Donnerstag, 15. März 2018

Ein Tag im Winter 1945

Bücher haben die Macht die unterschiedlichsten Emotionen bei ihren Leserinnen und Lesern zu wecken.
Manche Bücher machen führen Glück herbei, das noch tagelang andauert. Andere wecken Trauer bei ihren Lesenden oder schmerzhafte Erinnerungen und damit ist nur eine geringe Bandbreite an Emotionen genannt. 
Dann gibt es diese Bücher, die so intensiv geschrieben sind, dass sie einen noch tagelang beschäftigen. Sie spuken wie ein nicht enden wollender Gedankenkreis in unseren Köpfen herum, so lange, dass unsere Mitmenschen vom Gelesenen erfahren sollten. In den meisten Fällen beginnen solche Gespräche mit dem Satz:
"Ich habe letztens ein Buch gelesen, davon muss ich dir unbedingt erzählen!"
Und enden im besten Fall mit:
"Das Buch muss ich mir unbedingt auch kaufen!"

Es gibt allerdings Tage, in denen Bücher eine noch größere Macht besitzen. 
Eine Macht, die sich komplett entfaltet in dem Moment, wenn die gelesene Geschichte zu etwas Persönlichem wird, das eine geradezu schicksalshafte Bedeutung für den eigenen Lebensweg annimmt. 

Am 30. Januar 1945, um kurz nach 21 Uhr, wurde die 'Wilhelm Gustloff', ein Kreuzfahrtschiff der nationalsozialistischen Organisation 'Kraft durch Freude' (KdF) und ehemaliges Lazarettschiff im zweiten Weltkrieg, von dem russischen U-Boot S-13, unter seinem Kommandanten Marinesko, rund sechzig Kilometer vor der Pommerschen Küste, mit drei Torpedos versenkt. Irrtümlich wurde die 'Wilhelm Gustloff' für ein Kriegsschiff gehalten, das Soldaten über die Ostsee vor der Roten Armee retten sollte. In Wahrheit handelte es sich um ein Flüchtlingsschiff, das hauptsächlich unschuldige Zivilisten an Bord hatte. 
Über die Anzahl der Menschen, die sich zum Zeitpunkt des Untergangs auf der 'Wilhelm Gustloff' befanden, herrschte lange Zeit Unklarheit. 
Heinz Schön, Autor des Buches "SOS Wilhelm Gustloff: Die größte Schiffskatastrophe der Geschichte" kam zu dem Ergebnis, dass sich insgesamt 10582 Menschen an Bord befanden, wobei sich die Zahl der Überlebenden auf 1239 belief. Somit starben beim Untergang insgesamt 9343 Passagiere, sechsmal mehr als auf der 'Titanic'. Nur einige Hundert von ihnen waren Soldaten, hauptsächlich befanden sich unter ihnen Frauen und Kinder. Der Untergang der 'Wilhelm Gustloff' wurde als größte Katastrophe der Schifffahrtsgeschichte bezeichnet. 
Salz für die See, Ruta Sepetys. Königskinder
Verlag, 2016
Als ich das Buch "Salz für die See" von Ruta Sepetys, erschienen im Königskinder Verlag, in die Hände nahm, durch die ersten Seiten blätterte und den Rest der Geschichte gleichzeitig begierig aber auch erschüttert zu Ende las, hatte ich keine Ahnung, auch einem Stück meiner eigenen Geschichte auf diesen Seiten zu begegnen. In "Salz für die See" begleitete ich drei Jugendliche bei ihrer Flucht vor der Roten Armee zur 'Wilhelm Gustloff', das Flüchtlingsschiff, das Rettung versprach. Die Autorin scheute sich nicht davor, den Schrecken, das Elend und das Leid, das die Menschen bei ihren zahlreichen Fluchten ertragen mussten, in ihrem Roman darzustellen. Zahlreiche Menschen starben bereits hier durch Verhungern, Erfrieren oder an Krankheiten. Als sie sich dann auf der völlig überladenen 'Wilhelm Gustloff' in Sicherheit wähnten, begriffen sie ziemlich schnell, dass der Albtraum erst begonnen hat.
Noch lange, nachdem ich die letzte Seite von "Salz für die See" gelesen habe, blieb das Buch, das einen viel zu lange nicht beachteten Teil unserer Geschichte beleuchtete, in meinen Gedanken. Und zwar so intensiv, dass es zu dem bereits erwähnten Bedürfnis kam, meinen Mitmenschen davon zu erzählen. Ich sprach meine Mutter an und erhielt damit die Erkenntnis, dass die Geschichte noch viel mehr war, als ich angenommen hatte. 

Meine Großmutter väterlicherseits, die ihre ersten zwölf Lebensjahre in ihrer
Heimat Danzig in Polen verbracht hat, wurde im Jahre 1945 gezwungen mit ihrer Familie vor der Roten Armee zu fliehen. Mit ihren Eltern und vier Geschwistern startete ihre Flucht im Januar 1945 in Danzig mit dem etwa dreißig Kilometer entfernten Ziel: Gotenhafen. Hier wollte die Familie die 'Wilhelm Gustloff' nehmen, um im Westen vermeintliche Sicherheit zu finden. Zu Fuß machten sie sich im tiefsten Winter auf den Weg. Dort angekommen ragte das riesige Schiff vor ihnen auf. Gotenhafen bat einen unvorstellbar grausamen Anblick. Tausende Menschen versuchten verzweifelt noch im letzten Moment auf die Gustloff zu kommen, die für sie in diesem Augenblick die einzige Rettung bedeutete. Verzweifelte Mütter warfen ihre Babies und Kleinkinder anderen Menschen zu, die sich bereits an Bord befanden, auch dann noch, als das Schiff bereits auslief. Menschen, die von dem Grauen tagelanger Flucht gezeichnet waren, brachen weinend in der Menge zusammen und wurden niedergetrampelt.
Auch die Familie meiner Großmutter, und sie selbst, versuchte auf die Gustloff zu gelangen, doch ohne Erfolg. Immer wieder wurden sie abgedrängt und mussten am Ende hilflos dabei zusehen, wie das Schiff aus dem Hafen auslief und sich in den tiefen Weiten der Ostsee verlor. In diesem Hafen mit noch tausenden Menschen um sich herum, die es ebenfalls nicht mehr auf die Gustloff geschafft hatten, waren die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit in die Gesichter der Menschen eingegraben. Denn sie wussten da noch nicht, welche Katastrophe dem ehemaligen Kreuzfahrtschiff bevorstand. 
Meine Großmutter unmittelbar vor
der Flucht in Danzig.
(Foto: Privatbesitz)
Bei der anschließenden Suche nach einer anderen Fluchtmöglichkeit, starb die jüngste Schwester meiner Großmutter an Hunger und Erfrierungen. Dem Rest der Familie gelang als eine der letzten die Flucht nach Deutschland. 

Eine nicht enden wollende Gänsehaut überkommt mich bei dem Gedanken, dass, wenn meine Großmutter und ihre Familie an diesem Tag im Winter 1945 ihr Ziel erreicht hätten, wenn sie es an Bord der Gustloff geschafft hätten, ich möglicherweise diese Zeilen nicht hätte schreiben können. Sicherlich sind das eine Menge 'hätte', doch es ist wahrscheinlich töricht zu glauben, dass meine Großmutter das Glück gehabt hätte, zu den wenigen Überlebenden des Untergangs der 'Wilhelm Gustloff' zu zählen. So lässt es sich also als eine schicksalshafte Wendung nicht nur für ihr eigenes Leben bezeichnen, dass sie das Schiff nicht erreichen konnte. 

Leider konnte ich meine Großmutter selbst zu ihren persönlichen Geschichte um den Tag der 'Wilhelm Gustloff'-Katastrophe nicht mehr befragen, da sie vor drei Jahren starb.Weil sie diese Geschichte zu Lebtagen aber oft erzählte, erfuhr ich viel von ihren eigenen Kindern: meinem Vater und meiner Tante. Als unmittelbare Zeitzeugin beantwortete mir auch ihre jüngere Schwester einige meiner Fragen. 
Ein Teil der Familie meiner
Großmutter.
(Foto: Privatbesitz)

So entstand ein ungefähres Bild dieses bedeutenden Tages im Winter 1945.
Das Bild eines schrecklichen und sinnlosen Krieges.
Das Bild von einer der größten Schiffskatastrophen der Geschichte.
Das Bild von tausenden, unschuldigen Menschen, getrieben in die Flucht, in den Hunger und in den Tod. 
Dass wir uns daran erinnern, immer und immer wieder, ist wichtiger denn je.

Und das Bild einer persönlich schicksalshaften Fügung. 
In Erinnerung heraufbeschworen, weil manche Geschichten so viel Macht haben, dass sie uns so lange im Kopf bleiben, bis wir den Satz sagen:
"Du, ich habe da letztens ein Buch gelesen, davon muss ich dir unbedingt erzählen!"

Meine Großmutter und meine Tante in Gotenhafen (Ablegestelle der Wilhelm Gustloff)
(Foto: Privatbesitz)


Quellen:
-Bill Niven (Hrsg.): Die „Wilhelm Gustloff“. Geschichte und Erinnerung eines Untergangs. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2011.
-Triumph und Tragödie der Wilhelm Gustloff . Dokumentarfilm von Karl Höffkes und Heinz Schön, Deutschland, 2000.




Sonntag, 11. März 2018

Karen M. McManus - One of us is lying



Verlag: cbj
Seiten: 449
Erschienen: 26. Februar 2018
Preis: 18 Euro (Ebook: 13.99 Euro)






Ein scheinbar ganz normaler Nachmittag in einer amerikanischen High School. Fünf Schüler und ein Lehrer sitzen in einem Klassenraum. 
Bronwyn, Addy, Cooper, Simon und Nate müssen nachsitzen, weil sie unerlaubt Handys in den Unterricht gebracht haben. 
Am Ende des Nachsitzens ist ein Schüler tot und die restlichen vier werden zu Verdächtigen in einem Mordfall.
Ein perfides Spiel mit der Wahrnehmung und die Suche nach dem Mörder beginnt, denn eines ist klar:
Einer von ihnen lügt.

"One of us is lying" von Karen M. McManus bedient sich eines Ausgangsszenarios, das auch schon bei den guten alten Krimiklassikern von Agatha Christie großartig funktioniert hat. Auch bei Christie fand meistens einer ihrer Protagonisten den Tod, während die übrig gebliebenen zu Verdächtigen wurden.
McManus baut um dieses Szenario einen modernen High School Thriller auf, der mich durchweg unterhalten konnte. Die Autorin versteht sich darin, die vielen kleinen Wendungen, die die gesamte Handlung noch einmal in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen, geschickt einzubauen, so dass ich bis zum Ende nicht wusste, wer von den Protagonisten schlussendlich gelogen hat. Auch die finale Auflösung des Dramas beim Nachsitzen hat mir sehr gut gefallen, da sie verschiedene Eindrücke der Figuren, von seiten des Lesers, Verdachtsmomente und Verdächtigungen komplett auf den Kopf stellte und damit der Handlung wieder eine neue Richtung gab. 
Beim Vorabsichten einiger Rezensionen ist mir aufgefallen, dass oftmals die stereotypische Figurenkonstellation in "One of us is lying" bemängelt wurde.
Tatsächlich begegnen wir zu Beginn der Geschichte Bronwyn als typisch ehrgeiziges Nerd-Mädchen mit großen College Ambitionen und viel zu hohen Erwartungen an sich selbst und Addy, der wunderschönen Homecoming-Queen mit dem gutaussehenden Freund und viel zu niedrigen Erwartungen an sich selbst. Wir treffen Cooper, der gutmütige Vorzeigesportler, Nate, als Bad Boy mit Vorstrafe und Simon als typischen Außenseiter. Mit der von Simon kreierten App, die immer wieder Gerüchte über verschiedene Schüler der High School in Umlauf bringt, kommt zu den stereotypischen Charakteren ein Hauch 'Gossip Girl' hinzu, da die App im weiteren Verlauf ein wichtiges Handlungselement darstellt.
Ich glaube allerdings, dass das Stereotypische an den Figuren genauso gewollt war von der Autorin, da die Figuren erstens, während der Handlung, einen intensiven Wandel vollziehen, und zweitens diese Art der Figurenkonstellation ebenfalls ein wichtiges Merkmal des klassischen Krimis darstellt. Wenn man Charaktere demnach mit genug typischen Eigenschaften ausstattet, kann man den Leser viel besser in die Irre führen. Wir sind der Überzeugung, Handlungen von solchen Figuren viel besser vorauszusehen, als von solchen, die undurchsichtig bleiben und sind dann dementsprechend überrascht, wenn diese Figuren plötzlich ganz anders handeln, als erwartet.
So zeigt Karen M. McManus in "One of us is lying", dass die klassischen Krimielemente immer noch funktionieren. Sogar in Jugendbüchern. Man muss sie nur dementsprechend gestalten und übertragen. 
Denn am Ende ist es doch immer einer, der lügt.

Freitag, 9. März 2018

Ava Reed - Die Stille meiner Worte




Verlag: Ueberreuter
Seiten: 320
Erschienen: 09. März 2018
Preis: 16.95 Euro (Ebook: 14.99 Euro)






Hannah hat ihre Worte verloren. 
Seit ihre Zwillingsschwester Izzy gestorben ist, findet sie keine Möglichkeit mehr sich akustisch ihrer Außenwelt mitzuteilen.
Hannahs Mauern, die sie um sich baut, wachsen ins Unendliche und es scheint, als würde niemand sie einreißen können. Bis zu dem Tag, an dem Hannah Levi über den Weg läuft, der fest entschlossen ist hinter ihre Fassade zu blicken und hinter ihr dunkles Geheimnis zu kommen. 

Worte zu finden ist manchmal nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. An manchen Tagen sprudeln sie aus dir heraus und du hast Mühe dabei sie in die richtige Reihenfolge zu bringen, dann gibt es Tage, an denen du sie suchst und suchst und froh bist, wenn du sie wiederfindest. 
Es kann aber auch sein, dass so etwas Schreckliches und Grausames geschieht, dass die Worte einfach verschwinden, weil sechsundzwanzig Buchstaben im Alphabet so lapidar und so wenig erscheinen, um Gefühle zu beschreiben, die nicht zu beschreiben sind und die Worte verschwunden bleiben, egal, wie verzweifelt man nach ihnen sucht. 
Und dann gibt es die schönen Momente, in denen man ein Buch liest, das den Worten Tribut zollt und das so wunderschön geschrieben ist, dass die Gänsehaut zu einem alten Freund wird und die Tränen in den Augen zu einem ständigen Begleiter. 
Eine Geschichte, die es geschafft hat Trauer, Verlust, Schuld, Freundschaft und diese kleinen Glücksmomente, die das leise Versprechen in sich tragen, dass sich das Leben vielleicht doch lohnt richtig und intensiv zu leben, in perfekter Harmonie in sich zu vereinen. 
Ein Buch, das weiß, wie es diesen besonderen Klebstoff ausarbeiten muss, der bewirkt, dass es an den Händen seiner Leserinnen und Leser kleben bleibt und es fast unmöglich scheint die Geschichte beiseite zu legen. 
Ein Buch, das man nach der letzten gelesenen Seite in die Arme schließt und sich dabei keine einzige Minute albern vorkommt. 
Ein Buch, das man versucht mit Worten gerecht zu werden, obwohl man weiß, dass dieses Vorhaben schon beim ersten Mal, in dem die Tränen deinen Blick auf die Worte verschleiert haben, aussichtslos ist. 
Für mich persönlich, die den Weg der Autorin Ava Reed seit Beginn verfolgt hat, ist "Die Stille meiner Worte" ihr bestes Werk. Sie erzählt die Geschichte einer Protagonistin, die ihre Worte verloren hat, und schafft es dabei nicht Gesprochenes durch ihren besonderen Schreibstil sichtbar zu machen, so dass man die Möglichkeit erhält, als Leser, eine ganz persönliche und fast schon intime Beziehung zu Hannah aufzubauen, da wir, die die Geschichte lesen, lange Zeit die Einzigen sind, die hinter Hannahs Fassade schauen dürfen. Und das tut manchmal so weh, dass man nicht nur einmal in die Worte hineinkriechen möchte, um Hannah Trost zu spenden und um ihren Glückskater Mo, ihren ständigen und treuen Begleiter, über das Fell zu streicheln. 
Doch "Die Stille meiner Worte" ist noch so viel mehr als ihre besondere Protagonistin. Wir begegnen Nebenfiguren, denen die Bezeichnung "NEBENfiguren" ungefähr so nahe kommt, wie Schnee dem Sommer. Egal, ob Sarah, Levi oder Lina, Sie alle haben ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen, Sie haben ihr Päckchen zu tragen und vor allem tragen Sie die Geschichte genauso wie Hannah und natürlich Mo. Ohne ihre Nebenfiguren hätte "Die Stille meiner Worte" nicht erzählt werden können. 
Ava Reeds mittlerweile sechstes Buch ist also auf vielerlei Art und Weise wertvoll. Es schafft es Unausgesprochenes auszusprechen und durch wundervolle Figuren den Schmerz und den Verlust nicht zu einem allumfassenden Etwas zu machen, das man nicht überwinden kann. Aber vor allem ist es eine Hommage an das Leben, den Neuanfang und die Erkenntnis, dass sich das Leben lohnt, egal, wie schwer es manchmal ist. 

Dienstag, 27. Februar 2018

Naomi Alderman - Die Gabe




Verlag: Heyne
Seiten: 466
Erschienen: 12. Februar 2018
Preis: 16.99 Euro (Ebook: 13.99 Euro)





Von einem auf den anderen Tag wird die bisherige Weltordnung auf den Kopf gestellt. Am sogenannten "Tag der Mädchen" entdecken junge Frauen in sich die Gabe. Durch ihre Hände können sie Stromstöße abgeben. Zudem sind sie in der Lage diese Fähigkeit auf ältere Frauen zu übertragen. Plötzlich sind die Frauen den Männern überlegen und werden als 'stärkeres Geschlecht' bezeichnet.
Inmitten dieses Umbruchs verfolgen wir den Weg vier völlig verschiedener Menschen und erleben hautnahe, wie es ist, wenn Rollen plötzlich getauscht und bisherige Hierarchien gestürzt werden. 
Doch ist eine von Frauen regierte Welt wirklich eine bessere Welt?

Während des Lesens von "Die Gabe" von Naomi Alderman fragt man sich nicht nur einmal, warum dieser Roman erst jetzt geschrieben wurde. Sicherlich kommt die Geschichte mit der aktuell laufenden 'mee too' Bewegung scheinbar genau zum richtigen Moment, doch wer glaubt, dass die Autorin eine, von Frauen regierte, Welt erschaffen hat, in der nur Frieden herrscht, der täuscht. 
In "Die Gabe" geht es nicht hauptsächlich um die Frage, was passieren würde, wenn Geschlechterrollen plötzlich getauscht werden, auch wenn dieser Punkt natürlich einen wichtigen Stellenwert einnimmt, es geht viel mehr darum, was passiert, wenn Menschen zu viel Macht bekommen und vom vorher gewählten Weg abkommen. 
Trotzdem bleibt die Idee hinter der Geschichte revolutionär. Naomi Alderman kreiert eine Welt, in der sich Männer als Frauen verkleiden, um in der Gesellschaft ernst genommen zu werden. Durch den völligen Umbruch der Geschlechterrollen, versteht sich die Autorin geschickt darin wichtige Eckpfeiler in die Handlung einzubauen, die das Denken verändern werden. 
Wie wäre es beispielsweise, wenn Männer nicht mehr ohne einen weiblichen Vormund vor die Tür gehen dürften? 
Was würde passieren, wenn sie nicht mehr alleine Auto fahren dürften?
Wenn sie sich die Erlaubnis des weiblichen Vormundes einholen müssten, um eine Firma zu gründen oder ein Geschäft zu eröffnen? 
Das klingt alles ziemlich weit hergeholt?
In vielen Ländern sind diese Gesetze für Frauen die Tagesordnung. 
Ein weiterer Pluspunkt für "Die Gabe", neben der außergewöhnlichen Idee und den wichtigen Botschaften hinter der Geschichte, ist die Erzählweise. Erzählt wird größtenteils aus der Sicht vier verschiedener Charaktere, die einen ganz unterschiedlichen Blick auf die Handlung gewähren. Die Senatorin Margot beleuchtet die politische Lage, seit dem Tag der Mädchen. Roxy, Mitglied einer Londoner Verbrecherfamilie, entdeckt als Erste an sich die Gabe und beleuchtet den nicht ganz legalen Aspekt in dieser neuen Welt. Allie repräsentiert in der Geschichte eine durchaus nicht unbekannte Entwicklung, wenn etwas geschieht, was auf Anhieb nicht wissenschaftlich erklärt werden kann: den religiösen Fanatismus. Als 'Mother Eve' verkündet Allie, dass Gott weiblich ist und dass die religiöse Art zu denken sich völlig verändern muss. Mit einer immer stärker wachsenden Anhängerschaft zeigt sich in diesem Erzählstrang ebenfalls, wie leicht sich Menschen bekehren lassen, wenn sie mit etwas nicht Erklärbarem konfrontiert werden. Die letzte Figur bricht dann vollkommen aus der Reihe aus und das macht sie wahrscheinlich so interessant. Tunde ist die einzig männliche Figur und fungiert als Nachrichtenmedium, weil er derjenige ist, der journalistisch immer nahe am Geschehen ist und auch von weiblicher Seite akzeptiert wird, weil es ihm darum geht Geschichten zu erzählen und viele Frauen in "Die Gabe" ihre Geschichte erzählen wollen.
Ob Naomi Aldermans Roman eine Dystopie ist, hängt wohl von der jeweiligen Betrachtungsweise ab. Unbestreitbar ist aber, dass "Die Gabe" eine hochinteressante Geschichte geworden ist, die den Blick auf die Dinge verändern wird. Auf verschiedene Arten und Weisen. 

Freitag, 16. Februar 2018

Lesemonat Dezember

Liebe Freunde, 
es wird mal wieder Zeit für einen Lesemonat. Wie es üblich geworden bin, bin ich natürlich wieder viel zu spät dran und reiche euch meinen Lesemonat Dezember nach. 
Im Dezember habe ich insgesamt zehn Bücher gelesen, ein Ebook war dabei. Insgesamt waren es 3726 Seiten. 
Das waren die Fakten. Dann kann es ja losgehen. 
Los ging es im Dezember mit einem Buch von Jane Austen, das schon lange auf meiner Leseliste stand. Neben Austens berühmtesten Werk "Stolz und Vorurteil" gingen manche ihrer anderen Geschichten immer ein bisschen unter, was schade ist, da man hier wirkliche Juwele findet. Natürlich muss man wissen, worauf man sich bei Jane Austen einlässt. Weitschweifige Erklärungen,vor allem von der Natur der englischen Landsitze, auf der ihre Geschichten die meiste Zeit spielen, sind an der Tagesordnung, aber ich liebe es! Ich liebe ihren Schreibstil, die Atmosphäre, die dieser heraufbeschwört und vor allem liebe ich ihre Figuren, vor allem die weiblichen, die vielleicht einer veralteten Rolle hier unterliegen, es aber doch immer wieder schaffen aus dieser auszubrechen. In "Verstand und Gefühl" geht es um zwei ungleiche Schwestern, die mich bezaubert haben. Ich habe es geliebt.
Weiter ging es im Dezember mit dem ersten Teil einer Reihe, um der ich scheinbar ewig lange herumgeschlichen bin und das jetzt nicht mehr so richtig verstehen kann. Percy Jackson ist großartig! Ich liebe den Humor in der Geschichte um diesen besonderen Helden, der mit seinen ungleichen Freunden immer wieder neue Abenteuer erlebt. Durch den ersten Band "Diebe im Olymp" bin ich geflogen, weil ich unbedingt wissen musste, wie es ausgeht. Es ist spannend, witzig, actionreich und besitzt einen einzigartigen Charme, der mich sofort gewinnen konnte. Eben alles, was eine großartige Kinder- und Jugendfantasyreihe braucht. Ich bin auf jeden Fall ein großer Percy-Fan geworden und musste mir natürlich sofort die restlichen Bände auch holen. 
Der Dezember ist ja bekanntlich einer der grauen und düsteren Monate. Die perfekte Atmosphäre für einen Horrorroman. Der letzte ist bei mir schon eine ganze Weile her, weil ich ehrlich gesagt immer eine gehörige Portion Mut zusammenkratzen muss, bevor ich mich das traue. Aber bei "Hex" von Thomas Olde Heuvelt konnte ich nicht anders. Praktisch war es auch, dass ich dieses Buch zum Geburtstag von der lieben Jill von Letterheart-Bücherblog geschenkt bekommen habe. In "Hex" geht es um, wie wahrscheinlich richtig vermutet, um eine Hexe, die in einem amerikanischen Dorf namens Black Springs spukt. Ein eigentlich altbekanntes Szenario, das in einen völlig neuem und interessanten Licht beschrieben wurde.Ich habe mich gleichzeitig unglaublich gefürchtet und war sehr beeindruckt, welchen Lauf die Geschichte genommen hat. Wer es noch etwas ausführlicher haben möchte, ich habe zu "Hex" eine Rezension geschrieben.
Das nächste Buch aus dem Lesemonat Dezember kommt von Kathryn Stockett und heißt "Gute Geister". Seltsamerweise fiel dieser Roman bei Erscheinung vollkommen aus meinem Radar. Als ich ihn zufällig auf Instagram entdeckt habe, habe ich noch nie von der Geschichte gehört und ging deswegen völlig unvoreingenommen an das Buch heran. Und ich wurde sehr überrascht. In "Gute Geister" finden wir gleich eine ganze Handvoll großartiger und mutiger Frauen, die für sich einstehen und unglaublich inspirierend sind. Nach der Lektüre musste ich mir dann natürlich auch sofort die filmische Umsetzung mit Emma Stone in der Hauptrolle ansehen, die ebenfalls mehr als gelungen war. Ein wundervolles Fundstück also, das mir sehr gut gefallen hat.
Weiter ging es im Dezember mit einem Buch, das man eigentlich nur in einem Rutsch durchlesen kann. Es ist fast unmöglich "Dann schlaf auch du" von Leila Slimani auch nur eine Minute beiseite zu legen. Dabei findet man den tragischen Höhepunkt der Geschichte bereits zu Beginn der Handlung. Trotzdem schafft es die Autorin in einem nüchternen Schreibstil eine unglaublich intensive Spannung aufzubauen, die den Leser ganz langsam umschließt. Am Ende der Geschichte war ich völlig fertig und damit ist "Dann schlaf auch du" auch ganz sicher kein Buch, das man sofort wieder vergisst, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Die Geschichte nistet sich ins Unterbewusstsein ein und meldet sich immer wieder. Ich weiß gar nicht, welches Genre ich in diesem Fall benennen will. "Dann schlaf auch du" ist einzigartig und sollte deswegen unbedingt gelesen werden. Auch zu diesem Buch habe ich eine Rezension geschrieben.
Auch eine Weihnachtsgeschichte durfte im Lesemonat Dezember natürlich nicht fehlen. Gefallen ist die Wahl auf "7 Kilo in 3 Tagen - Über Weihnachten nach Hause" von Christian Pokerbeats Huber. Und wie auch schon bei seinem ersten Buch "Fruchtfliegendompteur" kam ich erstens aus dem Lachen nicht mehr heraus und zweitens habe ich mich selbst mehr als einmal wiedererkannt. Anders als sein erstes Buch, in dem man Beschreibungen von typischen Alltagssituationen wiederfindet, ist diese etwas andere Weihachtsgeschichte ein Roman, der mich sehr gut unterhalten konnte und in der der Protagonist über seinen weihnachtlichen Besuch im elterlichen Zuhause berichtet. Wer also auch für das nächste Weihnachten eine gute Geschichte sucht, kann sich noch gerne vorher meine Rezension ansehen und dann das Buch kaufen. 
Puh, könnt ihr noch? Na gut, dann gehts weiter. Ein weiteres Buch aus dem Lesemonat Dezember war auch mein erstes Buch der Autorin Juli Zeh, von der ich im Vorfeld schon einiges gehört habe. Dementsprechend gespannt war ich auf ihr neustes Werk "Leere Herzen" und wurde dann mehr als überzeugt. "Leere Herzen" entpuppte sich als brillante Sozialdystopie, die unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Das erfährt man übrigens schon am Anfang des Buches bei der Widmung, die lautete "Da. So seid ihr". "Leere Herzen" spielt in einem Deutschland der unmittelbaren Zukunft und zeigt eine Gesellschaft auf, die erschreckend empathielos geworden ist und die aber nicht mehr so weit von uns entfernt ist. Definitiv eine Autorin, von der ich in nächster Zeit noch mehr lesen werde.
Im Dezember habe ich auch mal wieder einen Ausflug in den New Adult Bereich gemacht. Eigentlich habe ich dieses Genre komplett abgeschrieben, weil mir die Geschichten einfach immer wieder zu sehr ähneln. Natürlich weiß ich, dass man sich hierbei nicht neu erfinden kann, trotzdem erwarte ich zumindest einen gewissen Anreiz von Originalität und muss sagen, dass ich dieses Mal wirklich Glück hatte. "Mayhem" von Jamie Shaw konnte ich mich wirklich über die gesamte Länge sehr gut unterhalten. Natürlich gibt es auch hier Altbekanntes, trotzdem war die Geschichte so unterhaltsam geschrieben, dass man leicht darüber hinwegsehen konnte. Wer also etwas Leichtes für zwischendurch sucht, ist hier sehr gut aufgehoben. (Deutscher Titel: Rock my Heart)
Das nächste Buch aus dem Dezember war ebenfalls eine Geschichte, die mich total überrascht hat. "Ich treffe dich zwischen den Zeilen" ist eher durch Zufall auf meine Wunschliste gekommen. Das Buch von Stephanie Butland war dann glücklicherweise ebenfalls ein Geschenk von der wunderbaren Jacquelin von Bookaholic. zum Geburtstag und ich war wirklich begeistert. "Ich treffe dich zwischen den Zeilen" ist eine stille Liebesgeschichte mit einem Hauch Dramatik und unglaublich liebevollen und besonderen Charakteren, die ich sofort auch in meinem Leben haben will. Das Buch gehört zu den Schmuckstücken, die man immer wieder hervorholt und in Erinnerungen versinkt. 
Das letzte Buch aus meinem Lesemonat stand schon sehr lange auf meiner Wunschliste. Dementsprechend gespannt war ich dann natürlich auf das neuste Werk von Bernhard Schlink "Olga", das die Lebensgeschichte einer unglaublich mutigen und besonderen Frau erzählt. "Olga" hat mich von der ersten Seite für sich eingenommen. Besonders gelungen fand ich die verschiedenen Perspektivwechsel, die während der Handlung vorgenommen werden und vor allem der letzte Teil hat es mir unglaublich angetan. Denn da verwandelt sich Bernhard Schlinks Buch plötzlich in einen Briefroman. Die Briefe haben mich unglaublich berührt und gaben der Geschichte genau das richtige Ende. Alles in allem ein rundum gelungenes Werk. Wer noch nicht überzeugt ist, auch zu "Olga" habe ich eine Rezension geschrieben.

Das war er also. Mein Lesemonat Dezember. Allerhand war dabei aber insgesamt haben mir alle Bücher gut gefallen. Und sehr bald folgt dann auch schon mein Lesemonat Januar :)
Ich wünsche euch noch einen schönen Abend.

Lisa. 

Mittwoch, 7. Februar 2018

Diogenes Liebe

Wir Bücherliebhaber kennen das Gefühl nach einer besonders guten Lektüre möglichst vielen Menschen von dem eben gelesenen Buch berichten zu wollen. Man möchte seinen Mitmenschen klar machen, dass es diese Geschichte ist, die sie gerade brauchen. 
Dass dieses Buch deinen schlechtesten Tag zu einem großartigen macht.
Dass es dich und vielleicht sogar die Welt ein bisschen besser machen kann.

Aber was ist, wenn diese Bücher oft aus einem bestimmten Verlag kommen? Dann wird es Zeit für eine kleine Ode auf den Diogenes Verlag. 
Diogenes Bücher haben immer Charakter und etwas ganz eigenes an sich. Egal, in welcher Buchhandlung du dich gerade befindest, immer fallen diese besonderen Juwele mit dem breiten weißen Rand sofort ins Auge. Aber es ist nicht nur die einzigartige Aufmachung, die die Diogenes Bücher so besonders machen. Jedes meiner eigenen persönlichen Lesejahre beinhaltet mindestens ein Diogenes-Jahreshighlight.
Lieblingsbücher wurden gefunden und das Herz an Charaktere und Autoren verschenkt. Ein paar dieser besonderen Geschichten möchte ich euch an dieser Stelle gerne einmal vorstellen.
Wer weiß, vielleicht findet hier jemand sein neues Lieblingsbuch.

Martin Suter - Small World

Ich bin ein großer Suter Fan und habe fast alle Romane von ihm gelesen, doch am meisten im Herzen geblieben ist mir "Small World". Suters Geschichte um den Protagonisten Konrad, der langsam aber sicher seinen Verstand und sein Gedächtnis an der Alzheimer-Krankheit verliert, ist mit so einer besonderen und einzigartigen Wärme erzählt, dass Konrad nicht nur zu meinen absoluten Lieblingsprotagonisten gehört, sondern "Small World" sich schon längst in meine Herzensbücher eingereiht hat. 
Trotz seines ernsten Themas, ist Suters Roman ein wundervolles und berührendes Meisterstück geworden. Unbedingt lesen!

Benedict Wells  - Vom Ende der Einsamkeit

"Vom Ende der Einsamkeit" gehört zu diesen Büchern, die mich scheinbar wochenlang überallhin verfolgt haben. Das Buch schien dauernd zu rufen: 
"Jetzt kauf mich schon endlich! Du brauchst mich für dein Wohlbefinden!"
Und es hatte Recht.
Ihr kennt dieses Bedürfnis bestimmte Zitate in Büchern zu markieren, damit man sie immer wieder hervorholen und staunen, was für fast schon magische Dinge jemand mit Worten vollbringen kann. Bei "Vom Ende der Einsamkeit" vergeht dieses Bedürfnis nicht eine Sekunde, da das ganze Buch ein einziges Zitat ist. Genau hier hat meine unbändige Wells Liebe begonnen. Eine Liebe, die wohl niemals enden wird. 

Joey Goebel - Vincent

Immer noch habe ich ein schlechtes Gewissen wegen "Vincent". 
Wie konnte dieses Buch so lange auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegen bleiben? 
Wie konnte ich so ein Juwel von einem Buch so lange übersehen?
Gut machen kann ich das wohl nur, in dem ich möglichst viele Wort Paraden auf dieses Buch veranstalte. "Vincent" ist Anklage, Tragödie, Satire und Medienschrift in einem. Die Geschichte hält der Gesellschaft nicht nur den obligatorischen Spiegel vor, sie packt sie und zwingt sie hineinzusehen. In "Vincent" finden wir uns alle in irgendeiner Form wieder und deswegen ist dieses Buch so wichtig. 
Also lest es, liebt es, verinnerlicht es, lernt es am besten auswendig! 
Und vergesst nicht die Paraden...

Klaus Cäsar Zehrer - Das Genie

"Das Genie", mein jüngstes Lieblingsbuch aus dem Diogenes Verlag. 
"Ein ganz schöner Schinken", denkt ,man, wenn man es zum ersten Mal in den Händen hält. Doch die Seiten von "Das Genie" fliegen nur so an einem vorüber und plötzlich sieht man sich mit der erschreckenden Tatsache konfrontiert, dass die Geschichte bald zu Ende ist. 
Ich hätte noch tausend Seiten über das Harvard Wunderkind William James Sidis lesen können. Ein junger Mann mit einer unglaublichen, teils nicht zu fassenden Lebensgeschichte, in der sich Tragik und Komik sooft abwechseln, dass einem schon fast schwindelig wird, doch man will immer mehr. 
"Das Genie" ist eine teils fiktionale und teils biografische Geschichte, die so unglaublich gut recherchiert und geschrieben ist, dass man sich eigentlich nur ehrfürchtig vor dem Autoren verbeugen möchte. 

John Irving - Das Hotel New Hampshire

Mein Lieblingshotel aus New Hampshire war mein erster Irving und was hatten wir beiden zu Beginn unsere Probleme. An Irvings Schreibstil muss man sich gewöhnen, doch wenn man diese Gewöhnungsphase überwunden hat, ist plötzlich alles anders. Es ist nicht so, dass man sich mit seinem Schreibstil arrangiert. Man liebt ihn und fragt sich, wie man so lange ohne ihn leben konnte. Man liebt alles. Ich habe mich gewundert, dass meine Pupillen, während des Lesens, sich nicht plötzlich in kleine Herzchen verwandelt haben.
Irving erschafft die großartigsten Figuren, von denen du je lesen wirst. 
Sie sind so besonders. 
So anders. 
So außergewöhnlich, dass man sie sich ins echte Leben wünscht, bloß, um etwas Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen.
Es mag sein, dass "Das Hotel New Hampshire" und ich zuerst nicht gut miteinander aus kamen, doch jetzt gehört es zu meinen absoluten Lieblingsplätzen und ich würde wieder einziehen. Immer wieder. 



Sonntag, 4. Februar 2018

Haruki Murakami - Die Ermordung des Commendatore (Eine Idee erscheint)







Verlag: Dumont
Seiten: 482
Erschienen: 22. Januar 2018
Preis: 26 Euro (Ebook: 20.99 Euro)






Der namenlose Erzähler dieser Geschichte ist Maler und zieht, nachdem sich seine Frau überraschend von ihm trennt, in das ehemalige Anwesen eines anderen sehr bekannten Malers, der krankheitsbedingt dort nicht mehr wohnen kann. Zunächst verläuft sein Leben ruhig und in geordneten Bahnen, doch schon bald häufen sich seltsame und mysteriöse Zufälle auf dem Anwesen und auch im Leben des Erzählers, so weit, dass sich Realität und Fiktion schon bald nicht mehr voneinander unterscheiden lassen. 
Und unser namenloser Erzähler muss sich entscheiden, welcher Seite er nachgibt und welche Grenze er überschreiten will...

Endlich war es soweit. 
Der neue Roman von Haruki Murakami ist da und dieses Mal legt der wohl berühmteste japanische Autor auch noch einen Zweiteiler vor. "Die Ermordung des Commendatore" hat es geschafft meine Murakami-Liebe neu zu entfachen. Nachdem ich mit "Kafka am Strand" und "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" eher mit zwei Geschichten begann in das Murakami-Universum abzutauchen, in der die fantastischen Elemente im Vordergrund standen, beginnt "Die Ermordung des Commendatore" wesentlich ruhiger. Der Faszination tat dies aber keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Es ist schon erstaunlich, dass man es schafft, Geschichten in so einer Intensität zu erzählen, dass selbst ruhige Handlungsstränge mit atemloser Spannung gelesen werden. Murakamis Schreibstil ist wirklich besonders, in jeder Hinsicht. Er erschafft in seinen Geschichten so viele Bedeutungsebenen, dass man ganz eigene Interpretationen von eben Gelesenen für sich selbst kreieren kann. Zudem geht ein unglaublicher Sog von seinen Geschichten aus, dass ich bloß, nachdem ich das Buch aufgeschlagen hatte, einige Wörter in "Die Ermordung des Commendatore" lesen musste und fortan für die Außenwelt nicht mehr erreichbar war. 
Als sich dann die mystischen und teilweise wirklich unheimlichen Elemente in den Handlungsstrang hinein schlichen, war es mir fast unmöglich das Buch wegzulegen. Obwohl auch in diesem Teil der Geschichte weiterhin mit so einer unglaublichen Nüchternheit erzählt wird, konnte ich nicht anders als die Geschichte mit jeder weiteren Seite einzuatmen, es hatte beinahe etwas Hypnotisches an sich. 
Sicherlich lässt das Ende des ersten Bandes viel Raum für Spekulationen, Fragen und eben wieder für Interpretationen. Sogar der Prolog bleibt am Ende noch ungeklärt, doch genau dafür sind Fortsetzungen da. Und Murakami hat es geschafft eine so große Vorfreude auf den zweiten Band wachsen zu lassen, dass ich den April schon fast nicht mehr erwarten kann. 
"Die Ermordung des Commendatore" ist eine Geschichte über eine etwas vom Weg abgekommene Künstlerseele, die einen neuen Platz im Leben sucht. Es ist eine Geschichte über Selbstfindung, Selbstbestimmung und der Gewissheit, dass man im Leben Umwege gehen muss, die dann zur Erfüllung führen. Für mich war der erste Teil ein faszinierendes Leseerlebnis und ich kann nur jedem empfehlen dem Murakami-Universum unbedingt einmal einen Besuch abzustatten. Es kann allerdings sein, dass man nicht wieder gehen wird.