice Swift gehört demnach zu den Figuren, denen man sich nicht wirklich freundlich gesinnt ist, doch der Geschichte um ihn herum tut diese Antipathie überhaupt keinen Abbruch, auch dann nicht als Swifts narzisstische Persönlichkeitsstörung radikal zum Ausbruch gebracht wird. Das liegt vor allem an der großartigen Art und Weise, wie "Die Geschichte eines Lügners" erzählt wird. John Boyne lässt nämlich in großen Teilen die Opfer seiner Hauptfigur berichten, nur zum Ende seines Romans erzählt er aus Swifts Perspektive - und lässt ihn ganz zum Schluss als Ich-Erzähler auftreten. Aber gerade bei den Berichten der Opfer beweisen diese, dass sie genau das sind, wonach Maurice Swift auf fanatische Weise - und erfolglos - strebt: talentierte und gute Erzähler*innen, die es verstehen ihre Leser*innen zu fesseln und atemlos zurückzulassen. Und so verlieren genau diese Charaktere ihre angeblichen Nebenfigurenrollen und machen "Die Geschichte eines Lügners" zu diesem besonderen und großartigen Buch, das es schlussendlich geworden ist. Trotzdem bleibt 'Maurice Swift' ein Protagonist, den ich so schnell nicht mehr vergessen werde. Vor allem, weil dieses unsympathische Gefühl, das man ihm gegenüber hegt und das sich sogar in Abscheu steigert, am Anfang der Geschichte als zwiespältig empfindet und man bei der Geschichte seines ersten Opfers sich fragt, was man an seiner Stelle getan hätte. Im weiteren Verlauf des Romans schimmert dann allerdings Swifts Persönlichkeitsstörung immer weiter durch und man wünscht sich fast schon verzweifelt, dass ihm endlich das Handwerk gelegt wird. 
Das Ende des Buches zeigt noch einmal, wie brillant John Boyne die einzelnen Erzählstränge miteinander verwebt, so dass das Ende einen mehr als perfekten Abschluss für eine hervorragende Geschichte darstellt. 
"Die Geschichte eines Lügners" ist ein unglaublich unterhaltsamer und brillant erzählter Roman geworden. Der thematische Hauptgegenstand des Buches mag ein altbekannter sein, doch wie John Boyne, der in den Danksagungen erwähnt, dass ihm ein nicht fiktiver Umstand auf die Idee zu dem Roman gebracht hat, diesen aufarbeitet, ist einfach nur grandios. Die Geschichte unterhält nicht nur, sie wühlt auf, sie macht fassungslos, sehr oft wütend und bietet insgesamt ein unglaubliches Spektrum an Gefühlen und Emotionen, das sie bei ihren Leser*innen auslösen wird. Unbedingt lesen! 

Dienstag, 15. Dezember 2020

Maren Gottschalk - Frida

 



Verlag: Goldmann
Seiten: 416
Erschienen: 31. August 2020
Preis: 22 Euro (Ebook: 17.99 Euro)



Es ist das Jahr 1938, als in New York eine Künstlerin ankommt, deren Name weltberühmt werden sollte. 
In Frida Kahlo tobt ein Gewittersturm, ihre Ehe mit dem berühmten Künstler Diego Rivera scheint am Tiefpunkt angekommen zu sein, doch in New York soll ihre erste Einzelausstellung eröffnet werden und schon kurz nach ihrer Ankunft umringen sie Freunde und Bewunderer ihrer Kunst. In New York trifft Frida auch den Fotografen Nick Muray wieder, für den sie, unabhängig ihrer Ehe mit Diego, schon länger tiefe Gefühle hegte. Die beiden beginnen eine stürmische Affäre, die Frida auch auf ihrem weiteren Weg über Paris bis in ihre Heimat, Mexiko, begleitet. 
Über alles, was sich ihr dabei in den Weg stellt, scheint sie hinwegzusteigen und beweist sich immer wieder als schillernde, beeindruckende und charismatische Persönlichkeit und vor allem als unglaublich talentierte und leidenschaftliche Künstlerin. 

Frida Kahlo war eine beeindruckende und leidenschaftliche Künstlerin, um die sich viele Mythen rankten. Das lag vor allem an ihrer intensiven und unwiderstehlichen Ausstrahlung, ihrer Art sich zu kleiden und auch sich gesellschaftlich zu präsentieren, da sie sich nicht nur im Äußerlichen sehr oft von den Frauen in ihrem unmittelbaren Umfeld abhob und unterschied. Maren Gottschalk widmet sich in ihrem Roman "Frida" einer wichtigen Zeitspanne im Leben der begnadeten Künstlerin Ende der Dreißigerjahre, in denen Fridas Reise von New York nach Paris, dann wieder zurück nach New York und schließlich Richtung Heimat führte. Dabei vermischt die Autorin Realität und Fiktion, und schenkt vor allem dem Schauplatz New York besondere Aufmerksamkeit. In der Stadt, die niemals schläft, legt sich der Grundstein für Frida Kahlos weltweitem Erfolg als Malerin in ihrer ersten Einzelausstellung, in New York beginnt Gottschalks Roman und die Stadt ist zudem Schauplatz der großen Liebe zwischen Frida und dem Fotografen Nick Muray. Grandios erzählt sind in "Frida" zudem die Rückblicke in die meist schmerzhafte Vergangenheit der Hauptfigur, die immer wieder zwischen der Haupterzählung eingestreut werden. Frida Kahlos tragischer Unfall im jugendlichen Alter wird thematisiert, der sie zu einem Leben voller Schmerzen verdammte, die Diagnose der Kinderlähmung, die sie als Kind bekam und der schmerzhafte Verrat der eigenen Schwester und ihres Ehemannes Diego, als sich herausstellt, dass die beiden eine Affäre hatten. Aber auch in die Anfänge ihrer unverwechselbaren Malerei erhalten die Leserinnen und Leser einen Einblick. So entsteht eine fast schon intime Beziehung zur Hauptfigur, die nicht nur durch ihren phänomenalen Charakter imponiert, sondern eine so große Stärke demonstriert, die sich durch die von Maren Gottschalk immer wieder beschriebene Einblicke in Fridas Gefühlswelt noch einmal verdeutlicht. Es mag sein, dass gerade diese Passagen der Fiktion des Romans angehören, doch, wenn man Fridas Wesen als Ganzes kennen lernt, dürften diese nicht sehr weit von der Realität entfernt sein. 
Natürlich wird in "Frida" auch der Kunst der Malerin ausreichend gewürdigt. Was ich in dem Zusammenhang besonders schön fand, wie immer wieder die persönliche Beziehung von Frida Kahlo zu ihren Bildern herausgestellt wurde. Daran erkennt man auch zuletzt ihre wunderbarste Eigenschaft: ihre einzigartige, intensive und leidenschaftliche Art zu lieben. Vor allem ihre Kunst, aber auch die Männer in ihrem Leben, was man besonders schön in den immer wieder abgedruckten Liebesbriefen Frida Kahlos an ihren Ehemann, an Nick und an ihrer Schwester erkennt. Nach der Lektüre von "Frida" recherchierte ich aus diesem Grund, ob es vielleicht sogar eine eigene Sammlung der Liebesbriefe Frida Kahlos gibt und glücklicherweise wurde ich fündig. 
Maren Gottschalk ist ein wunderbar erzähltes Porträt einer einzigartigen Künstlerin gelungen. Besonders schön fand ich abschließend die Erklärung der Autorin bezüglich ihrer Vorgehensweise der Vermischung von Realität und Fiktion: genau das hat Frida Kahlo in ihren Bildern auch gemacht. 
Unbedingt lesen!