Montag, 11. Januar 2021

John Boyne - Die Geschichte eines Lügners

 



Verlag: Piper
Seiten: 432
Erschienen: 11. Januar 2021
Preis: 24 Euro (Ebook: 19.99 Euro)



Maurice Swift hat alles, was man für eine erfolgreiche Karriere benötigt. Er sieht gut aus, ist charmant und kann hervorragend mit Menschen umgehen. Allerdings wird derjenige fündig, der den Haken sucht, denn Swifts größter Traum ist eine Karriere als Schriftsteller, und zu dieser fehlt ihm ein entscheidendes Detail: Talent. Wer glaubt, dass Maurice Swift deswegen aufgibt und seinen Traum begräbt, irrt. Stattdessen nutzt er seine anderen höchst menschlichen Charaktereigenschaften, um seine Autorenkarriere voranzutreiben - und das um jeden Preis.

Und dann ist da eine Geschichte, die man zur Hand nimmt und vor der ersten Seite keine Ahnung hat, was einen erwartet und dann beginnt man zu lesen und weiß bereits nach wenigen Seiten, dass man hier nicht nur etwas Besonderes in den Händen hält, sondern ein absolutes Highlight.
Wie meisterhaft unterhaltsam es John Boyne hier schafft zu erzählen und eine Figur entstehen zu lassen, der man zunächst neugierig gegenüber steht, dann immer misstrauischer wird, eine gewisse Abneigung gegen sie entwickelt, diese Abneigung sich schnell in Abscheu steigert und dann am Ende der Geschichte nur noch hofft, dass er gestoppt wird. Maurice Swift gehört demnach zu den Figuren, denen man sich nicht wirklich freundlich gesinnt ist, doch der Geschichte um ihn herum tut diese Antipathie überhaupt keinen Abbruch, auch dann nicht als Swifts narzisstische Persönlichkeitsstörung radikal zum Ausbruch gebracht wird. Das liegt vor allem an der großartigen Art und Weise, wie "Die Geschichte eines Lügners" erzählt wird. John Boyne lässt nämlich in großen Teilen die Opfer seiner Hauptfigur berichten, nur zum Ende seines Romans erzählt er aus Swifts Perspektive - und lässt ihn ganz zum Schluss als Ich-Erzähler auftreten. Aber gerade bei den Berichten der Opfer beweisen diese, dass sie genau das sind, wonach Maurice Swift auf fanatische Weise - und erfolglos - strebt: talentierte und gute Erzähler*innen, die es verstehen ihre Leser*innen zu fesseln und atemlos zurückzulassen. Und so verlieren genau diese Charaktere ihre angeblichen Nebenfigurenrollen und machen "Die Geschichte eines Lügners" zu diesem besonderen und großartigen Buch, das es schlussendlich geworden ist. Trotzdem bleibt 'Maurice Swift' ein Protagonist, den ich so schnell nicht mehr vergessen werde. Vor allem, weil dieses unsympathische Gefühl, das man ihm gegenüber hegt und das sich sogar in Abscheu steigert, am Anfang der Geschichte als zwiespältig empfindet und man bei der Geschichte seines ersten Opfers sich fragt, was man an seiner Stelle getan hätte. Im weiteren Verlauf des Romans schimmert dann allerdings Swifts Persönlichkeitsstörung immer weiter durch und man wünscht sich fast schon verzweifelt, dass ihm endlich das Handwerk gelegt wird. 
Das Ende des Buches zeigt noch einmal, wie brillant John Boyne die einzelnen Erzählstränge miteinander verwebt, so dass das Ende einen mehr als perfekten Abschluss für eine hervorragende Geschichte darstellt. 
"Die Geschichte eines Lügners" ist ein unglaublich unterhaltsamer und brillant erzählter Roman geworden. Der thematische Hauptgegenstand des Buches mag ein altbekannter sein, doch wie John Boyne, der in den Danksagungen erwähnt, dass ihm ein nicht fiktiver Umstand auf die Idee zu dem Roman gebracht hat, diesen aufarbeitet, ist einfach nur grandios. Die Geschichte unterhält nicht nur, sie wühlt auf, sie macht fassungslos, sehr oft wütend und bietet insgesamt ein unglaubliches Spektrum an Gefühlen und Emotionen, das sie bei ihren Leser*innen auslösen wird. Unbedingt lesen! 

Dienstag, 15. Dezember 2020

Maren Gottschalk - Frida

 



Verlag: Goldmann
Seiten: 416
Erschienen: 31. August 2020
Preis: 22 Euro (Ebook: 17.99 Euro)



Es ist das Jahr 1938, als in New York eine Künstlerin ankommt, deren Name weltberühmt werden sollte. 
In Frida Kahlo tobt ein Gewittersturm, ihre Ehe mit dem berühmten Künstler Diego Rivera scheint am Tiefpunkt angekommen zu sein, doch in New York soll ihre erste Einzelausstellung eröffnet werden und schon kurz nach ihrer Ankunft umringen sie Freunde und Bewunderer ihrer Kunst. In New York trifft Frida auch den Fotografen Nick Muray wieder, für den sie, unabhängig ihrer Ehe mit Diego, schon länger tiefe Gefühle hegte. Die beiden beginnen eine stürmische Affäre, die Frida auch auf ihrem weiteren Weg über Paris bis in ihre Heimat, Mexiko, begleitet. 
Über alles, was sich ihr dabei in den Weg stellt, scheint sie hinwegzusteigen und beweist sich immer wieder als schillernde, beeindruckende und charismatische Persönlichkeit und vor allem als unglaublich talentierte und leidenschaftliche Künstlerin. 

Frida Kahlo war eine beeindruckende und leidenschaftliche Künstlerin, um die sich viele Mythen rankten. Das lag vor allem an ihrer intensiven und unwiderstehlichen Ausstrahlung, ihrer Art sich zu kleiden und auch sich gesellschaftlich zu präsentieren, da sie sich nicht nur im Äußerlichen sehr oft von den Frauen in ihrem unmittelbaren Umfeld abhob und unterschied. Maren Gottschalk widmet sich in ihrem Roman "Frida" einer wichtigen Zeitspanne im Leben der begnadeten Künstlerin Ende der Dreißigerjahre, in denen Fridas Reise von New York nach Paris, dann wieder zurück nach New York und schließlich Richtung Heimat führte. Dabei vermischt die Autorin Realität und Fiktion, und schenkt vor allem dem Schauplatz New York besondere Aufmerksamkeit. In der Stadt, die niemals schläft, legt sich der Grundstein für Frida Kahlos weltweitem Erfolg als Malerin in ihrer ersten Einzelausstellung, in New York beginnt Gottschalks Roman und die Stadt ist zudem Schauplatz der großen Liebe zwischen Frida und dem Fotografen Nick Muray. Grandios erzählt sind in "Frida" zudem die Rückblicke in die meist schmerzhafte Vergangenheit der Hauptfigur, die immer wieder zwischen der Haupterzählung eingestreut werden. Frida Kahlos tragischer Unfall im jugendlichen Alter wird thematisiert, der sie zu einem Leben voller Schmerzen verdammte, die Diagnose der Kinderlähmung, die sie als Kind bekam und der schmerzhafte Verrat der eigenen Schwester und ihres Ehemannes Diego, als sich herausstellt, dass die beiden eine Affäre hatten. Aber auch in die Anfänge ihrer unverwechselbaren Malerei erhalten die Leserinnen und Leser einen Einblick. So entsteht eine fast schon intime Beziehung zur Hauptfigur, die nicht nur durch ihren phänomenalen Charakter imponiert, sondern eine so große Stärke demonstriert, die sich durch die von Maren Gottschalk immer wieder beschriebene Einblicke in Fridas Gefühlswelt noch einmal verdeutlicht. Es mag sein, dass gerade diese Passagen der Fiktion des Romans angehören, doch, wenn man Fridas Wesen als Ganzes kennen lernt, dürften diese nicht sehr weit von der Realität entfernt sein. 
Natürlich wird in "Frida" auch der Kunst der Malerin ausreichend gewürdigt. Was ich in dem Zusammenhang besonders schön fand, wie immer wieder die persönliche Beziehung von Frida Kahlo zu ihren Bildern herausgestellt wurde. Daran erkennt man auch zuletzt ihre wunderbarste Eigenschaft: ihre einzigartige, intensive und leidenschaftliche Art zu lieben. Vor allem ihre Kunst, aber auch die Männer in ihrem Leben, was man besonders schön in den immer wieder abgedruckten Liebesbriefen Frida Kahlos an ihren Ehemann, an Nick und an ihrer Schwester erkennt. Nach der Lektüre von "Frida" recherchierte ich aus diesem Grund, ob es vielleicht sogar eine eigene Sammlung der Liebesbriefe Frida Kahlos gibt und glücklicherweise wurde ich fündig. 
Maren Gottschalk ist ein wunderbar erzähltes Porträt einer einzigartigen Künstlerin gelungen. Besonders schön fand ich abschließend die Erklärung der Autorin bezüglich ihrer Vorgehensweise der Vermischung von Realität und Fiktion: genau das hat Frida Kahlo in ihren Bildern auch gemacht. 
Unbedingt lesen! 

Montag, 14. Dezember 2020

John Niven - Die F*ck-it-Liste





Verlag: Heyne Hardcore
Seiten: 320
Erschienen: 12. Oktober 2020
Preis: 22 Euro (Ebook: 15.99 Euro)







Die USA in der nahen Zukunft. Nachdem Donald Trump zwei Amtszeiten durchregiert hat, wurde mit einer überwältigenden Mehrheit seine Tochter Ivanka Trump ins Präsidentenamt gewählt. Die einst Vereinigten Staaten von Amerika sind tief gespalten und mit einer Demokratie hat dieses Land schon lange nichts mehr zu tun. In dieser bedrückenden Atmosphäre erhält der ehemalige Journalist und Chefredakteur Frank Brill eine niederschmetternde Diagnose: Krebs im Endstadium. Doch anstatt in Selbstmitleid und Trauer zu vergehen und den Schock der Diagnose zu verarbeiten, sieht Frank in dieser Nachricht eine Chance. Die Chance einen schon lang gefassten Plan in die Tat umzusetzen...und eine Liste abzuarbeiten...

Noch vor kurzer Zeit schien das fiktive Ausgangsszenario von "Die F*ck-it-Liste", aus der Feder von John Niven durchaus realistisch. Wer weiß schließlich, wie es mit den USA weiter gegangen wäre, wenn es Donald Trump tatsächlich zu einer zweiten Amtszeit geschafft hätte? Da wir uns darüber im wahren Leben nun keine Sorgen mehr machen brauchen, fällt es umso leichter in John Nivens Zeichnung eines fast schon dystopischen Amerikas abzutauchen, in dem er genau das Wirklichkeit werden lässt. Die Amerikaner werden dazu aufgerufen sich jederzeit und überall zu bewaffnen, Abtreibungen sind verboten und werden unter Strafe gestellt, fast jeden Tag scheinen Meldungen von neuen Amokläufen aufzutauchen, Einwanderer, die in Arbeitslagern eingesperrt werden und die Sterblichkeitsrate schießt in die Höhe, weil es immer mehr verzweifelte Frauen gibt, bei denen illegale Abtreibungen vorgenommen werden und die währenddessen oder kurz danach verbluten. In Zusammenhang mit John Niven's "Die F*ck-it-Liste" taucht immer wieder der Begriff 'Satire' auf, doch satirisch ist eigentlich nur die Verwandlung der Hauptfigur vom kleinstädtischen Bürger, der sich noch nie etwas hat zu schulden kommen lassen zum Wild-West-Revolvermann, der genau diese Verwandlung überhaupt vollbringen konnte, weil es sowohl in den von John Niven kreierten Vereinigten Staaten von Amerika, als auch in den realen USA so einfach ist an Waffen und Munition zu kommen, wie noch einmal eben nach Feierabend zwei Liter Milch kaufen zu gehen. Wenn man dieses Buch liest, erscheint es einem einfach: die Handlung ist schlüssig, es ist einfach zu lesen und vielleicht zwischendurch sogar etwas plump, doch es steht so viel zwischen John Nivens Zeilen. Sein Buch ist eine gewaltige Anklage, ein Fingerzeig, ein Spiegel der Gesellschaft, der endlos erscheint, ein so unglaublich eindringlicher Appell an ein Land, das sich gerne als 'freistes Land der Welt' bezeichnet und das sich auf einen gefährlichen Weg begeben hat. 
Und das zu sagen, was John Niven zu sagen hat, das macht er auf großartige Weise, in dem er immer nur ein Stück der Geschichte von Frank Brill, seiner Hauptfigur, vor seinen Leserinnen und Lesern ausbreitet. Immer nur ein kleines bisschen, das einem allerdings umso heftiger den Atem stocken lässt. Das macht er so großartig, weil er immer wieder Wendungen in die Geschichte einbaut, die dann doch fast wieder ein wenig satirisch anmuten und sogar das ein oder andere Mal zum Schmunzeln verleiten. Und das macht er so großartig, weil am Ende seiner Geschichte der absolute Höhepunkt wartet. Der Beweis, das sich bloß eine scheinbar harmlose Entscheidung in etwas nicht mehr Kontrollierbares verwandeln kann. Und wo das große Problem in der Politik und auch der Demokratie liegt. 
Lasst euch also nicht von einer scheinbar vorhersehbaren Handlung täuschen. John Niven's Geschichte kann sehr viel mehr, als sie auf dem ersten Blick zu zeigen scheint. Und sie ist verdammt wichtig. 

Mittwoch, 4. November 2020

Ava Reed- Wenn ich die Augen schließe

 



Verlag: Loewe
Seiten: 320
Erschienen: 08. Oktober 2020
Preis: 14.95 Euro (Ebook: 11.99 Euro)









Die frühen Morgenstunden, eine dunkle Straße, ein voll besetztes und viel zu schnelles Auto und plötzlich ein ohrenbetäubender Knall.
Norah und ihre Freunde sind auf dem Rückweg von einer Party, als das Auto in einem Wildunfall verwickelt wird und von der Straße abkommt. Weil Norah als Einzige nicht angeschnallt war, verletzt sie sich am schwersten und wird in ein künstliches Koma versetzt. Als sie wieder daraus erwacht, sind ihre Eltern und ihre kleine Schwester Lu unendlich dankbar, doch bald schon wundern sie sich auch, als Norah ausgerechnet kurz nach ihrem Aufwachen nach Sam fragt, ihrem Kindheitsfreund, mit dem sie zusammen aufgewachsen ist. Denn eigentlich reden Norah und Sam schon eine ganze Weile nicht mehr miteinander...

Stell dir vor, dir fällt eine Geschichte vor die Füße, die zunächst schnell erzählt zu sein scheint, die du glaubst zu durchschauen und zu wissen, was kommt, doch dann verwandelt sie sich in etwas völlig anderes. 
Ava Reed's neuer Jugendroman "Wenn ich die Augen schließe" beginnt wie vor ihm wohl schon hunderte Jugendromane oder -filme begonnen haben. Ein genervter Teenager, der es nicht erwarten kann von zu Hause zu verschwinden, um mit seinen Freunden auf die Party des Jahres zu gehen. Ein toller Abend, eine durchgefeierte Nacht, der Nachhauseweg, der in einer Katastrophe endet. Schon hier beginnt "Wenn ich die Augen schließe" vom Stereotypischen abzuweichen, denn die Norah, die im Krankenhaus aus dem künstlichen Koma erwacht, ist ein völlig anderer Mensch, als die Norah, die noch vor kurzer Zeit genervt ihre kleine Schwester aus ihrem Zimmer geschmissen hat. Es scheint, als sei ihr gesamtes inneres Wesen durchgeschüttelt worden und die einzelnen Teile liegen verstreut herum. Dass Norah dazu auch noch teilweise an einer Amnesie leidet und auch einzelne Gefühle und Empfindungen überhaupt nicht mehr empfindet oder nicht mehr zuordnen kann, macht das Ganze sicherlich nicht einfacher. Doch sie ist sich sicher, dass Sam ihr würde helfen können, denn schon ihr gesamtes Leben haben die beiden doch irgendwie alles zusammen geschafft. Als Norah aber erfährt, dass Sam und sie schon seit einiger Zeit nicht mehr miteinander reden und schon gar nicht mehr befreundet sind, kann sie das nicht glauben. Sie fragt sich, was für ein Mensch sie vor dem Unfall gewesen und vor allem was zwischen Sam und ihr vorgefallen ist. 
Ava Reed erzählt hier in ihrer gewohnten und intensiven Feinfühligkeit, aber auch mit einer gewissen Raffinesse, denn erst ganz langsam wird die gesamte tragische Weite ihrer Geschichte vor den Leserinnen und Lesern ausgebreitet. Auch ich habe gedacht, dass sich die gesamte Geschichte eigentlich um Norahs Unfall dreht, doch während des Lesens wird deutlich, dass sie eigntlich nur der Auslöser für eine ganze Kette von Ereignissen war, die danach ihren Lauf nahmen. 
"Wenn ich die Augen schließe" ist eine wichtige und berührende Geschichte über Mobbing. Über die Opfer, über die Täter, die in ganz verschiedenen Formen auftreten, über die Hintergründe, über die Folgen und über die Ausmaße, die gerade im Internetzeitalter erschreckende Formen annehmen. Ava Reed lässt in ihrem Roman alle zu Wort kommen, sie beleuchtet dieses wichtige und schwierige Thema von allen Seiten und hätte vielleicht sogar noch ein paar Seiten dran hängen können. Weil wir doch alle irgendwie schon einmal in unserem Leben mit Mobbing in Berührung gekommen sind oder vielleicht sogar immer noch in Berührung kommen. "Wenn ich die Augen schließe" ist somit auch ein Appell, dass es wichtig ist über dieses Thema zu sprechen und es präsent zu halten, um Täter zu identifizieren und um Opfer zu helfen aus ihrer Rolle auszubrechen. Eigentlich um beiden Positionen zu helfen aus ihren Rollen auszubrechen und überhaupt um Hilfe zu bitten. 
Auch wenn "Wenn ich die Augen schließe" einen ernsten und wichtigen Hintergrund hat, war es für mich auch eine Art Wohfühlgeschichte. Weil die Autorin ein Talent hat Schauplätze und einige Nebencharaktere wohlig und sympathisch zu zeichnen, dass man sie irgendwie auch gerne in seinem Leben hätte. Und auch die krasse Wandlung der Hauptfigur vor und nach dem Unfall fand ich sehr gelungen. Erstens, weil ich die Norah davor sowieso nicht gut leiden konnte und zweitens, weil der Mensch zu dem sie nach dem Unfall wurde eigentlich nur eine Fortsetzung des Menschen war, der sie mal gewesen ist und der auch immer noch in ihr steckte. 
Ava Reed's neuer Jugendroman verlässt ziemlich schnell das Stereotypische und wird zu einer tiefer greifenden und wichtigen Geschichte über Mobbing, über die Frage, was für ein Mensch man sein will und was im Leben am meisten zählt. Sehr gelungen und intensiv erzählt. 

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Holly Bourne - War's das jetzt?


 


Verlag: dtv-bold
Erschienen: 18. September 2020
Seiten: 416
Preis: 16.90 Euro (Ebook: 14.99 Euro)






Es gibt Situationen, da möchte man in Bücher hineinklettern, man möchte auf geradem Weg zur Hauptfigur marschieren und diese einmal ordentlich durchschütteln, und wenn man diesen Impuls gleich mehrmals hintereinander hat, dann könnte es durchaus sein, dass man es mit "War's das jetzt?" von Holly Bourne zu tun hat. Und das ist keine überspitzte Formulierung, denn Holly Bournes Roman über ihre Hauptfigur Tori, die im äußeren Schein ein Bilderbuchleben in London führt, als über die Landesgrenzen hinaus erfolgreiche Schriftstellerin und in einer glücklichen Langzeitbeziehung befindend, ist eine Herausforderung. 
"War's das jetzt?", das war eine Hassliebe auf der ersten Seite und mir fiel es wahrscheinlich noch nie so schwer ein Buch am Ende wirklich zu bewerten, denn wie fand ich 'War's das jetzt?" eigentlich? Auf der einen Seite ist da mein ständiger Zwiespalt mit der Protagonistin, auf der anderen Seite allerdings das Gefühl komplett in dem Roman versunken zu sein, und ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen. Aber erst einmal der Reihe nach:
Der Inhalt in "War's das jetzt?' ist schnell abgerissen. Es geht um Tori, die in London zusammen mit ihrem Freund Tom in einer Eigentumswohnung lebt. In den Zwanzigern schrieb Tori eine Art Selbstfindungsbuch, das zu einer Bibel für ihre Fangemeinschaft geworden ist und von dem sie auch, mittlerweile kurz vor ihrem 32. Geburtstag, immer noch gut leben kann. Toris beste Freundin heißt Dee, zu Beginn der Geschichte ein chronischer Langzeitsingle, die mit allerlei Datingkatastrophen aufwarten kann und mit der Tori die gleichen Dinge verabscheut, wie Babyparties oder pompöse Hochzeiten in der Natur der Londoner Vororte, bis Dee auf genau einer solcher Hochzeiten plötzlich ihrem Traummann begegnet und ihr Leben eine komplette Wendung nimmt.
Holly Bourne baut ganz bewusst Toris Leben als eines auf, auf das man neidisch sein muss, denn äußerlich scheint Tori alles zu haben, doch zu Beginn des Buches wird schnell deutlich, dass sie eines am besten kann: eine Rolle spielen. Ganz schnell zerbricht die Fassade eines perfekten Lebens und offenbart einiges, was dahinter liegt. Toris beruflicher Erfolg entpuppt sich als laufendes One-Hit-Wonder, denn seit ihrem ersten Buch, das mittlerweile einige Jahre auf dem Buckel hat, hat Tori nichts mehr geschrieben, als Pseudo-Weisheiten bei ihren Signierstunden in einer Widmung, und das Schlimme daran: Sie hat auch keine Idee, ihr Kopf scheint wie leergefegt. 
Und wenn man Tori in ihrer Langzeitbeziehung mit Tom als 'unsicher' bezeichnen würde, wäre das sehr weit untertrieben, denn sie zittert vor Angst. Mit einer unglaublich tief sitzenden Angst davor verlassen und - wohlgemerkt - nicht davor ihren Freund zu verlieren, sondern mit Anfang 30 wieder Single und alleine zu sein, merkt Tori nicht, dass sie sich in einer fast schon nicht mehr zu ertragenden toxischen Beziehung befindet. Das, was Tom jahrelang mit seiner Freundin anstellt, ist emotionale Erpressung der schlimmsten Sorte, die in 'Sexszenen' gipfelt, die an sexuellen Missbrauch grenzen. Diese Szenen der Beziehung konnte ich emotional fast nicht mehr stemmen und musste das Buch weglegen. Ich war enttäuscht, wütend, traurig und empfand entsetzliches Mitleid mit Tori, vor allem, weil sie in ihrem ständigen Wahn ihr perfektes Leben der Außenwelt zu präsentieren sich selbst ihrer Familie und ihrer besten Freundin nicht anvertraut und Tom weiterhin als 'idealen Mann' darstellt.
Holly Bourne schreibt ihren Roman auf so unfassbar ehrliche Art und Weise, dass es weh tut. Es gab Szenen, in denen ich Tori und ihr Handeln auf's Innerste nicht verstanden habe und dann wiederum gab es Situationen, in denen ich mich fast ertappt fühlte, weil ich es so nachvollziehen konnte, wie sie sich fühlte und handelte. Ertappt gefühlt habe ich mich ebenfalls an den Stellen, an denen Holly Bourne mit den Sozialen Medien abrechnet und der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. 
Und obwohl ich nach der Lektüre von "War's das jetzt?" kilometerweit entfernt davon war mich glücklich und zufrieden zu fühlen, sondern eher eine tiefe Traurigkeit empfand, war ich doch froh das Buch gelesen zu haben. Holly Bourne hat nicht nur ein unglaubliches Talent dafür mit Worten zu entblößen, sondern schreibt über Themen, die sehr wichtig sind und gerade in Romanen viel zu wenig zur Sprache kommen. Deswegen ist "War's das jetzt?" irgendwie auch eine Art Selbstfindungsbuch, denn genau wie die Hauptfigur Tori rechnet man auch ein wenig mit sich selbst ab, fühlt sich entlastet von der Gesellschaft vorgegebenen Zwangsvorstellungen und reflektiert das eigene Leben. Und das ist manchmal schmerzhaft, aber auch unglaublich befreiend. 

Sonntag, 27. September 2020

Sally Rooney - Normale Menschen

 



Verlag: Luchterhand
Seiten: 320
Erschienen: 17. August 2020
Preis: 20 Euro (Ebook: 15.99 Euro)







Stellt euch vor, ihr lernt zwei Menschen kennen, die unglaublich gut zueinander passen, die sich ergänzen und scheinbar in- und auswendig kennen, auf die jeder - eigentlich normalerweise nervige - Kalenderspruch wie 'jeder Topf hat seinen Deckel' zu passen scheint, und dann merken diese beiden Menschen nicht, wie sehr sie sich in dem jeweils anderen wiederfinden und wie perfekt sie füreinander sind. 
Und schon sind wir mittendrin in Sally Rooneys Roman "Normale Menschen", in der die Autorin von einer Liebesgeschichte erzählt, die aus dem Leben gegriffen zu sein scheint. Wenn man etwas jemals als zeitgenössische Literatur bezeichnen kann, dann dieses Buch.
Es begann ganz unschuldig in der Küche eines viel zu großen Hauses, das mit seiner Ausstattung Außenstehenden sofort klar machen will, dass in diesem Haus das Geld reichlich vorhanden ist, in einer irischen Kleinstadt. Marianne und Connell gehen zusammen zur Schule und damit enden auch schon ihre Gemeinsamkeiten. Es ist nicht nur, dass beide aus völlig verschiedenen Gesellschaftsschichten kommen: Während Marianne das große protzige Haus, in denen sich die beiden Hauptfiguren zum ersten Mal bewusst wahr nehmen, ihr Zuhause nennt, kommt Connell eher daher, was man im allgemeinen Sprachgebrauch wohl 'untere Mittelschicht' bezeichnen würde. Und während Connell der allseits beliebte, mit vielen befreundete und mit noch mehr gut bekannte, Typ ist, ist Marianne dagegen eine krasse Außenseiterin. Doch bei ihrer ersten Unterhaltung entdecken beide, dass viel mehr in den jeweils anderen steckt, als sie vorher geahnt haben, und die Geschichte der beiden beginnt.

Erzählt wird in "Normale Menschen" auf ganz besondere Art und Weise. Wir begleiten Marianne und Connell in bestimmten Zeitabschnitten ihres Lebens, was dazu führt, dass sich ihre Geschichte über mehrere Jahre vor den Leserinnen und Lesern ausbreitet. Durch diesen Erzählstil lässt Sally Rooney sehr viel Raum offen für Interpretationen, da durch die Zeitsprünge vieles vorher Geschehene nicht weiter ausgeführt wird. Dieser Intepretationsraum lässt die Handlung immer unvorhersehbar erscheinen, da man sich teils mit freudigem und teils mit bangem Gefühl fragt, was in der Zwischenzeit passiert sein könnte. Und auch Sally Rooneys Schreibstil hebt sich von bisher Gekanntem ab. Auffällig und ungewöhnlich ist, dass sie die Anführungszeichen vor der wörtlichen Rede weglässt. So allerdings fesselt sie ihre Leserinnen und Leser an ihre Geschichte, denn, wenn man jedes Mal die-oder denjenigen ausfindig machen muss, der gesprochen hat, wird man nicht dazu verführt Abschnitte in der Geschichte querzulesen, sondern sich intensiv mit dem Geschriebenen auseinander zu setzen. 

Aber auch ohne dieses erzählerische Stilmittel ist es fast nicht möglich sich von "Normale Menschen" nicht fesseln zu lassen, denn was für eine unfassbare und intensive Tiefe Sally Rooney ihren beiden Hauptfiguren eingehaucht hat, das ist schon beeindruckend. In der gesamten Geschichte wirken Marianne und Connell immer ein wenig so, als würden sie über den anderen Menschen in ihrem Leben stehen. Sie setzen sich mit einer unglaublichen Intensität mit ihrem eigenen Leben und Themen, die ihre Mitmenschen in ihrem Alter noch oder überhaupt nicht interessieren, auseinander und heben ihren Blick weit über den Tellerrand hinaus. Auf der anderen Seite allerdings wirken sie in ihrem Verhalten sich und einander gegenüber teilweise kindlich und oft auch selbstzerstörerisch, was teilweise aber auch an ihren persönlichen Hintergründen liegt. Connell, der anfangs symapthische und beliebte Typ aus der Schule, zeigt bald, dass er beinahe schon verzweifelt seinen Platz im Leben sucht und einfach nicht fündig wird. Auf der einen Seite möchte er unebdingt dazugehören, fühlt sich aber auf der anderen Seite seinen Mitmenschen überhaupt nicht zugehörig und gerade das Verhalten seiner Freunde auf der Schule gegenüber Marianne, widert ihn an. Marianne, anfangs die krasse Außenseiterin in der Schule, die allerdings wenig Probleme mit dieser Rolle hat, scheint es überhaupt nicht zu interessieren, was ihre Mitmenschen über sie denken. Bald allerdings wird deutlich, dass sie auf der verzweifelten Suche nach Liebe ist und nach jeder weiteren Zurückweisung jeglicher Art ihren eigenen Wert immer mehr in Frage stellt. 
Mariannes und Connells Geschichte, die Wegpunkte, an denen sich ihre Leben berühren sind durchzogen von Missverständnissen aller Art, woran man auch merkt, wie jung sie noch sind und wie nahe an der Realität Sally Rooneys Roman ist. Denn man findet in "Normale Menschen" alles über das Erwachsenwerden: Liebe Freundschaft, Sex, Zurückweisung, Füreinander da sein und die scheinbar endlose Suche nach dem eigenen Ich und dem Platz im Leben. 
Und dann ist da noch diese große Liebesgeschichte zweier Menschen, von der man auf jeder Seite hofft und bangt, dass sie am Ende doch noch zueinander finden. 

Mittwoch, 23. September 2020

Erin Morgenstern - Das sternenlose Meer



Verlag: Blessing
Seiten: 640
Erschienen: 25. Mai 2020
Preis: 22 Euro (Ebook: 17.99 Euro)




Wir betreten die Bibliothek irgendeiner amerikanischen Universität. Draußen ist es kalt und erste Schneeflocken fliegen in der Dämmerung an den großen Fenstern der Bibliothek vorbei. In einer besonders verwinkelten Ecke treffen wir auf einen jungen Mann namens Zachary. Neben ihm steht ein großer wackliger Bücherstapel, und vor ihm noch ein weiterer. Sofort wird klar, Zachary liebt Bücher, doch gerade blättert er mit großen glänzenden Augen in bloß einem einzigen Buch. Schon auf dem ersten Blick unterscheidet es sich von den anderen Büchern in der Bibliothek und auch, dass es ohne Signatur ist, macht es noch ein bisschen mysteriöser, doch das größte Geheimnis soll Zachary erst später herausfinden, als er erkennt, dass er in "Süßes Leid", so lautet der Titel des Buches, seine eigene Geschichte zu lesen bekommt. Für Zachary beginnt ein fantastisches Abenteuer.

 Es mag sein, dass Zachary die Hauptfigur in "Das sternenlose Meer" von Erin Morgenstern verkörpert, doch in Wahrheit ist er die Spitze eines verwinkelten, in vielen Richtungen aufgebautes, aufeinander gestapeltes, fantastisches und großartig aufgebautes Erzählkonstrukt, das an wunderbarer Erzählkunst nicht mehr zu überbieten ist. Allein der Haupthandlungsstrang ist so wunderbar fantasievoll und voller neuen Ideen, dass man jeden Weg, den Zachary geht mit großen Augen verfolgt und es nicht mehr erwarten kann, weiter zu blättern. 
Doch dann sind da noch die vielen Nebengeschichten, scheinbar wahllos zusammengewürfelt, die immer wieder die Haupthandlung unterbrechen, aber meistens mit dem sternenlosen Meer in Verbindung stehen, genau wie Zacharys Erzählstrang. Allen voran geht die kurze Geschichte von Schicksal und Zeit, die Zachary zu Beginn des Buches erzählt bekommt und mit dessen Motive und Symbole es man immer wieder im Verlauf zu tun bekommt. 
Doch, was ist diese Autorin bloß für eine großartige Erzählerin? Was für wunderbare Geschichten sie in "Das sternenlose Meer" vereint, die sofort ins Herz gehen und mit deren Worte man sich am liebsten zudecken möchte. Und scheinbar wahllos zwischen die Seiten geschoben, ergeben sie doch mit jeder weiteren gelesenen Seite immer mehr Sinn und verweben sich langsam mit der Haupthandlung. 
Wie viele andere Leserinnen und Leser, die in das sternenlose Meer getaucht sind, habe auch ich mich einstweilen ein bisschen verloren gefühlt in den vielen Geschichten mit den unzähligen Hintertüren und Symbolen, und auch am Ende des Buches fühlte ich mich mit vielen offenen Fragen alleine gelassen, doch zusammenfassend war "Das sternenlose Meer" eine großartige und vor allem einzigartige Leseerfahrung. So etwas wie Erin Morgensterns Nachfolger des Bestsellers "Der Nachtzirkus" habe ich zuvor noch nie lesen dürfen. Dazu sprüht dieses wunderbare Buch auch noch dazu von einer unbändigen Liebe zum geschriebenen Wort. Alles in "Das sternenlose Meer" ist voller Geschichten und Bücher und Katzen, die fast schon obligatorisch zu unzähligen Regalreihen voller Bücher und dem Lesen dazugehören und ein bisschen die heimlichen Stars des Buches sind. Aber nicht nur die Liebe zu Büchern wird hier thematisiert, sondern auch die Liebe allgemein, die man fast durchgehend in der Geschichte findet. An jeder geheimnisvollen und verwinkelten Ecke leuchtet sie einem entgegen und beweist immer wieder, was für eine große Macht sie besitzt und dass sie Raum- und Zeitgrenzen überwindet. 

Wer Fantasy liebt und dazu noch eine Schwäche für besondere Bücher besitzt, der muss "Das sternenlose Meer" im Bücherregal stehen haben, denn vielleicht ist es genau das besondere Buch, diese magische und besondere Geschichte, die auch Zachary in "Süßes Leid" im Bücherregal gefunden hat.
Seid ihr bereit für ein großes Abenteuer?