Dienstag, 12. Februar 2019

Lesemonat Januar


Besser spät als nie, kommt hier mein Lesemonat Januar. 
Zu Anfang des Jahres habe ich richtig losgelegt und insgesamt zehn Bücher gelesen, wovon eines allerdings eine Graphic Novel war. Insgesamt waren es 3644 Seiten. Die Genres waren - wie immer bei mir eigentlich -  bunt gemischt. 

Begonnen hat der Lesemonat mit dem dritten Teil der für mich großartigen Graphic-Novel Reihe "Paper Girls". Für mich hat sich durch dieses einzigartige Science-Fiction Abenteuer die Welt der Graphic-Novels und Comics etwas mehr geöffnet. Immer öfter ertappe ich mich dabei, wie immer mehr von diesen auf meiner Wunschliste landen. Kein Wunder also, dass die "Paper Girls" der Vorreiter waren. Ich freue mich riesig auf die verbleibenden zwei Teile.

Weiter ging es mit dem zweiten Gedichtband von Rupi Kaur "The sun and her flowers". Wieder einmal ein wunderschöner Beweis, wie viel mit Worten möglich ist. Ich freue mich übrigens sehr darüber, dass immer mehr englische Gedichtbände nun ins Deutsche übersetzt werden, obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass man diese im Original lesen sollte. Aber für die, die es nicht können, ist es eine tolle Möglichkeit ebenfalls in die Welt der Poesie dieser sehr talentierten Frauen einzutauchen. 

Das nächste Buch stand schon lange auf meiner Wunschliste. Ich habe mich sehr auf "Jeder von uns ist ein Rätsel" von A.J. Steiger gefreut und es war auch sicherlich eine tolle Geschichte. Warum das Buch allerdings sich nicht in mein Herz schleichen konnte, erfahrt ihr in meiner Rezension.
"Bird Box" von Josh Malerman lag im Gegensatz schon viel zu lange auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Als nun die Verfilmung nach Netflix kam, habe ich mich entschlossen die Geschichte davon zu befreien und habe es nicht bereut. "Bird Box" ist wahnsinnig spannend, intelligent und intensiv geschrieben. Man fliegt durch die Seiten und manchmal blickt man sich auch verstohlen um, denn war da nicht gerade ein Geräusch?

"Stella" von Takis Würger gehörte zu den Büchern, auf die ich mich 2019 wahnsinnig gefreut habe. Im Nachhinein wird zu viel über dieses Buch geredet, zu viel diskutiert und es somit auch immer wieder in den Mittelpunkt gerückt. Ich finde diesen Rummel hat das Buch nicht verdient, weil es schlichtweg im Endeffekt bloß "nur" eine Liebesgeschichte ist, die mit einem brisanten historischen Stoff ausgestattet wurde. Warum gerade dieser Stoff gewählt wurde und die Geschichte somit zwangsweise in Zusammenhang mit der Figur der "Stella Goldschlag" gebracht wurde, mag der Intention den Autoren überlassen sein. 

Ich traue es mich fast nicht zu schreiben, aber auch das nächste Buch aus dem Lesemonat Januar gehört eher zu den Enttäuschungen des Monats. Leigh Bardugos "Das Lied der Krähen" fande ich großartig. Das Thema, die Figuren, die schlussendliche Umsetzung haben mir so gut gefallen und dementsprechend gespannt war ich auf die Fortsetzung des Zweiteilers "Das Gold der Krähen". Leider muss ich sagen, dass für mich in der Geschichte einfach nichts passiert. Es baut sich nicht wirklich eine Handlung auf und das hat dazu geführt, dass ich nicht nur sehr lange für das Buch gebraucht habe, sondern mich an vielen Stellen auch wirklich quälen musste. Das Ende hat es dann wieder herausgeholt und der alte Krähen Flair hat sich wieder eingestellt. Aber zusammenfassend habe ich mir einfach mehr erhofft.

Das nächste Buch war dann ein echtes Highlight. Meg Wolitzer's "Die Ehefrau" kam wohl auch deswegen auf meine Leseliste, weil die Verfilmung "Die Frau des Nobelpreisträgers" gerade in die Kinos gekommen ist. Aber ich habe es nicht bereut. Wolitzer zeichnet das großartige Portrait einer gescheiterten Ehe, das wahnsinnig unterhaltsam ist. Eine Rezension gibt es auch von mir zu dem Buch. 
Auch "Und es schmilzt" von Liz Spit gehört definitiv zu meinen Highlights aus dem Januar, selbst wenn man für die Geschichte der niederländischen Autorin sehr viel starke Nerven braucht. Übrigens habe ich selten ein so genial konstruiertes Ende einer Geschichte gelesen. Unbedingte Leseempfehlung!

Die Kurzgeschichtensammlung "Cat Person" von Kristen Roupenian geisterte tagelang durch Instagram und die Wirkung trat augenblicklich ein. Ich musste das Buch haben und dann auch sofort lesen und nach der Lektüre kann ich nur sagen: schräg und anders und irgendwie treffend. Die Autorin hält den heutigen zwischenmenschlichen Beziehungen quasi ein Spiegel vor, der sehr gut unterhält.

Und zu guter Letzt: Harry. Mit "Harry Potter und der Halbblutprinz" geht das Reread meiner Lieblingsbücher bereits in die sechste Runde und biegt langsam in den Endspurt ein. Und was soll ich sagen? Großartig, immer und immer wieder. Harry ist Liebe. 

Enttäuschungen, Highlights, schräge Stories und die magische Lieblingsgeschichte. Der Januar konnte einiges. 
Auf geht's in den nächsten Monat. 

Freitag, 25. Januar 2019

Meg Wolitzer - Die Ehefrau





Verlag: Dumont
Seiten: 272
Erschienen: 21. Oktober 2016
Preis 11 Euro (Taschenbuch)






Joan und Joe Castleman scheinen wie das Vorzeigeehepaar aus einer längst vergangenen Zeit. Seit scheinbar Ewigkeiten verheiratet ist er der erfolgreiche Schriftsteller und sie die treu-und fürsorgliche Ehefrau, die immer an der Seite ihres Mannes steht und natürlich auch in einer, zwar nicht handelnden aber doch präsenten Art und Weise an dem beruflichen Erfolg von Joe beteiligt ist.
Ihr Glück scheint den Höhepunkt zu erreichen, als Joe erfährt, dass er den Helsinki-Preis gewonnen hat, ein renommierter und überdies hoch datierter finnischer Literaturpreis. Gemeinsam mit Joan macht sich Joe auf den Weg nach Finnland, um den Preis entgegen zu nehmen und natürlich auch eine Rede zu halten. Auf dem langen Flug in die finnische Hauptstadt beginnt Joan damit ihre bisherige Ehe mit Joe Revue passieren zu lassen. Aus einem anfänglichen Blick in die Vergangenheit wird schnell ein immer mehr zerbröckelndes Bild einer Ehe, die den Großteil ihrer Zeit vor allem eines getan hat: den Schein zu wahren. Joan zeichnet mit sich selbst das Bild einer Ehefrau, die immer nur zurückgesteckt hat und für das Wohl ihres Mannes und in einem Flugzeug hoch über den Atlantik trifft Joan eine folgenreiche Entscheidung...

Es ist immer wieder eine Bereicherung mitzuerleben, wenn es eine Autorin oder ein Autor schafft auf verhältnismäßig wenigen Seiten eine großartige, beeindruckende und intensive Geschichte zu erzählen. Meg Wolitzer ist das mit "Die Ehefrau" gelungen. Auf fast schon nüchterne Art und Weise lernen wir Leser Joan kennen, die die Reise zum wohl größten beruflichen Erfolg ihres Ehemannes nutzt, um ein genauso nüchternes Fazit der gemeinsamen Ehejahre zu ziehen. Dabei beschreibt sie einen gut aussehenden und ehrgeizigen College-Professor und sich selbst als introvertierte Studentin, die noch nicht wirklich viel von der Welt gesehen hat und sich gleich bei der ersten Seminar Sitzung in Joe verliebt. Joe, der zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet und Vater einer Tochter war, erwidert die Avancen seiner Studentin mit anfangs nur ausholenden Komplimenten zu ihren schriftstellerischen Arbeiten, und dann schnell mit dem Beginn einer stürmischen Affäre. Die beiden ziehen nach New York und üben sich darin Joes Schriftsteller Karriere den nötigen Antrieb zu verleihen. Und bereits zu diesem frühen Zeitpunkt ihrer Beziehung beginnt Joan zurückzustecken, sich selbst auf eine weniger wertvolle Position zu setzen, als ihren Ehemann. Rückblickend erzählt versinkt sie dabei zu keinem Zeitpunkt in Selbstmitleid, sondern präsentiert sich als eine kluge Frau voller Persönlichkeit, die das Leben weit von einem ihr vorgesehenen Weg weggetrieben hat. Gerade in der Anfangszeit in der Beziehung zwischen Joan und Joe bekommt man den Eindruck, als versuche Joan ihre eigene persönliche Lebenssituation immer wieder als ein nicht erwartetes Abenteuer zu sehen und das Beste aus der Angelegenheit zu machen.
Nicht nur alle anderen Leserinnen und Leser, sondern wohl gerade auch Ehetherapeuten hätten eine ganz besondere Freude an "Die Ehefrau", denn es ist schon beeindruckend, wie vielschichtig Meg Wolitzer ihre Figuren und die beschriebene Ehe gezeichnet hat. Natürlich ist es immer problematisch, wenn gerade in dieser Art von Plot nur eine Erzählpersektive eingenommen wird und der Leser das Bild von Joe bekommt, das Joan von ihm erstellt. Vorab würde man den Eindruck bekommen, dass der Charakter von Joe bloß einseitig dargestellt wird, umso beeindruckender ist es dann, wenn man herausfindet, dass dies nicht der Fall ist. Joan gibt in ihren Erzählungen dem Leser die Möglichkeit sich ein eigenes Bild von Joe zu machen. Einem Mann, der zwar alle äußerlichen Merkmale eines in die Jahre gekommenen, aber nicht minder erfolgreichen Schriftstellers besitzt, in jederlei Hinsicht allerdings immer noch ein Kind geblieben ist. An fast keiner Stelle nimmt sie Joe gegenüber eine wertende Position ein. Sie behält den größten Teil ihrer Erzählungen die nüchterne Art und Weise bei, die ihren Charakter zu etwas ganz Besonderem macht, und erst, wer zwischen den Zeilen liest, erkennt wirklich, wie es in ihrem Inneren aussieht, wie intensiv es in ihr brodelt und wie sehr sie das Leben, das sie führt, auf den Prüfstand stellt.
Neben den großartigen Figuren in "Die Ehefrau", hat mir auch ganz besonders gut der Aufbau der Handlung gefallen, die am Anfang das perfekte Konstrukt einer Ehe sichtbar macht und im Verlauf diesem Konstrukt immer mehr Risse und Fehler hinzufügt, bis es nicht mehr überraschend kam, dass die Geschichte so endet, wie sie endet und man doch gerade von einer speziellen Wendung überrascht war. 
"Die Ehefrau" ist ein wunderbar konstruiertes, psychologisch anspruchsvolles und sehr unterhaltsames Paradebeispiel einer überaus gelungenen Geschichte geworden. Absolute Leseempfehlung.

Überdies kann ich auch aktuell die ebenfalls sehr gelungene Verfilmung des Romans "Die Frau des Nobelpreisträgers" empfehlen, die momentan in den Kinos läuft. Eine großartige Glenn Close in der Hauptrolle, die die Figur der 'Joan' wirklich und wahrhaftig perfekt ausfüllt. 

Sonntag, 13. Januar 2019

A.J. Steiger - Jeder von uns ist ein Rätsel





Verlag: Carlsen
Seiten: 400
Erschienen: 01. November 2018
Preis: 18 Euro (Ebook: 12.99 Euro)








Die siebzehnjährige Alvie war schon immer anders als ihre Mitmenschen. Sie lässt sich nicht gerne anfassen und generell zieht sie lieber die Gesellschaft von Tieren den Menschen vor. 'Asperger', so haben die Ärzte Alvies Anderssein genannt, doch ihr selbst fällt es schwer etwas mit diesem Begriff anzufangen, weil sie nicht verstehen kann, warum man Abweichungen im gesellschaftlichen Verhalten überhaupt mit irgendetwas bezeichnen muss. 
Alvie fühlt sich wohl in ihrer Wohnung und bei ihrem Job als Tierpflegerin im Zoo, obwohl ihr immer wieder Menschen begegnen, die Alvie ihr abweichendes Verhalten vorwerfen. Doch dann ändert sich plötzlich alles, als Stanley in Alvies Leben tritt. Ein Junge, der in Alvie Gefühle weckt, von denen sie sich sicher war, dass sie sie niemals fühlen würde. Und das gefällt ihr eigentlich überhaupt nicht, da Alvie Veränderungen noch nie gemocht hat. Oder etwa doch?

Der Inhalt von "Jeder von uns ist ein Rätsel" von A.J. Steiger hat mich sofort angesprochen, da ich eine Schwäche für Geschichten habe, die mit besonderen Charakteren einher kommen. Mir gelang es dann auch sehr schnell einen Einstieg in die Geschichte zu finden, da es der Autorin gut gelungen ist Alvies eigentlich sehr schweres Schicksal mit leichten Worten zu beschreiben. Im weiteren Verlauf scheint auch nichts an der Geschichte zu stocken oder den Lesefluss zu beeinträchtigen. Und doch hat mir trotzdem etwas in der Story gefehlt. Es gab keinen Funken, der übergesprungen ist, kein schweres Luftholen, in dem all der Schmerz, den die Figur, von der du gerade liest, empfindet und der in gewisser Weise auf dich übertragen wurde, sich befand. Es gab einfach nicht "das gewisse Etwas", das "Jeder von uns ist ein Rätsel" für mich persönlich zu etwas Besonderem gemacht hätte. Woran das genau lag, kann ich nicht genau benennen, womit dieses Gefühl eher zu den individuellen Empfindungen meinerseits zählt.
Sehr schnell aufgefallen ist mir auch die Tatsache, dass ich keinen Zugang zu 'Alvie' als Figur finden konnte. Etwas, was mir normalerweise leicht fällt, vor allem, wenn die Geschichte aus der Sicht des besonderen Charakters erzählt wird, wie das bei "Jeder von uns ist ein Rätsel" der Fall gewesen ist. Obwohl ich Alvies innere Kämpfe und der Zwiespalt, in dem sie sich immer wieder drängt, hautnahe miterlebt habe, haben sie mich doch irgendwie nicht erreicht. Ich möchte an dieser Stelle mir nicht anmaßen von fehlender oder unzureichender Authentizität zu sprechen, weil ich dafür einfach viel zu wenig informiert bin. Es war wohl einfach eine "höhere Macht", die dazu geführt hat, dass es Alvie und ich nicht auf eine Ebene geschafft haben. Auch die Liebesgeschichte zwischen Alvie und Stanley, die sich während der Lektüre langsam und zart entwickelt, bleibt am Ende leider blass. 
Trotzdem ist "Jeder von uns ist ein Rätsel" keineswegs eine schlechte Geschichte geworden. Wie bereits erwähnt, fällt es nicht schwer viele Seiten dieses Buches mit einer leichten und lockeren Sprache zu lesen und auch die Auflösungen in den jeweiligen Lebensgeschichten der agierenden Protagonisten besitzen einen gewissen Schockeffekt und tragen auch zum Unterhaltungswert der Geschichte bei, aber schlussendlich muss ich zugeben, dass mir die Tiefe gefehlt hat. Etwas, was das Buch in meinem Bewusstsein verankert und immer wieder an das erinnert, was ich beim Lesen gefühlt habe. Das sind aber am Ende alles individuelle Empfindungen, die keineswegs davon abhalten sollten Alvies Geschichte zu lesen, denn jede Geschichte gibt etwas, dem einen mehr, dem anderen weniger. 

Sonntag, 25. November 2018

Gabriel Tallent - Mein Ein und Alles






Verlag: Penguin
Seiten: 480
Erschienen: 24. September 2018
Preis: 24 Euro (Ebook: 18.99 Euro)






Turtle lebt seit dem Tod ihrer Mutter alleine mit ihrem Vater Martin in den einsamen Wäldern Nordkaliforniens in einem Haus, das definitiv seine besten Jahre hinter sich hat. Einzig Turtles Großvater lebt in der Nähe von Vater und Tochter. 
Martin ist ein durchaus intelligenter aber fanatischer Waffennarr, der der festen Überzeugung ist, dass die von Menschen bevölkerte Erde in sehr naher Zukunft ihrem Ende entgegen steuert. Dementsprechend ist Martins Beziehung zu seiner Tochter von Gewalt, Missbrauch und psychischer Unterdrückung geprägt. Schon in jungen Jahren lernt Turtle von ihrem Vater den Umgang mit allen möglichen Waffentypen. Was sie nicht von ihm lernt, ist der Umgang mit ihren Mitmenschen, denen Turtle konsequent aus dem Weg und somit die Zahl ihrer sozialen Interaktionen gegen null geht. 
Doch alles ändert sich an dem Tag, als Turtle Jacob über den Weg läuft. Jacob, der ihr zeigt, dass das Leben einen größeren Raum besitzt, als die Wäldern, in denen Turtle aufgewachsen ist, ihr heruntergekommenes Zuhause und ihren Vater. Doch Martin wird nicht zulassen, dass Turtle diesen Weg geht, denn sie ist sein Ein und Alles...

Von der ersten Seite an hat mich Gabriel Tallents Debütroman "Mein Ein und Alles" überwältigt. Obwohl Turtles Geschichte nicht aus der Ich-Perspektive erzählt wird, baut der Leser mit einer fast schon beängstigenden Geschwindigkeit eine intensive Beziehung zu der Figur auf. Eine Verbindung, die so tief greift, dass es gerade am Anfang der Geschichte schwer fällt die Seiten zu lesen und alles anzunehmen, was die Zeilen hergeben. Die Intensität ist einfach zu hoch. Fast schon körperlich spürt man Turtles inneren Zwiespalt, der sich zwischen einem radikalen Ausbruch aus ihrem Leben und der krankhaften und fast schon fanatischen Hassliebe zu ihrem Vater bewegt. Obwohl ihre Gefühle nie wirklich beschrieben werden, fühlt man als Leser doch so viel und so intensiv zwischen den Zeilen, dass es schon fast Angst macht.
Und während man im ersten Drittel des Romans versucht an Turtles Seite zu sein, egal wie schwer es fällt und man einfach nicht so viele Seiten am Stück lesen kann, kommt irgendwann ein Punkt in der Geschichte, an dem es kein Zurück mehr gibt. Es geschieht etwas Eigenartiges. Ein unglaublicher Sog entsteht, der den Leser plötzlich an das Buch fesselt. Und während man vorher noch schwer weiterlesen konnte und sich fast zwingen musste, ist es nun unmöglich die Geschichte beiseite zu legen, ohne zu wissen, wie sie enden wird. 
Und Turtle, eigentlich fehlen einem fast die Worte angesichts einer so besonderen und starken Protagonistin. Turtle forder die Leserinnen und Leser dieses Buches immer wieder heraus sie nicht zu mögen. Manchmal scheint es fast, als würde sie sie anschreien, was ihnen denn einfallen würde ihre Geschichte zu lesen, doch wir Leser lassen uns davon schwer beeindrucken. Einfach, weil es uns sehr schwer fällt, Turtle nicht zu mögen, ihr nicht anzumerken, dass sie gerade in dem sozialen Umfeld, das nicht ihren Vater mit einschließt, eine Rolle speilt, die sie jahrelang antrainiert bekommen hat und die sie aber genauso verzweifelt wieder loswerden möchte. Und nicht nur einmal möchte man Turtle in den Arm nehmen, um ihr zu zeigen, dass jemand da ist, der sich wirklich um sie sorgt, auch wenn sie es wahrscheinlich nicht zulassen würde.
Gabriel Tallent hat mit "Mein Ein und Alles" etwas Mutiges gewagt. Er erzählt eine Geschichte, in der fast alle Formen der Gewalt eine zentrale Rolle spielen und die manchmal und wahrscheinlich gerade deswegen schwer zu ertragen ist. Gleichzeitig klagt Tallent die fanatische Waffenvernarrtheit der amerikanischen Bevölkerung an und macht deutlich, dass sie unter dem fadenscheinigen Deckmantel des "Schutz suchen", mit dem das Waffengesetz in den USA am meisten rechtfertigt wird, mehr als einmal diejenigen vergessen, die wirklich Schutz benötigen. Das Ende des Romans greift dieses Motiv dann noch einmal auf und lässt es in einer fast schon absurden, aber wohl absichtlich herbeigeführten Doppelmoral aufleuchten. 
"Mein Ein und Alles" ist somit ein rundum gelungenes Kunststück der Gegenwartsliteratur geworden. Eine Geschichte, die einiges abverlangt aber genauso viel wieder zurückgibt. 

Sonntag, 21. Oktober 2018

Buchmesse. Eine Liebeserklärung.

Ach Buchmesse,
erinnerst du dich an deinen Sonntag? Bestimmt erinnerst du dich. 
Sonntags laufen die unzähligen Menschen, die auch schon am Samstag durch deine Hallen und Gänge gewandert sind, noch einmal durch aber dieses Mal mit prall gefüllten Geldbeuteln, um die vielen Schätze, die sie sich am Samstag meistens schon ausgeguckt haben, zu kaufen. Meistens verbringen sie den gesamten Messesamstag damit sich einzureden, dass sie wirklich nur diese drei Bücher, die sie auf ihre Liste gesetzt haben, kaufen würden und kein anderes, weil drei Bücher ja wohl reichen würden. An deinem Sonntag spazieren genau diese Menschen mit einem verstohlenen Blick zum Ausgang, damit auch ja niemandem die riesige Büchertasche auffällt, die sie beim Hereingehen noch nicht dabei hatten. 
Ach Buchmesse,
an deinem Sonntag war meine Schrittzähler App auf meinem Handy wirklich stolz auf mich, denn knapp 20 000 Schritte, also insgesamt vierzehn Kilometer zählt sie wohl auch nur an einigen wundervollen Tagen im Oktober. 
Buchmesse, du bist anstrengend, das steht außer Frage. Klar, an den Fachbesuchertagen kann man sich eigentlich noch ganz entspannt durch deine Hallen hindurch bewegen, doch spätestens am Samstag wird es voll, laut und in diesem Jahr auch noch ungewöhnlich warm. 
Aber weißt du was? Deinen Zauber, der mich nun schon zum vierten Mal hintereinander zu dir geführt hat, wirst du wohl nie verlieren. 
Als wohl größte Buchhandlung der Welt hast du sowieso so viel Magie in dir, dass ich mich nicht wundern würde, wenn an einigen Stellen Funken fliegen würden. Und klar, du bist anstrengend aber es gibt Anstrengungen im Leben, die zu einem so wohligen Gefühl der Zufriedenheit und Wärme führen, dass sie es wert sind jedes Jahr in Angriff genommen zu werden. Natürlich sagt jeder von uns mindestens einmal während der Messezeit:
"Das mache ich nächstes Jahr nicht mehr mit!"
Aber seien wir doch mal ehrlich? Im darauffolgendem Jahr fahren wir wieder mit Begeisterung nach Frankfurt. 
Buchmesse bedeutet nicht nur die größte Buchhandlung der Welt. In Frankfurt treffen wir auf ganze Horden von Autoren, also die Heldinnen und Helden, die uns so vorbehaltlos an ihren großartigen Geschichten teilhaben lassen. Wir dürfen uns von ihnen unsere Bücher signieren und Fotos mit ihnen machen lassen. Vielleicht ist auch das ein oder andere kleine Gespräch möglich. Oder man steht in der Nähe von ihnen irgendwo schüchtern am Rand herum, weil die aufrichtige innere Verehrung dieses Menschen dann doch überwogen hat. Alles ist möglich. Es ist auch möglich einige von ihnen in die Arme zu schließen, weil sie längst zu Freunden geworden sind. 
Und wo wir gerade bei Freunden sind. 
Liebe Buchmesse, 
du gibst uns einen Ort, an dem wir alle vereint sind. Wir Büchermenschen, die genau wissen, wie es ist, wenn die Lieblingsautorin oder der Lieblingsautor ein neues Buch veröffentlicht und wir es mit klopfendem Herzen endlich in den Händen halten dürfen. Wir Büchermenschen, die genau wissen, wie es sich anfühlt, wenn eine Geschichte so überwältigend und großartig erzählt wird, dass man sie in die Welt hinaustragen möchte, damit möglichst viele Menschen sie ebenfalls lesen. 
Kein Wunder, dass bei dir eine immerwährende Verbundenheit zwischen Menschen herrscht, die sich vorher noch nie getroffen haben und dass bei dir Freundschaften geschlossen werden, die das Potenzial haben ein ganzes Leben zu halten. 
Ich weiß, dass du auch nicht nur deine guten Seiten hast, liebe Buchmesse. Dass in den letzten Jahren Verlage und Menschen versuchen rechtes Gedankengut, während deiner Messetage, die doch immer für Vielfalt, für ein buntes und friedliches Miteinander und für Intellektualität stehen, zu vertreiben. Doch ich weiß auch, dass wir mehr sind und dass wir nicht zulassen werden, dass solche Dinge wie Rassismus oder Hass bei dir im Vordergrund stehen. 
Liebe Buchmesse,
ich freue mich schon im nächsten Jahr meinen Schrittrekord noch einmal zu überbieten, wahrscheinlich dieses Mal mit drei heimlich zusammengekauften und von der Liste leicht abgewichenen Büchertaschen in den Armen. Ich kann das Grinsen schon fast nicht mehr erwarten, dass mich immer überkommt, wenn ich das Messegelände zum ersten Mal betrete. Ich freue mich auf deine Autoren im nächsten Jahr, alte und neue und vielleicht auch dieses Mal Benedict Wells, bei dem ich aber wohl eher zu der Fraktion gehören werde, die schüchtern irgendwo am Rand herumsteht und möglicherweise einmal ein heimliches Lächeln riskiert. Ich freue mich sogar darauf, wie mich im jedem Jahr darüber aufzuregen, warum ein gewisser Herr Sebastian Fitzek sein neues Buch eigentlich immer erst kurz nach der Buchmesse veröffentlicht. 
Ich freue mich auf alte und neue Freunde, auf neue Bekanntschaften, auf tolle Gespräche, interessante Veranstaltungen und auf die Bücher, die ich kaufen werde und natürlich auch auf die ungefähr achttausend Bücher, die während und nach der Messe auf meiner Wunschliste landen, denn ein bisschen Vernunft muss ja auch dabei sein.
Ich freue mich auf deine Vielfalt, dein freundliches und friedliches Miteinander und auf deine Menschen. 
Bis nächstes Jahr! 

Dienstag, 9. Oktober 2018

Muriel Spark - Die Blütezeit der Miss Jean Brodie






Verlag: Diogenes
Seiten: 240
Erschienen: 29. August 2018
Preis: 24 Euro (Ebook: 20.99 Euro)







Miss Jean Brodie unterrichtet an einer schottischen Mädchenschule in Edinburgh in den dreißiger Jahren. Mit ihren unkoventionellen Lehrmethoden sorgt die Lehrerin bei dem Rest des Kollegiums immer für ordentlich Gesprächsstoff und die Direktorin der Schule hat nicht nur einmal versucht Miss Brodie irgendetwas zu unterstellen, damit sie diese entlassen kann. 
Doch Miss Brodie lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen und macht unbeeindruckt mit ihren unüblichen Unterricht weiter. Ihr unermüdliches Selbstvertrauen rührt vor allem daher, dass der Großteil von ihren Schülerinnen Miss Brodie über alle Maßen verehren, vor allem eine besondere Gruppe von Mädchen, die sogenannte 'Brodie-Clique', die das Exklusivrecht genießt besonders viel Zeit mit der Lehrerin verbringen zu dürfen. 
Doch ausgerechnet eine dieser besonderen Schülerinnen vollbringt das Unvollstellbare: Sie verrät Miss Brodie an die Direktorin...

"Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" von Muriel Spark erschien erstmals 1961 und wurde nun vom Diogenes Verlag in frischer Aufmachung neu verlegt. Die Geschichte um eine Lehrerin mit unkoventionellen Lehrmethoden an einer schottischen Mädchenschule ist allein schon aus dem Grund etwas Besonderes, weil sie mit den Konventionen und Tabus ihrer zeitlichen Einordnung bricht. Miss Jean Brodie lehrt in den dreißiger Jahren in einem streng katholischen Schottland, in dem junge Mädchen mit Themen wie Liebesbeziehungen oder gar Sexualität normalerweise überhaupt nicht in Berührung kommen. Muriel Spark allerdings erzählt in "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" eine Geschichte, die von diesen Themen geradezu beherrscht wird. Sei es die ständige Thematisierung der Dreiecksgeschichte zwischen Miss Brodie und zwei ihrer männlichen Lehrerkollegen, von denen einer sogar verheiratet ist, oder die ständigen Mutmaßungen über eben diese Dreiecksgeschichte der Schülerinnen der 'Brodie-Clique', die unweigerlich dazu führen, dass sich die jungen Frauen selbst mit ihrer eigenen Sexualität beschäftigen, überall scheint dieses Thema präsent zu sein. 
Zudem ist Miss Brodie selbst eine Figur, die literarisch höchst interessant ist. Ohne den Kontext der eigentlichen Geschichte zu kennen, würde man, als Leser, die Sympathien zunächst einmal vorbehaltlos Miss Brodie übergeben. Schließlich ist es weit verbreitet literarische Figuren, die aus der Rolle fallen, erst einmal zu mögen. Während man in die Handlung eintaucht, ändert sich dieser Eindruck allerdings schnell. Als Erstes wären da Miss Brodies politische Ansichten zu erwähnen. Gegenüber der 'Brodie-Clique' gibt sie offen zu den Faschismus gut zu heißen und bezeichnet die parallel laufende Machtübernahme der Nazis in Deutschland als eine gute Sache. Zudem wird, während die Geschichte ihren Lauf nimmt, deutlich, dass Miss Brodie ihren Schülerinnen und vor allem die 'Brodie-Clique' nicht wirklich als menschliche Wesen, sondern eher als eine formbare Masse ansieht, die sie zuallererst nach ihren Vorstellungen gestalten möchte. Nach ihren eigenen Worten möchte Miss Brodie selbst möglichst viel Einfluss auf das Leben ihrer Schülerinnen nehmen. Auch die Art und Weise wie sie einige der Mädchen beschreibt, lässt nicht gerade positive Gefühle gegenüber dieser Hauptfigur aufkommen. 
Trotz dieses Umstandes fällt mein persönlicher Gesamteindruck von "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" sehr gut aus. Die Geschichte besitzt eine ganz eigene Art von Frische, die sich schwer beschreiben lässt. Auch die ständigen Zeitsprünge in der Erzählung, die mir bei vielen anderen Büchern eher negativ auffallen, haben mir hier gut gefallen und den Lesefluss keinesfalls gestört. 
Außerdem hat Muriel Spark das seltsame Kunststück vollbracht auf eigentlich wenigen Seiten sehr viel Geschichte zu erzählen und das macht das Buch zu etwas ganz Besonderem. 


Dienstag, 11. September 2018

Ursula Poznanski - Thalamus






Verlag: Loewe
Seiten: 448
Erschienen: 13. August 2018
Preis: 16.95 Euro (Ebook: 12.99 Euro)







Nach einem schweren Motorradunfall erwacht der siebzehnjährige Timo nach wochenlangem Koma im Krankenhaus auf. Seine Sprache hat der Teenager, aufgrund seiner schweren Kopfverletzungen, verloren. Ob das ein Dauerzustand oder nur vorübergehend ist, kann niemand genau sagen. Auch seine motorischen Fähigkeiten sind stark eingeschränkt. 
Alles was Timo in diesem Zustand hat sind seine Gedanken, die er allerdings niemandem mitteilen kann. 
Um seine Genesung zu unterstützen, wird Timo nach seinem Klinikaufenthalt in das Rehazentrum 'Markwaldhof' verlegt. Hier sollen die Patienten durch neuartige medizinische Verfahrenstechniken geheilt oder ihr Leben zumindest verbessert werden. Doch im Markwaldhof entdeckt Timo plötzlich Fähigkeiten an sich, die ihm gänzlich neu sind. Dadurch gerät er immer wieder in mysteriöse und immer absurder wirkende Situationen, die er sich selbst nicht erklären kann.
Nur eins steht fest: Irgendetwas Seltsames geht vor in dieser eigentlich renommierten Rehaklinik, nur kann Timo niemandem von seinem Verdacht erzählen. Und dann fängt sein Bettnachbar, der eigentlich im Wachkoma liegt, auch noch an nachts durch die Gegend zu laufen...

Mit "Thalamus" legt Ursula Poznanski einen neuen Jugendthriller vor, der sich gewaschen hat. Die Geschichte über einen Jugendlichen in einer mysteriösen Rehaklinik weit weg von der Zivilisation, ist nämlich nicht nur sehr spannend geschrieben, sondern vereint zudem noch einige Science-Fiction und Gruselelemente in sich, die die Handlung perfekt abrunden. 
Nie wusste man als Leserin oder als Leser wirklich, wohin die Handlung eigentlich führen würde und worin die schlussendliche Auflösung der Geschichte bestand. Diese Auflösung besaß dann zum Schluss noch einmal eine solche Frische, weil ich diese Art der Handlungskonzeption bisher noch nicht kannte, dass sie der Lektüre das ideale Ende bescherte. Sicherlich möchte ich nichts vorweg nehmen, nur noch einmal betonen, dass sich die Autorin hierbei mit einem Thema beschäftigt hat, das zunächst noch wie Science-Fiction klingt aber während man noch darüber nachdenkt immer realer zu werden scheint, was "Thalamus" auch nach Beenden des Buches noch lange in den Köpfen einiger Leser verweilen lassen wird. 
Besonders gut gefallen haben mir Timos nächtliche Kreuzzüge durch die Gänge der Klinik, weil diese zunächst wesentlich zur Auflösung der Geschichte beigetragen haben und einfach weil sie so herrlich spannend und gruselig erzählt wurden. Jedes Mal, wenn der Protagonist Timo die Augen in der Nacht aufgeschlagen hat, wusste man nicht, was als Nächstes passieren würde, weil tatsächlich die Möglichkeit bestand, dass alles passieren konnte. Gerade beim nächtlichen Lesen im eigenen heimischen Bett konnte es durchaus passieren, dass man sich, während des Lesens, rechts und links verstohlen umsah, wenn der Grusel überhand nahm. 
Eine ebenfalls lobenswerte Erwähnung müssen unbedingt die Charaktere in Poznanskis Geschichte erfahren. Zunächst einmal wirken sie alle so unglaublich sympathisch, sowohl der Protagonist als auch die Nebenfiguren. Die Patienten in Timos Alter nehmen diesen herzlich in ihrer Gemeinschaft auf, obwohl er das ganz offensichtliche Sprachdefizit aufweist und somit ist Timo sofort integriert. Genau dieser Punkt trägt dann auch wesentlich zum Handlungsverlauf bei und wird sogar am Ende des Buches noch einmal so intensiv umgekehrt, dass Grusel und Spannung ihren Höhepunkt. Sicherlich trägt auch die Erzählweise sein Übriges bei, da wir, als Leserinnen und Leser, die gesamte Handlung bloß Timos Gedanken folgen und uns immer nur seine Perspektive gegeben ist. 
"Thalamus" ist ein Jugendthriller geworden, der alles aufweist, was man von ihm erwartet und an vielen Stellen sogar darüber hinausgeht. Eine Lektüre, die man sicherlich nicht bereuen wird.